Banken

Die EZB, der Dax und die Sparer

Die Europäische Zentralbank verhängt Strafzinsen. Die wichtigsten Fragen und Antworten

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat in einem historischen Schritt die Zinsen im Euro-Raum quasi abgeschafft. Der Leitzins, zu dem sich Banken bei ihr Geld leihen, liegt nur noch bei 0,15 Prozent. Zudem verlangen die Währungshüter Strafzinsen von Kreditinstituten, die Geld bei der Notenbank parken. Das sind schlechte Nachrichten für Sparer – doch Verbraucher können auch profitieren.

Warum hat die EZB die Zinsen noch weiter gesenkt?

EZB-Präsident Mario Draghi warnt seit Monaten vor den Gefahren der Mini-Inflation für die Konjunktur im Euro-Raum. Er sieht keine Deflation – also eine Spirale sinkender Preise durch alle Warengruppen –, bei der Verbraucher und Unternehmen in Erwartung weiter sinkender Preise Ausgaben zurückstellen und so die Konjunktur abwürgen könnten. Doch Draghi sagte mehrfach: Die Gefahren nehmen zu, je länger die Inflation niedrig bleibt. Die Zinssenkung könnte das Risiko verkleinern, denn tendenziell verbilligen niedrige Zinsen Kredite und Investitionen und kurbeln so die Wirtschaft an. Das wiederum verstärkt den Preisauftrieb.

Die Zinsen waren bereits extrem niedrig. Ist die Wirkung verpufft?

Bisher haben sich die Hoffnungen auf Inflationsraten in der Nähe der EZB-Zielmarke von knapp unter 2,0 Prozent zerschlagen. Im Mai betrug die Rate im Euro-Raum sogar nur 0,5 Prozent. Selbst in Deutschland, wo die Konjunktur brummt und Löhne steigen, sank die Teuerung nach europäischer Berechnung im Mai auf 0,6 Prozent.

Warum ist die Inflation trotz der Mini-Zinsen so niedrig?

Das liegt unter anderem an weltweit sinkenden Energie- und Nahrungsmittelpreisen. Dieser Effekt wird durch den relativ starken Euro noch verstärkt – so lässt sich mehr im Ausland einkaufen als mit einem schwachen Euro. Zum Teil ist der geringe Preisauftrieb aber auch hausgemacht: Die Krisenländer im Euro-Raum müssen ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken, indem sie Preise senken.

Was bedeutet der Zinsschritt für Sparer?

Niedrige Zinsen werden in der Regel schnell an Kunden weitergereicht. Weil Sparer schon lange unter Mini-Zinsen auf Sparbuch oder Tagesgeldkonto leiden, gibt es aus Deutschland Kritik: „Niedrigzinsen enteignen Sparer und reißen Lücken in die Altersvorsorge künftiger Rentner“, wettern Sparkassen, Volksbanken und Versicherer.

Rettet die EZB also Krisenstaaten auf Kosten deutscher Sparer?

Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), kritisierte die EZB vor der Zinssenkung in der „Bild“-Zeitung: „Sie plündert die Ersparnisse aus, sie bedroht die Lebensversicherung.“ Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding sagte, Aufgabe der Notenbank sei, für stabile Preise zu sorgen. „Zu behaupten, die EZB enteigne die europäischen Sparer, verkennt das Mandat der EZB. Ihre Aufgabe ist es nicht, Sparern selbst in Zeiten einer Finanzkrise einen gewünschten Ertrag auf risikoarme Anlagen zu sichern.“ Mit europäischen Aktien, spanischen Rententiteln oder guten Unternehmensanleihen hätten Sparer auch in der Krise auskömmliche Renditen erzielen können – wenn sie bereit gewesen seien, Risiken in Kauf zu nehmen.

Haben Verbraucher auch Vorteile?

Wie Unternehmen profitieren sie von günstigen Kreditzinsen – wenn die Banken die Senkung weiterreichen. Prinzipiell ist billiges Geld gut für Schuldner: Verbraucher können eine Waschmaschine, ein Auto oder ein Haus günstiger finanzieren, Gleiches gilt für Investitionen von Unternehmen und Staatsschulden. Letzteres entlastet indirekt auch Steuerzahler.

Und Anleger?

Die EZB-Entscheidung hob den Deutschen Aktienindex Dax zeitweise erstmals über 10.000 Punkte. Durch die Maßnahmen wird Kapital generell günstiger. Weil die Renditen für Staatsanleihen fallen, werden Aktien relativ gesehen attraktiver. Trotz der teils hohen Kurse liegen die Dividendenrenditen noch über denen der Staatsanleihen. Dennoch ist der Schritt der EZB erwartet worden. Insofern gab es einen kurzen Schub für den Dax, der dann wieder unter 10.000 Punkte fiel. Dort dümpelt er bereits seit einigen Wochen.

Was sollen Strafzinsen für Banken bezwecken?

Normalerweise bekommen Banken, die Geld bei der Zentralbank parken, einen Zins gutgeschrieben. In der Krise senkten die Währungshüter diesen Einlagenzins auf null Prozent. Jetzt haben sie ihn unter Null gedrückt, damit brummt die EZB den Banken einen Strafzins auf, wenn diese Geld bei ihr horten. Ziel ist, den Euro zu schwächen, um so die Inflationsrate zu erhöhen. Banken sollen überschüssiges Geld nicht bei der EZB parken, sondern in Form von Krediten an Verbraucher und Unternehmen weiterreichen. Diese könnten investieren und so die Konjunktur befeuern. Manche Volkswirte meinen allerdings, Banken könnten die Kosten auf ihre Kunden abwälzen. Dann wäre diese EZB-Maßnahme kontraproduktiv, Kredite würden teurer.

Müssen Sparer auch negative Zinsen fürchten?

Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon sagte: „Wir werden das sicher nicht an unsere Kunden weitergeben. Wir können den Sparern nicht sagen: Jetzt musst Du für Dein Vermögen auch noch Strafe zahlen.“