Konjunktur

Kräftiges Lohnplus erwartet

Tarifabschlüsse liegen bei drei Prozent und mehr. Besonders starke Steigerungen im Osten. Inflation bleibt weiter niedrig

Viele Arbeitnehmer können sich in diesem Jahr Hoffnung auf einen der stärksten Reallohnanstiege der vergangenen 15 Jahre machen. Grund sind die hohen Tarifabschlüsse bei einer gleichzeitig niedrigen Inflationsrate. In vielen großen Branchen wurden seit Herbst 2013 Tarifabschlüsse meist von mindestens drei Prozent vereinbart, berichtete das Statistische Bundesamt. Die Inflationsrate lag dagegen im April lediglich bei 1,3 Prozent. Ähnlich hoch dürfte nach Einschätzung von Experten auch die Jahresrate ausfallen.

Die Arbeitnehmer könnten damit auf ein Reallohnplus von mehr als 1,5 Prozent hoffen – nur im Krisenjahr 2009 fiel der Anstieg wegen der extrem niedrigen Inflation stärker aus. „Was sich abzeichnet, sind die höchsten Lohnabschlüsse seit den 90er Jahren“, sagt Ralph Solveen von der Commerzbank in Frankfurt. Auch die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten in diesem Jahr einen stärkeren Lohnauftrieb. Mit der abnehmenden Arbeitslosigkeit verbessere sich die Verhandlungsposition der Arbeitnehmerseite, erklärte Solveen den Trend zu kräftigen Lohnsteigerungen, der nach Angaben des Statistikamtes Mitte 2011 eingesetzt hat.

Auch Reinhard Bispinck, Leiter des Tarifarchivs des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, erwartet in diesem Jahr durchschnittliche Tarifsteigerungen, die „nicht schlechter als im vergangenen Jahr ausfallen dürften“ – da waren es 2,7 Prozent. Es gebe sogar Anzeichen dafür, dass die Bilanz im Jahr 2014 sogar noch besser ausfallen könnte, so Bispinck, und verweist auf die gute wirtschaftliche Entwicklung. Allerdings profitieren nicht alle Arbeitnehmer davon, da längst nicht alle nach Tarif bezahlt werden.

Das von Arbeitsministerin Andrea Nahles geschnürte Tarifpaket, das die Schwelle für die Allgemeinverbindlichkeit von Tariflöhnen senkt, dürfte die Auswirkungen der Steigerung von Tariflöhnen auf das gesamte Lohnsystem aber wieder verstärken. Vor allem im Niedriglohnbereich kann man die Folgen jetzt schon beobachten: Im Vorgriff auf die Einführung des Mindestlohnes, der ab 2015 gelten soll, haben einige Branchen bereits Tarifabschlüsse verhandelt, die die Löhne schrittweise in Ost und West auf das Niveau von 8,50 Euro hieven.

Nach Angaben des Statistikamts bekommen Beschäftigte in Ostdeutschland und in Niedriglohnbranchen schon jetzt in den Genuss von besonders hohen Lohnsteigerungen. Die ostdeutschen Gebäudereiniger erhielten 5,3 Prozent mehr, ostdeutsche Zeitarbeiter 4,8 und Landschaftsbauer 3,7 Prozent. Die Abschlüsse waren höher als für Kollegen in Westdeutschland. „Mit dieser Maßnahme sollen die bestehenden Verdienstunterschiede zwischen Ost und West schrittweise abgebaut werden“, erklären die Wiesbadener Statistiker.

Im Öffentlichen Dienst des Bundes und der Gemeinden erhalten die Tarifbeschäftigten zusätzlich zur linearen Erhöhung von 3,0 Prozent eine Mindesterhöhung von 90 Euro. So stiegen die Tarifverdienste in den untersten Entgeltgruppen um bis zu 5,0 Prozent. In der privaten Entsorgungswirtschaft gab es anstelle einer prozentualen Erhöhung ein einmaliges Urlaubsgeld in Höhe von 600 Euro – damit profitieren auch dort die unteren Lohngruppen stärker.