Ausbildung

„Hier ist nicht der Lebenslauf wichtig“

Drei Betriebe sind als beste Ausbilder Berlins gekürt worden. Ein Besuch bei den Unternehmen

Es ist sonnig in Malchow. Auf einem wunderschönen Hof an der Dorfstraße wird gebaut und gewerkelt, Bänke stehen auf dem Rasen, und einige Zwergschafe grasen auf der Wiese. Ein wahres Paradies, und für manche ein letzter Zufluchtsort. Das Gelände gehört Synanon, einer Suchtselbsthilfeeinrichtung. Süchtige oder Suchtgefährdete können hierher kommen, ohne Warteliste, ohne Geld, jederzeit. Sie können hier leben, und sie können hier in einem der Zweckbetriebe, mit denen sich Synanon finanziert, eine Ausbildung machen und ganz von vorn anfangen. In der Tischlerei, im Büro oder der Umzugshilfe, drei Jahre, anerkannt, mit Abschluss. Dafür hat Synanon nun einen Sonderpreis beim zehnten Wettbewerb „Berlins bester Ausbildungsbetrieb“ erhalten.

Berlins Industrie- und Handelskammer (IHK) und die Handwerkskammer zeichneten bei den Tagen der Berufsausbildung in der Station in Kreuzberg insgesamt 21 Unternehmen aus. In der Kategorie bis 50 zu Mitarbeiter siegte das Koch Sanitätshaus, bei den größeren Firmen das Bauunternehmen Frisch & Faust Tiefbau. Eine Jury hatte die Firmen unter zahlreichen Einsendungen ausgewählt. Arbeitssenatorin Dilek Kolat (SPD) sagte bei der Preisverleihung, gute Ausbildungsbedingungen zu schaffen sei die beste Vorsorge für die Fachkräftesicherung. „Die Auszubildenden von heute sind die Fachkräfte von morgen. Sie sichern die unternehmerische Zukunft in Berlin.“

Chance auf einen Neuanfang

Pascal Köppen ist seit gut anderthalb Jahren bei Synanon, lernt im ersten Lehrjahr Garten-Landschaftsbau. Drogen- und spielsüchtig war er, der jetzt 24-Jährige, als er herkam. „Ich habe gekifft, um mich zu beruhigen und Speed genommen, um wieder leistungsfähig zu sein“, erzählt Pascal. „Mein Tagesablauf bestand nur noch aus Drogen und Arbeit.“ Vor zweieinhalb Jahren fuhren ihn seine Eltern das erste Mal zu Synanon. Nach fünf Minuten brannte er durch, drehte wieder frei. „Und dann kam der Punkt, an dem ich gemerkt habe: Ich bin selber Schuld!“ Ein Schlüsselmoment, weiß auch Uwe Schriever, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Synanon und, wie alle hier Beschäftigten, selbst Betroffener. „Ohne eigene Einsicht kann man gar nichts machen“, sagt er. „Aber hier hat jeder die Chance auf einen Neuanfang.“

Wer sich entscheidet, hier zu leben, entgiftet zunächst. Eine Tortur, die manche nicht durchstehen und wieder gehen. 115 Personen leben hier und in einem Haus in Karow, nach einer Eingewöhnungsphase hilft eine Ausbildung, in geordnete Strukturen zurückzufinden. „Die Menschen hier würden eine Ausbildung draußen gar nicht bekommen, geschweige denn schaffen“, sagt Schriever. „Hier ist nicht der Lebenslauf wichtig, sondern die Person.“

Auch Fabian und Yves sieht man die Vorteile der Arbeit an der frischen Luft an. Die beiden klettern in eine tiefe Baugrube an der menschenleeren Boxberger Straße in Marzahn hinein und aus ihr heraus, lenken ein immenses Betonrohr am Kran. „An der frischen Luft mit viel Bewegung, genau das habe ich gesucht“, sagt Fabian Ewig, der bei der Tiefbau-Firma Frisch & Faust vor zwei Jahren seine Ausbildung zum Tiefbau-Facharbeiter, Spezialisierung Kanalbau, beendete und übernommen wurde. „Ein Bürojob wäre nichts für mich“, ist der 22-Jährige aus Wilhelmsruh überzeugt. Auch Yves macht die Arbeit Spaß. Er absolviert hier momentan eine Einstiegsqualifizierung, im September wird er seine Ausbildung beginnen. „Man macht so viele verschiedene Sachen“, sagt der 22-jährige Tegeler.

130 Mitarbeiter hat das Unternehmen Frisch & Faust, das 1991 gegründet wurde. Seit etwa zehn Jahren werden hier Kanalbauer wie Yves und Fabian ausgebildet, aber auch Rohrleitungsbauer, Mechaniker, Kaufleute. 23 Azubis sind es momentan, eine relativ hohe Quote. „Mit den Auszubildenden halten wir auch unsere Mannschaft jung“, sagt Mießen. „Unser Durchschnittsalter liegt zehn Jahre unter dem der Branche.“ Schulkooperationen in Neukölln oder Reinickendorf und der spezielle Fokus auf Jugendliche mit Migrationshintergrund schärfen das Profil der Firma. Mießen glaubt, dass diese Gruppe auf dem Arbeitsmarkt nach wie vor benachteiligt werde. „Langfristig streben wir einen Anteil von 25 Prozent dieser Gruppe im Unternehmen an, so, wie es in der Bevölkerung Realität ist.“ Später wird ihr Betrieb als Berlins bester Ausbildungsbetrieb mit mehr als 50 Mitarbeitern ausgezeichnet werden.

Von der leeren Boxberger Straße in die überfüllte Neuköllner Sonnenallee. Hier, an der Ecke zur Weichselstraße, erstreckt sich zwischen Imbiss und Friseursalon das Sanitätshaus Koch über zwei Läden und, von außen nicht sichtbar, mit Werkstatt und Büroräumen noch weit bis in den Hinterhof und die oberen Etagen.

Arbeit mit Kundenkontakt

Im Laden steht Fadwa El-Khaled und bedient freundlich lächelnd eine ältere Dame. „Ich wollte immer was mit Kundenkontakt machen und mit Menschen zu tun haben“, sagt sie. Die 19-jährige Neuköllnerin hat bei Koch als Praktikantin angefangen, nun ist sie angehende Einzelhandelskauffrau mit Schwerpunkt Sanitätsfachhandel im zweiten Lehrjahr. Dass ihr Betrieb den Preis als Berlins bester Ausbildungsbetrieb unter 50 Mitarbeitern erhalten wird, weiß sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. „Ich fände das cool“, sagt sie aber überzeugt.

Auch ihre Chefin ist gespannt. „Über die Nominierung freue ich mich riesig“, sagt Mareen Koch. Ihr Vater gründete das Unternehmen vor knapp 30 Jahren, seit 2008 ist sie Geschäftsführerin. „Ich forciere die Ausbildung sehr, denn wir spüren die Entwicklung deutlich. Fachkräftemangel und demographische Entwicklung sind auch für uns große Herausforderungen“, so Koch. Bei ihr können auch die Berufe des Orthopädie-Technik-Mechanikers sowie des Orthopädie-Schuhtechnikers erlernt werden. Momentan hat das Haus elf Azubis, bei 40 Mitarbeitern eine Traumquote. Auf 18 bis 20 will die Chefin aber hinarbeiten. „Die Arbeit mit jungen Azubis ist manchmal hartes Brot“, weiß sie. „Da hängt so viel dahinter, man muss die Interessen der jungen Leute und der Mitarbeiter vereinen. Kommunikation ist da wirklich wichtig.“ Besonderen Wert lege sie auf die Balance zwischen Berufs- und Privatleben, neben ihren Schulkooperationen und Mentorenprogrammen ausschlaggebend für die Prämierung.

Für seine soziale Ausrichtung ist der Betrieb bekannt. „In der Berufsschule sagt die Lehrerin auch immer, ach ja, die Koch, die ist toll“, erzählt Fadwa. Sie arbeitet gern hier „Ich würde nach der Ausbildung hierbleiben – wenn ich übernommen werde!“, lacht sie. Allzu große Sorgen muss sich Fadwa da wohl nicht machen, die Sympathie beruht auf Gegenseitigkeit. „Fadwa ist einmalig!“, schwärmt ihre Chefin. „Ich schätze ihr Engagement, ihre Freundlichkeit, ihren Leistungswillen. Sie denkt mit und ist mit dem Herzen dabei.“