Cloud-Computing

Der Herr der Wolke

Amazons Technologiechef über die Sicherheit von Cloud-Diensten

Die Zukunft der Internetwirtschaft liegt in der Wolke. IT-Unternehmen investieren nicht mehr in unwirtschaftliche Hardware. Stattdessen mieten sie Rechenleistung und Speicherkapazität. Und auch bei Verbrauchern werden cloudbasierte Softwaredienstleistungen wie das Streamen von Musik und Videos immer beliebter. Doch die neue Technik kam in Verruf. Wie sicher sind die Daten in der Wolke, fragen sich Unternehmen und Verbraucher gleichermaßen. Antworten auf diese Frage hat Amazons Technologiechef Werner Vogels, der sich wie kein anderer in der Cloud auskennt. Jürgen Stüber traf den Experten in Berlin.

Berliner Morgenpost:

Wie lässt sich das Cloud-Computing-Angebot von Amazon Web Services einfach beschreiben?

Werner Vogels:

Unsere Kunden bekommen so viel IT-Ressourcen, wie sie brauchen. Sie bezahlen aber nur für das, was sie wirklich nutzen. Das ist ein großer Unterschied zur alten IT-Welt. Es geht darum, durch Cloud-Computing Kapital freizusetzen. Unternehmen können ihr Kapital für Dinge einsetzen, die ihnen wirklich wichtig sind und damit bessere Produkte für ihre Kunden entwickeln.

Ist der Cloud-Service von AWS eher ein Angebot für Start-ups oder für größere Unternehmen?

Für das ganze Spektrum. Start-ups wollen schnell wachsen. Mit unseren Cloud-Diensten nutzen sie so viel Kapazität, wie sie brauchen. Sie müssen keine IT-Spezialisten anstellen, die eigene Server warten, sondern können ihr Geld in Leute investieren, die ihr Produkt optimieren. Große Unternehmen haben längst verstanden, dass unser Angebot ein gutes Geschäft für sie ist. Mittelgroße Betriebe nutzen in der Cloud Programmdienstleister (Software-as-a-Service) und erhalten Programme, die sie vorher nie hatten und die sonst nur von großen Unternehmen genutzt werden.

Ist Amazon eher ein Handels- oder ein Technologieunternehmen?

Amazon war vom ersten Tag an ein Technologieunternehmen. Als Jeff Bezos Amazon gründete, interessierte ihn die einzigartige Chance, im Netz ein Geschäft aufzubauen, das die vielen Millionen Bücher auf der ganzen Welt anbietet und nicht nur die 45.000, die ein gut sortierter Buchladen hat. Er mag Bücher, aber ihm ging es vor allem darum, dieses Geschäft im Internet durch die Nutzung von Technologie zu realisieren.

AWS legt den Fokus auf Kunden, was heißt das?

Dazu muss man sich ansehen, wie IT in der Vergangenheit verkauft wurde. In der alten Welt hatten die Händler das unter Kontrolle. Kunden mussten langfristige Verträge abschließen. Die Händler kontrollierten die Beziehung. In der neuen Welt des Cloud-Computing soll der Kunde diese Beziehung kontrollieren. Wenn er mit unserem Service nicht zufrieden ist, kann er uns verlassen. Wir wollen sicher sein, dass die Kunden nicht durch langfristige Verträge an uns gekettet sind. Wir wollen, dass sie lange bei uns bleiben, weil wir den Service anbieten, den sie sich wünschen.

Daten wegzugeben ist aus Verbrauchersicht immer eine Sache des Vertrauens. Ich könnte sie auch auf meiner Festplatte mit mir herumtragen.

Das kann schiefgehen, wenn jemand ihren Computer klaut. Aber wir bieten Werkzeuge und Mechanismen, um Daten zu sichern. Viel wichtiger ist der Datenschutz: Nur der Kunde hat Zugang zu diesen Daten, wir nicht. Wenn Kunden unsere Verschlüsselungstechnologie für die Datenübertragung und die Speicherung nutzen, können sie sicher sein, dass nur sie Zugang zu ihren Daten haben – oder Personen, denen sie ihre geheimen digitalen Schlüssel geben.

Und was ist, wenn Behörden Zugriff auf Nutzerdaten verlangen?

Wir können Behörden ohne die Schlüssel, die nur unser Kunde besitzt, nichts geben. Wir kennen diese Schlüssel nicht. Und deshalb können wir keine Daten weitergeben.

Wäre nach der NSA-Affäre eine europäische Cloud besser?

Wir sind Teil der Europäischen Cloud Partnerschaft (ECP) der Europäischen Kommission, die an einer digitalen Agenda für Europa arbeitet. Wir sind der einzige globale Cloud-Anbieter in dem Lenkungsausschuss, dem eine große Gruppe europäischer Software-Unternehmen angehört. Unsere Botschaft an die Europäische Kommission lautet, beim Cloud-Computing die Unternehmen und die Bürger zu stärken und den Datenschutz, das Eigentum und die Kontrolle über die Daten in die Hände der Cloud-Nutzer zu legen. Eine europäische Cloud würde keinen besseren Schutz bieten. Denn für den Schutz seiner Daten ist der Nutzer der Cloud verantwortlich. Wir stellen Technologien zur Verfügung, mit denen sie sich selbst schützen können. Und das hat nichts mit der Frage zu tun, ob es eine amerikanische oder eine europäische Cloud ist.

Werden die Daten denn in Europa gespeichert, sodass sie unter dem Schutz des europäischen Datenschutzes stehen?

Der Kunde entscheidet, wo er seine Daten speichert. Wir haben weltweit zehn Regionen festgelegt, wo Nutzer ihre Daten speichern können. Wir garantieren, dass wir Inhalte nicht zwischen den Regionen bewegen. Viel wichtiger ist es, dass, wenn der Kunde seine Inhalte verschlüsselt hat, wir nichts haben, was wir herausgeben könnten.

Das heißt, der Kunde sorgt selbst für die Verschlüsselung?

Wir geben den Nutzern sogar so eine Art James-Bond-Werkzeug, in dem er seine Schlüssel speichert. Es zerstört sich selbst, wenn es von einem Dritten angefasst wird. Das ist Industriestandard.

Werden die Kosten für Cloud-Dienste genauso sinken wie die Kosten für Chips in den letzten Jahrzehnten?

Sie meinen Moores Gesetz. Das basierte auf der Annahme, dass die Zahl der Transistoren auf einem Chip erhöht werden konnte. Das aber stößt irgendwann an physikalische Grenzen. Bei uns ist das anders: Einerseits sparen wir Kosten durch die Skalierung, weil wir immer mehr Kunden gewinnen und weil Kunden uns stärker nutzen. Andererseits investieren wir in Rechenzentren und verbessern ihre Effizienz. Diese beiden Faktoren verändern das Kostenbild. Je schneller wir wachsen, umso mehr können wir unsere Preise senken. Das haben wir schon 43 Mal getan. Zuletzt sind im April die Preise für Speicherplatz um 63 Prozent gesunken.

Wie schnell wachsen Sie?

Jeden Tag erhöht Amazon Web Services die Serverkapazität von Amazons globaler Infrastruktur um das Volumen von 2008, das wir als Sieben-Milliarden-Dollar-Unternehmen hatten.

Wer sind Ihre größten Mitbewerber?

Ich konzentriere mich nicht so sehr auf Mitbewerber, sondern auf unsere Kunden. Denn es geht nicht um die Frage, dass der Gewinner den ganzen Markt übernimmt. Und mich interessiert ausschließlich die Frage, warum ein Kunde einen anderen Anbieter als AWS wählt. Es ist gut zu wissen, was wir besser machen könnten.

Was wollen Sie als nächstes verbessern?

Wir wollen die Arbeit mit unserem Dienst einfacher machen. Unser wichtigster Investmentschwerpunkt ist die Sicherheit. Wir wollen den Nutzern neue Werkzeuge an die Hand geben, damit ihre Unternehmen sich selbst schützen können. Und wir wollen natürlich international wachsen. Zuletzt kam China dazu.

Wann kann Amazon die Käufe eines Kunden voraussagen und ihm Produkte anbieten, ehe er sie bestellt?

Ich bin nicht sicher, wie genau solche Vorhersagen werden. In manchen Gebieten ist das einfacher. Wenn sie eine bestimmte Art von Bücher mögen, ist es einfach vorherzusagen, welches Buch ihnen als nächstes gefallen wird. Wir arbeiten kontinuierlich an unseren Prognose-Algorithmen.

Welche Bedeutung spielt Berlin für Ihr Unternehmen?

Unser Berliner Entwicklungslabor beschäftigt sich mit diesen Fragen des Maschinenlernens. Das ist eine der grundlegenden Technologien für bessere Empfehlungsmaschinen. Wir haben das hier aufgebaut, weil wir hier Zugang zu vielen Talenten aus Deutschland und Osteuropa haben. In Berlin arbeitet auch unser OpsWorks-Team, nachdem wir 2013 das Start-up Peritor gekauft haben. Wir entwickeln hier Management-Software.