Pharmabranche

Das große Fressen

Die Zahl der Übernahmen in der Pharmabranche steigt rasant. Doch das Fusionsfieber geht zulasten der Forschungsbudgets

Der Pharmabranche steht 2014 ein Rekordjahr bei Übernahmen und Fusionen bevor. Bereits in den ersten vier Monaten dieses Jahres lag der Gesamtwert der Transaktionen bei knapp 84 Milliarden Dollar (gut 61 Milliarden Euro) und damit fast so hoch wie im gesamten Vorjahr. Bis Dezember dürfte sich laut einer Studie der Unternehmensberatung Ernst&Young das Volumen der Übernahmen und Fusionen auf 265 Milliarden Dollar (194 Milliarden Euro) erhöhen. Das wäre mehr, als in den drei Vorjahren insgesamt an Zusammenschlüssen und Zukäufen in der Pharmabranche zustande gekommen ist.

Fest steht damit auch: Keine andere Branche wird in diesem Jahr mehr durchgeschüttelt werden als die Pharmaindustrie. „Die großen Player haben in den letzten Jahren nur wenig zugekauft. Um nicht hinter dem Wachstum des Gesamtmarktes zurückzubleiben, halten sie nun verstärkt Ausschau nach Firmen und Sparten, die zum bestehenden Portfolio passen“, erklärt Gerd Stürz, Leiter des Pharmabereiches bei Ernst&Young, die grassierende Fusionitis unter den Großen der Branche.

Zuletzt hatte der Milliardendeal zwischen dem Schweizer Pharmariesen Novartis, der britischen GlaxoSmithkline und dem US-Konzern Eli Lilly die Branche aufgeschreckt. Der großangelegte Umbau mit Tauschgeschäften und Teilfusionen zwischen den drei Unternehmen hat den Rest der Branche unter Zugzwang gesetzt.

Der Druck zu fusionieren oder Geschäftsbereiche zu konsolidieren ist auch deshalb so groß, weil sich die Umsätze und Gewinne in der Pharmaindustrie seit Jahren rückläufig entwickeln. Das gilt insbesondere für die Schwergewichte der Branche.

Die Großen verdienen weniger

Laut der Ernst&Young-Studie fiel der Umsatz der größten zehn Konzerne weltweit im vergangenen Jahr um mehr als zwei Prozent auf 240 Milliarden Euro. Bereits im Vorjahr waren die Umsätze um gut drei Prozent zurückgegangen. Bei den Gewinnen sieht es nicht besser aus: Der operative Gewinn der Konzerne sank zuletzt um fünf Prozent auf knapp 85 Milliarden Euro.

Als wichtigste Gründe für die enttäuschende Entwicklung gelten sinkende Produktpreise und der steigende Kostendruck durch den Sparzwang im Gesundheitswesen. Gleichzeitig machen den Konzernen die stagnierende Nachfrage in angestammten Märkten und die Konkurrenz durch billige Nachahmerprodukte zu schaffen. „Wachstum aus eigener Kraft wird für Big Pharma immer schwieriger“, schreiben die Autoren der Studie.

Die Zeit der Medikamente mit Milliardenumsätzen ist nach Einschätzung der Experten trotz aller Probleme der Branche noch nicht vorbei. „Blockbuster-Medikamente werden auch in Zukunft große Bedeutung für die Pharma-Konzerne haben“, prognostiziert Gerd Stürz, Leiter des Bereichs Life-Sciences bei Ernst&Young. 2013 stiegen den Daten zufolge die Umsätze mit Blockbuster-Präparaten leicht um 0,2 Prozent auf knapp 194 Milliarden Euro. Profitieren konnten vor allem kleinere Konzerne: Ihr Umsatz mit solchen Präparaten nahm 2013 um 1,8 Prozent zu. Bei den zehn Top-Pharmaunternehmen ging der Blockbuster-Umsatz hingegen um 0,5 Prozent zurück.

Der Zwang, stärker zu sparen, macht sich auch in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen bemerkbar. Im vergangenen Jahr reduzierten die zehn größten Unternehmen ihre Ausgaben um 0,6 Prozent. Zum Vergleich: Die deutlich kleineren Wettbewerber auf den Rängen elf bis 20 steigerten im gleichen Zeitraum ihre Forschungsausgaben um mehr als zehn Prozent.Insgesamt hatten die 20 weltgrößten Pharmahersteller im vergangenen Jahr 2570 Wirkstoffe in der Entwicklungspipeline und damit deutlich mehr als noch ein Jahr zuvor.

Neu zugelassen wurden in diesem Zeitraum 73 Wirkstoffe und damit ebenfalls mehr als in den beiden vorangegangenen Jahren. Das Gros der Forschungsbemühungen konzentriert sich auf die lukrative Krebsmedizin und die Immunologie, die an Wirkstoffen für Volksleiden wie etwa Diabetes forscht. In den kommenden Jahren dürfte die Zahl der Medikamente in diesen beiden Segmenten deutlich steigen.

Spitzenreiter der Branche, gemessen am Pharma-Umsatz, ist weiter der US-Konzern Pfizer mit gut 36 Milliarden Euro, gefolgt von der Schweizer Roche (30,9 Milliarden) und dem US-Riesen Merck&Co. (28,2 Milliarden Euro). Der größte deutsche Pharmakonzern Bayer liegt mit einem Umsatz von gut 11,2 Milliarden Euro im Pharmageschäft relativ abgeschlagenen auf dem 15. Platz.

Bayer nicht im Spitzenfeld

Bayer übernahm kürzlich das Geschäft mit rezeptfreien Mitteln und Gesundheitspräparaten des US-Konzerns Merck & Co. für 10,4 Milliarden Dollar. Der Konzern wird durch die Übernahme in dem stabilen Geschäft mit rezeptfreien Produkten weltweit die Nummer zwei. Marktführer ist Johnson & Johnson aus den USA. Zu der Merck & Co-Sparte gehören Dr. Scholl’s-Fußpflegeprodukte, Coppertone-Sonnencreme und das Allergiemittel Claritin. Mit Marken wie Aspirin, Alka-Seltzer und dem Magenmittel Rennie zählt Bayer bereits zu den führenden Unternehmen im Geschäft mit frei verkäuflichen Präparaten. Gemeinsam mit der Merck-Sparte wäre der Konzern hier 2013 auf einen Jahresumsatz von 7,4 Milliarden Dollar gekommen, davon kommen 2,2 Milliarden Dollar von Merck & Co.

Der letzte Megadeal in Deutschland geht auf das Jahr 2006 zurück. Damals schluckte Bayer für 17 Milliarden Euro den Berliner Pharmahersteller Schering.