Gründerzeit

Patientendaten in der Internet-Wolke

Jürgen Stüber über das digitale Gesundheitssystem, Apps für chronisch Kranke und Apples neues Healthbook

Digital Health dürfte eines der Hauptthemen sein, wenn Apple Anfang Juni 2014 in San Francisco seine Entwicklerkonferenz eröffnet. In den vergangenen Tagen wurde viel spekuliert – über die App „Healthbook“ oder eine iWatch, die herkömmliche Apps und Geräte alt aussehen lassen könnte.

In diesem Zusammenhang ist die aktuelle Studie des Marktforschungsunternehmens Research2Guidance über das neue Ökosystem im Bereich der Digital-Health-Applikationen interessant. Ihr Fazit: Apps werden die Behandlung von Menschen mit chronischen Erkrankungen in den nächsten fünf Jahren dramatisch verändern. Immer wichtiger wird die Verarbeitung von Gesundheitsdaten, die über Programmschnittstellen verfügbar und für Dienstleister verwertbar werden. Ärzte, Kliniken und Krankenkassen werden ihre Rolle im digitalen Gesundheitswesen neu definieren müssen.

Vieles von dem könnte sich in Apples neuer Gesundheits-App wiederfinden, wenn sie denn so kommt wie die Branchenblogs 9to5mac und Techcrunch vermuten: Fitness-Tracking, Puls- und Blutdruckmesser, Blutwertedokumentation, Schlafmonitor und Notfallpass.

Herkömmliche Fitness-Apps, so die Studie, werden dramatisch an Bedeutung verlieren. Stattdessen werden neue Player auf dem Gesundheitsmarkt erscheinen und diesen beherrschen: die Hersteller von elektronischen Sensoren in Internetgeräten, die am Körper getragen werden (Wearable Devices) und Unternehmen, die Gesundheitsdaten sammeln und auswerten. Zum Teil sind diese Fitness- und Ernährungsdaten schon heute verfügbar und stammen aus Millionen von Fitness-Armbändern, Diät-Apps und vernetzten Haushaltswaagen. Die Studie erwartet, dass bis zum Jahr 2019 nahezu jeder Mensch in den entwickelten Ländern ein Gerät besitzen wird, das digitale Gesundheitsprogramme nutzen kann.

Das wird auch das Verhältnis von Ärzten und Patienten verändern, die in der Zukunft so über Apps sprechen werden wie heute über Medikamente. Apps werden die Behandlung verbessern und Gesundheitskosten senken, vor allem aber die Eigeninitiative des Patienten stärken. Patienten werden immer mehr Daten selbst erheben und in der Internetwolke speichern: ihr Gewicht, die Zahl der zurückgelegten Schritte, ihre Ernährung, Herzschlag, Blutdruck und Schlafgewohnheiten. In Zukunft auch Blutwerte wie Sauerstoff und Zucker.

Diese Daten werden Patienten befähigen, ihre Gesundheit besser als heute unter Kontrolle zu behalten. Die höchsten Potenziale für Digital-Health-Anwendungen sehen die Autoren der Studie bei Patienten, die an chronischen Erkrankungen leiden: Diabetes, Fettleibigkeit, Bluthochdruck, Depression und Krebs.

Hindernisse sind bislang laut Studie die Datensicherheit und der Mangel an Standards. Wer sich manche Gesundheits-Apps Apps anschaut, würde die Bedienungsfreundlichkeit ergänzen. Nur 1,2 Prozent der Diabetes-Kranken weltweit nutzen eine der inzwischen 1100 Apps für diese Indikation.

Ärzte und Krankenhäuser werden wichtigster Distributionskanal für Apps. Herkömmliche App-Stores werden an Bedeutung verlieren. Eine Zukunft könnten spezielle Gesundheits-App-Stores wie myHealthapps erhalten, wo teilweise auch Ärzte Apps bewerten. Die wichtigsten Märkte werden Research2Guidance zufolge Europa, die USA, Australien und Korea sein, wo der Kostendruck im Gesundheitswesen, die Zahl der vorhandenen Smartphones und die Kaufkraft am höchsten sind.

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