Energie

Frankreich greift nach Alstom

Staat steigt selbst mit 20 Prozent bei dem Konzern ein und bootet Siemens trotz eines verbesserten Angebotes aus

In der Bieterschlacht um den französischen Alstom-Konzern ist es am Freitagabend zu einer überraschenden Wende gekommen. Der französische Staat will selbst Milliarden investieren und mit 20 Prozent bei dem Technologie-Unternehmen einsteigen. Zudem favorisiert die Pariser Regierung das Angebot von General Electric (GE). Wie Frankreichs Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg in Paris sagte, hat sich die sozialistische Regierung entschlossen, selbst auf der Kapitalseite von Alstom einzusteigen. Eine Niederlage erleben damit Siemens und Mitsubishi Heavy Industries (MHI), die gemeinsam um Alstom geworben hatten. „Wir respektieren und verstehen die politischen Interessen der Regierung auf dem Gebiet der Energietechnik“, teilte Siemens am Freitagabend mit.

Insgesamt sprach sich die sozialistische Regierung für die erst kurz zuvor nochmals nachgebesserte Offerte von GE aus. Allerdings muss der US-Konzern dafür eine Reihe von Bedingungen wie den Einstieg des französischen Staates in das Kapital Alstoms akzeptieren. Wie Montebourg sagte, habe sich die sozialistische Regierung von Präsident François Hollande bei der Ausarbeitung dieses Modells an ihrem Vorgehen bei dem Automobilkonzern PSA Peugeot Citroën orientiert. Dort hat der Staat gerade zusammen mit Dongfeng aus China je 14 Prozent des Kapitals übernommen.

Sollten GE und Alstom den geplanten Staatseinstieg nicht akzeptieren, werde die Regierung von ihrem Blockaderecht Gebrauch machen und die geplante Allianz von GE und Alstom verhindern. Allerdings ist nach Angaben Montebourgs noch nicht geklärt, ob der Staat die Alstom-Aktien von Haupaktionär Bouygus oder am freien Markt kaufen will.

GE will keine Komplettübernahme

Wirtschaftsminister Montebourg begründete die Präferenz des amerikanischen Angebots damit, dass die Siemens-Offerte auf den Widerstand der europäischen Wettbewerbshüter gestoßen wäre. „Die EU-Kommission stellt heute die Haupthürde für die Bildung von europäischen Champions dar“, erklärte er. Das Angebot von Siemens und MHI habe jedoch gezeigt, dass Alstom eine Allianz wert sei. Es habe zudem erlaubt, die Souveränität von Alstom zu bewahren.

Damit hat GE die erste große Etappe zum endgültigen Einstieg bei Alstom über das Konkurrenzangebot von Siemens-MHI gewonnen. Der US-Konzern hatte erst am Donnerstag nochmals sein bis zum 23. Juni befristetes Angebot abgeändert. Die Amerikaner schlagen jetzt nicht mehr eine Komplettübernahme des Energiebereichs für 12,35 Milliarden Euro vor. Sie verfolgen nunmehr auch einen Ansatz über 50:50-Gemeinschaftsfirmen im Energiebereich, gekoppelt zum Teil mit Sonderrechten für den Staat. GE will zudem seine Bahnsignaltechnik an Alstom abgeben, um das Schienengeschäft der Franzosen zu stärken. Zunächst war noch unklar, wie der große US-Konzern auf den angekündigten Staatseinstieg von Paris bei Alstom reagiert.

Keine 24 Stunden nach der abgeänderten GE-Offerte hatte auch das deutsch-japanische Bündnis aus Siemens und MHI am Freitagfrüh noch ein neues, höheres Angebot für Alstom vorgelegt. Siemens-Chef Joe Kaeser traf am Nachmittag im Élysée-Palast auch Frankreichs Staatspräsidenten François Hollande. Doch genutzt hat es nichts. Siemens habe in der Auseinandersetzung um Alstom dennoch „Handlungsfähigkeit, unternehmerischen Willen, strategische Finesse und letztlich vor allem auch Disziplin bewiesen“, erklärte Kaeser.

Die französische Regierung befürwortete eher das Angebot von GE, obwohl der Siemens-Chef zuvor erklärte, das Angebot des deutsch-japanischen Bündnisses sei der GE-Offerte in allen Belangen überlegen. Das Bündnis stockte sein Angebot von sieben auf 8,2 Milliarden Euro auf, bot 2000 Stellen und Ausbildungsplätze und schlug vor, die Zusammenarbeit auszuweiten. Zudem wurde der Vorschlag zum Einstieg der Japaner in die Energieaktivitäten vereinfacht.

„Unser Angebot ist 2,3 Milliarden Euro besser“, sagt Kaeser noch wenige Stunden vor der Richtungsentscheidung durch die Regierung. „Das muss man einem Aktionär schon gut erklären, wenn man das ausschlägt, auch in Frankreich“, betonte er mit Blick auf jüngste Äußerungen des Alstom-Chefs Patrick Kron. Der macht keinen Hehl daraus, dass er die Siemens-Bemühungen ablehnt und wirft den Deutschen „Träumerei“ vor.

„So oder so Erfolg für Siemens“

Kaeser verwies darauf, dass nicht nur die Regierung und der Alstom-Verwaltungsrat, sondern auch die Hauptversammlung des französischen Konzerns zustimmen muss, falls die GE-Offerte vorgeschlagen werde. Er rechnet vor, dass bei der GE-Offerte vom bisherigen Alstom-Umsatz mit knapp 20 Milliarden Euro nur eine Firma mit sechs Milliarden Euro Umsatz im Eisenbahngeschäft übrig bliebe.

Siemens hatte zuletzt Alstom auch eine sofortige Zusammenarbeit im Bahngeschäft angeboten. Vorgeschlagen wurde, „umgehend ein Joint-Venture für Mobilitätsmanagement inklusive der Signaltechnik“ zu starten. Siemens-Chef Kaeser sagte noch Stunden vor der Entscheidung der Regierung: „Es wird so oder so ein Erfolg für Siemens und Mitsubishi sein – ob wir es bekommen oder nicht.“