Konsumalternative

Lose Ware

Supermärkte ohne Einwegverpackung sind ein neuer Trend – auch in Berlin

Keine endlos langen Regale, befüllt mit Produkten, die dir die Erlösung versprechen. Kein Verpackungsmüll nach dem Einkauf. Und keine Lebensmittel, die weggeworfen werden, weil man wieder zu große Packungen gekauft hat. Der Aufruf zum Crowdfunding-Projekt „Original Unverpackt“ stand kaum im Netz, da verbreitete sich die Kunde auch schon tausendfach über Twitter und Facebook: Vier Berlinerinnen wollen in der Hauptstadt einen Supermarkt ganz ohne Einwegverpackungen eröffnen. Nach nur einem Tag erreichte das Projekt die Schwelle von 20.000 Euro, nach einer halben Woche bereits das Ziel von 45.000 Euro. Zwar existiert vom verpackungslosen Geschäft bislang nichts als eine Computeranimation. Doch die Initiatorinnen Sara und Milena jubeln schon: „Das ist erst der Anfang vom Ende des Verpackungswahns.“

Auf jeden Fall war es der Anfang eines beachtlichen Hypes. Die geplante Eröffnung des Tante-Emma-Ladens in Kreuzberg zählte tagelang zu den Topnachrichten in den sozialen Medien. Und die Menschen haben auch gezeichnet: Bei 90.000 Euro lag zuletzt der Pegelstand der Finanzierung.

Lose, nachhaltig und gut

„Original Unverpackt“ ist keinesfalls das erste Projekt seiner Art. Während die Berliner noch crowdfunden, steht Marie Delaperrière schon ganz real und milde lächelnd hinter einer Verkaufstheke. Im Februar eröffnete die Französin in Kiel einen 60 Quadratmeter kleinen Krämerladen mit dem Namen „Unverpackt“. Die Werbetafel über dem Eingang verspricht Waren, die „lose, nachhaltig und gut“ sind. An einen klassischen Supermarkt erinnert hier rein gar nichts.

Es gibt weder marktschreierische Verkaufsverpackungen noch bunte Schriftzüge, weder hochglanzfotografierte Serviervorschläge noch knisterndes Zellophan. Keine Verlockung, keine Verführung, nur nackte Ware. Körner, Linsen, Salz, Mehl, Kaffee, Tee, Schokodrops und Gummibärchen – alles in neutralen Schütten. Selbst Seife, Öl, Essig und Spülmittel werden in Spendern angeboten. Wer etwas kaufen will, kann es in die angebotenen Einweckgläser und Pfandflaschen mit Bügelverschluss abfüllen. Oder man bringt eigene Behältnisse mit und lässt sie vor dem Einkauf wiegen. Bezahlt wird nach Gewicht. Das allerdings dauert. Sind die Menschen bereit, so einen Aufwand regelmäßig auf sich zu nehmen?

Die Statistik sagt: nein. Und das Verpackungsaufkommen in Deutschland sinkt. Das Umweltbundesamt meldet ein Minus von 277 Millionen Tonnen zwischen 1991 und 2011, dem Jahr mit den bislang jüngsten verfügbaren Zahlen. „Trotzdem trügt der Eindruck nicht, dass es heute deutlich mehr Einwegverpackungen gibt“, sagt Gerhard Kotschik, der Verpackungsmarktexperte der Dessauer Behörde. Vor allem der Kunststoffverbrauch ist deutlich in die Höhe geschnellt – um fast eine Milliarde Tonnen. Die Mengenrückgänge stammen allein aus den Bereichen Glas und Weißblech, was nicht zuletzt mit der Einführung des Dosenpfands zu tun hat. „Zudem werden Verpackungen immer leichter, das verzerrt die Statistik“, sagt Kotschik.

Allen Trends und Reformen zum Trotz wird die Zahl der Einwegverpackungen daher steigen, prognostizieren Experten. Zumal fast alle Trends rund um das Verbraucherverhalten auf das Gegenteil von Verpackungsverzicht hindeuten. „Die Auflösung fester Mahlzeiten, die Vereinzelung der Gesellschaft, der Zeitmangel – all das führt eher zu einem größeren Verpackungsaufwand“, sagt zum Beispiel Hans-Joachim Karopka, Geschäftsführer beim Marktforschungsinstitut Rheingold. Vorgefertigte Salate samt Plastikbesteck, Kaffee in kleinen Plastikkapseln und Miniatur-Duschgel für unterwegs sind Ausdruck dieser Entwicklung.

Zugleich habe Verpackung eine Inszenierungsfunktion. Welche Marke jemand raucht, welchen Energydrink man trinkt, das soll zeigen, was für ein Mensch man ist. Dieser Mechanismus könne zwar punktuell auch bei Kunden verpackungsfreier Läden funktionieren, glaubt Karopka. „Sie können damit nach außen demonstrieren, dass Sie auf Nachhaltigkeit Wert legen“, sagt der Experte. Doch er bezweifelt, dass viele Menschen bereit sein werden, mit 20 oder 30 Leergebinden zum Wocheneinkauf aufzubrechen.

Marie Delaperrière hat einen anderen Eindruck. Immerhin 50 Kunden habe sie im Durchschnitt pro Tag. „Die Leute sind begeistert von dem Angebot, weil sie von der ganzen unnötigen Verpackung einfach übersättigt sind“, sagt die Ladeninhaberin, die zuvor als Projektmanagerin gearbeitet hat.

Nur Nischenangebote

Branchenkenner geben sich zurückhaltend. Zwar sagen laut einer Untersuchung des Instituts für Handelsforschung (IfH) in Köln 74 Prozent der Verbraucher, dass die Bedeutung von Nachhaltigkeit zunehmen wird. Für IfH-Expertin Susanne Eichholz-Klein aber können Geschäftsmodelle wie das in Kiel allenfalls als Nischenangebote funktionieren: „Es gibt immer weniger ideologisch motivierte Verbraucher, die ausschließlich bio und nachhaltig einkaufen – vier bis acht Prozent vielleicht.“ Dafür wachse die Gruppe der Käufer, die mal nachhaltig kaufe und dann wieder auf konventionelle Kost zurückgreife.

Die Gründe, warum es so schwer ist, auf Verpackungen zu verzichten, liegen bei allen Beteiligten. Lebensmittelhersteller brauchen Verpackungen, um sich im Geschäft zu unterscheiden. „Fast 70 Prozent aller Kaufentscheidungen werden erst im Geschäft getroffen“, erklärt Gunnar Mau, Mitinhaber des Marktforschungsinstituts Shoppermetrics. Besonders bei ähnlich aussehenden Produkten und solchen, bei denen Kunden häufig Sorte oder Marke wechseln, habe die Verpackung entscheidenden Einfluss auf den Verkauf. Für den Handel sind Verpackungen ebenfalls praktisch, sie halten die Läden sauber, schützen die Ware und machen sie unverwechselbar.