E-Commerce

Schwedin zieht die Fäden bei Zalando

Kinnevik gehört ein Drittel des Berliner Modeversenders. Die Chefin erklärt ihre Strategie

Wenn Cristina Stenbeck spricht, wähnt man sich eher im Silicon Valley als im Büro eines der ehrwürdigsten Familienunternehmen Schwedens. Sie spricht von der Jagd nach bahnbrechenden technischen Neuerungen, und sie fürchtet nur, dass sie verpasst, wenn ein Unternehmer das nächste Produkt erfindet, das die Welt oder zumindest eine Branche auf den Kopf stellt. Sie sieht es als ihre Aufgabe an, solche Firmen möglichst früh auszumachen und der börsennotierten Beteiligungsgesellschaft Kinnevik einzuverleiben, die die 36-Jährige in dritter Generation führt. „Wenn sie dich finden, ist es oft schon ein bisschen spät“, sagt die blonde Frau im blauen Kleid. Stenbeck war erst 24, als sie die Führung von Kinnevik übernehmen musste, nachdem ihr Vater Jan plötzlich an einem Herzanfall gestorben war.

Bei Zalando war Stenbeck offenbar früh genug dran. Bei dem größten europäischen Modeversender ist Kinnevik mit mehr als einem Drittel der Anteile der größte Aktionär, seit Februar ist sie auch Aufsichtsratsvorsitzende von Zalando. Es war 2007, als der Berliner Internetunternehmer Oliver Samwer nach Schweden kam und um Geld für Rocket Internet fragte, das Start-up der drei Samwer-Brüder.

Kurzentschlossen investierte Stenbeck 35 Millionen Euro. „Wir waren von Zalando sehr stark überzeugt“, sagt sie. „Das kam ziemlich plötzlich, aber wir waren uns alle einig, dass wir gemeinsame Sache mit den Samwer-Brüdern machen sollten“, erinnert sich Kinnevik-Vorstand Vigo Carlund, der damals dabei war. Er arbeitet seit 50 Jahren für Kinnevik und war zum Teil für die Aufgabe der Industriesparte verantwortlich, an der einst sein Herz hing.

Heute stehen Rocket und Zalando vor wohl milliardenschweren Börsengängen. Die Entscheidung Stenbecks, auf den Internetzug aufzuspringen, hat den Börsenwert von Kinnevik in sechs Jahren auf 75 Milliarden schwedische Kronen (8,2 Milliarden Euro) mehr als verdoppelt. Die Investor AB der Wallenbergs, die zweite große, familiengeführte Beteiligungsgesellschaft aus Schweden, hat sie mit diesem Wachstum hinter sich gelassen.

Erbin eines Imperiums

„Für uns war das ganz klar die nächste große Sache“, sagte Stenbeck in einem ihrer raren Interviews. „Es war die Fortsetzung dessen, was wir im Mobilfunk gemacht haben.“ Mit ihrem Bruder Max gehören Cristina Stenbeck 10,6 Prozent der Kinnevik-Aktien, aber 45 Prozent der Stimmrechte.

Mit ihrer Strategie sieht sich Cristina Stenbeck in guter Familientradition. Der Wandel hat bei Kinnevik Methode. Dass das Treffen mit Samwer in einem Landhaus von Korsnäs stattfand, der traditionsreichen Papier- und Zellstofffabrik, die Kinnevik später verkaufte, ist mehr als ein Symbol. Schließlich war es Cristinas Vater Jan, der die 1936 gegründete Industrie-Holding seines Vaters mit Stahl-, Papier- und Schokoladenfirmen umbaute in ein Telekommunikations- und Medienimperium.

Jan Stenbeck durchbrach in den 80er-Jahren das staatliche Fernsehmonopol in Schweden, indem er von London aus sendete, gründete die „Metro“-Gratiszeitungen, formte den schwedischen Telekomriesen Tele2 und die Sendergruppe MTG. Seine Tochter zog sich 2013 aus den Aufsichtsräten von Tele2 und MTG zurück. Cristina Stenbeck sieht im Telekomsektor kaum noch Wachstumsperspektiven. Der Markt sei gesättigt, die Margen unter Druck. Die Internetbeteiligungen machen ein Drittel des Kinnevik-Portfolios aus, Telekommunikationsfirmen und Finanzdienstleister noch 57 Prozent. Nur noch ein Prozent sind Industriebeteiligungen.

Dass seine älteste Tochter einmal ihrem Vater bei Kinnevik nachfolgen würde, war für Jan Stenbeck von Anfang an klar. Ihren ersten Posten in einem Aufsichtsrat übernahm sie mit 19. Als sie die Firma erbte, hatte sie gerade ihr Studium an der Georgetown-Universität in Washington abgeschlossen und ihren ersten Job im Marketing von Ralph Lauren angetreten. „Das kommt mir heute zugute“, sagt sie. „Ich war immer an Mode interessiert.“ Geboren in New York, hat sie die Sprache ihres Vaters erst als Teenager gelernt. Ihr Büro liegt im Londoner Nobelstadtteil Mayfair, wo sie mit ihrem Mann und drei Töchtern lebt. Ihr Auftreten unterscheidet sie von dem als laut und oft als ruppig empfundenen Vater. Cool ist sie, ihr Ton gemessen. „Wenn wir noch Schokolade und Pappkartons verkaufen würden, bräuchte man vielleicht einen anderen Stil. Aber mein Stil passt ganz gut.“ Doch Cristina Stenbeck spricht schneller, wenn sie vom Aufbruch in neue Märkte spricht.

Während die Schweden Mittsommer feiern, reist sie durch Afrika. „Das sind neue Märkte mit einer riesigen Bevölkerung.“ Rocket Internet will nun mit „Jumia“ und mit Kinnevik-Geld eine Art Amazon für Nigeria aufbauen.

Zweifel an der Nachhaltigkeit

Doch Kritiker zweifeln, ob Stenbecks Strategie nachhaltig genug ist. Noch schreibt Zalando Verluste, und als der – schon börsennotierte und profitable, aber kleinere – britische Rivale Asos vor einigen Wochen vor sinkenden Gewinnen warnte, ging auch die Kinnevik-Aktie in die Knie. Insgesamt hat sie in diesem Jahr zehn Prozent eingebüßt. Doch der neue Kinnevik-CEO Lorenzo Grabau verteidigt die Strategie. Verluste gehörten dazu, wenn man ein großes Geschäft aufbauen wolle. Zalando sei auf dem Weg in die schwarzen Zahlen.

Zalando habe in fünf Jahren mehr erreicht, als Asos in 14 bis 15 Jahren geschafft habe. Grabau kam ebenso von Goldman Sachs wie der neue Investmentdirektor von Kinnevik und der Finanzvorstand von Rocket Internet. Doch die Riege von Bankern, die Stenbeck um sich geschart hat, sorgt bei Anlegern für Stirnrunzeln. Sie jonglierten zwar gut mit den Zahlen, sagt Anders Elgemyr, Chef des schwedischen Wertpapierhändlers Birger Jarl. „Aber wenn es schlecht läuft, läuft es richtig schlecht, weil sie nicht wissen, wie man ein Unternehmen von Grund auf wieder auf die Füße stellt.“

Stenbecks Unterstützer verweisen dagegen darauf, dass sie mit Verve gute Leute für die Gremien ihrer Beteiligungen sucht. Bedenken, dass sich die Geschäftsmodelle der Samwers leicht kopieren ließen, wischt Carlund vom Tisch. „Die meisten Ideen sind nicht originell. Es komme weniger auf die Ideen an. Entscheidend sei, was man daraus mache. „Viele Leute können Hamburger braten, aber es gibt wenige McDonald’s.“

Cristina Stenbeck verrät den in ihren Augen nächsten Megatrend: Onlinefinanzdienstleistungen. „All diese Investmententscheidungen sind Meilensteine auf einer Reise, die für mich noch 30 bis 40 Jahre weitergeht.“