Fluggesellschaft

Wendemanöver geplant

Air Berlin will den Schrumpf- und Sparkurs beenden. Das Management will das Geschäftsmodell verändern

Vor ziemlich genau acht Jahren war es soweit: Am 11. Mai 2006 ging Air Berlin mit Sitz in der Hauptstadt an die Börse. Auch wenn das als Erfolgsstory verkauft wurde: Schon damals lief es nicht richtig rund. Der Börsengang musste einige Tage verschoben worden, hartnäckig hielt sich das Gerücht, die Preisspanne der Aktien sei zu hoch angesetzt gewesen. In der Folge kaufte Air Berlin dann zu: die österreichische Gesellschaft Niki, die dba, den Ferienflieger LTU, die Städteverbindungen von Tuifly. Es sah nach dem großen Wurf aus, doch das Unternehmen wuchs zu schnell. Seit Jahren versucht das Management, Air Berlin mit verschiedenen Sparprogrammen auf Kurs zu halten. Zuletzt war der Konzern vor allem auf Geld des Großaktionärs Etihad aus Abu Dhabi angewiesen. Jetzt versucht Chef Wolfgang Prock-Schauer die große Wende: Das gesamte Geschäftsmodell soll überprüft werden.

Das bisher letzte Sparprogramm des Konzerns hieß Turbine, noch gestartet von Prock-Schauers Vorgänger Hartmut Mehdorn, der sich auch daran versuchte, Air Berlin in die schwarzen Zahlen zu bringen und dort zu halten. „Das Sparprogramm hat gewirkt und zu deutlichen Kosteneinsparungen geführt, aber das ist nicht ausreichend, um den gesteigerten Gegenwind zu kompensieren“, sagte Konzernchef Wolfgang Prock-Schauer. Im Klartext: Macht Air Berlin so weiter wie bisher, sind schwarze Zahlen nicht möglich.

Schon im vergangenen Jahr flog die Gesellschaft bei einem Umsatz von 4,15 Milliarden Euro einen operativen Verlust von 231,9 Millionen Euro ein. Unter dem Strich waren es sogar 315,5 Millionen Euro – ein Rekordverlust. Seit 2007 hat der Konzern nur ein Jahr schwarze Zahlen geschrieben: 2012 mit knapp 6,8 Millionen Euro.

Im ersten Quartal wies Air Berlin einen operativen Verlust von 182,8 (Vorjahreszeitraum 188,4) Millionen Euro aus. Der Umsatz schrumpfte um vier Prozent auf 762 Millionen Euro. Das in der Regel gute Ostergeschäft fiel in diesem Jahr allerdings anders als 2013 in den April.

Ein weiteres Sparprogramm will das Management jetzt nicht auflegen, diesmal geht es um das grundlegende Konzept des Unternehmens. „Die Phase des Kapazitätsabbaus ist abgeschlossen“, sagte Prock-Schauer. Schon in diesem Jahr solle die Zahl der Passagiere gesteigert, die Auslastung verbessert und damit der Umsatz erhöht werden.

Genaues nannte der Konzernchef nicht. Die Ausarbeitung des Konzepts werde mehrere Wochen in Anspruch nehmen. Man werde damit „noch nicht in vier Wochen, aber auch nicht erst in einem halben oder Dreivierteljahr“ an die Öffentlichkeit gehen. Analysten kritisieren schon lange das bestehende Geschäftsmodell und meinen, dass Air Berlin in zu vielen Geschäftsfeldern gleichzeitig unterwegs ist: Im Tourismusmarkt, als Billiganbieter, im Langstreckenverkehr und als Zubringer für das Flugnetz von Großaktionär Etihad.

Ein Kapitalpolster hat die Fluggesellschaft nicht mehr – im Gegenteil: Ende März lastete ein negatives Eigenkapital von 400 Millionen Euro auf Air Berlin. Die Araber wollen der Fluglinie im Laufe des Jahres 300 Millionen Euro zuschießen, weitere 252 Millionen Euro kommen aus einer neuen Anleihe. Die Einnahmen verbessern die Bilanz aber erst ab dem zweiten Quartal.

Etihad hat Air Berlin bereits mehrfach neuen Schub gegeben, seit das Unternehmen Ende 2011 zum größten Einzelaktionär aufstieg. Die Araber verfügen als Staatslinie des reichen Abu Dhabi über Geld. Und mit Air Berlin bekommen sie Zugang zum europäischen Markt, weil die Berliner viele Start- und Landerechte besitzen. Im Dezember 2012 übernahm Etihad das Bonusprogramm von Air Berlin, was der deutschen Fluggesellschaft Geld brachte.

Mehdorn, der den Chefposten im September 2011 von Air-Berlin-Gründer Joachim Hunold übernahm, hatte zudem bereits ein Effizienzprogramm gestartet. Dann folgte das Kostensparprogramm Turbine, das bis Ende des Jahres läuft. Deutschlands zweitgrößte Fluglinie dünnte unter anderem das Streckennetz aus, senkte die Zahl der Flugzeuge von 170 auf 143 und strich 600 Stellen.

„Wir sind heute eine viel effizientere Fluggesellschaft“, sagte Prock-Schauer. Im ersten Quartal 2014 sanken die operativen Ausgaben um gut vier Prozent, auch durch die Neuverhandlung von Flughafengebühren und niedrigere Kerosinkosten. „Die Kostenentwicklung hat dazu beigetragen, dass die Verschiebung von Ostern auf April komplett kompensiert werden konnte“, sagte Finanzvorstand Ulf Hüttmeyer. Fluglinien schreiben im Winter meist Verluste, richtig Geld wird erst in der reisestarken Sommersaison verdient.

Pech in Russland

Schon im ersten Quartal hat er etwas getan, was es länger nicht gab: Air Berlin weitete seine Kapazitäten aus – die Zahl der Flüge stieg um 3,5 Prozent auf 46.662, die angebotenen Sitzplätze um 3,8 Prozent auf 7,79 Millionen. Dem stand jedoch ein Rückgang der Fluggastzahlen um ein Prozent auf 5,86 Millionen gegenüber. Das bedeutet: Die Auslastung sinkt, was wiederum mit höheren Kosten pro Passagier einhergeht.

Beim neuen Angebot hatte Air Berlin allerdings auch Pech: Ausgerechnet die Zahl der Russlandflüge hatte Air Berlin aufgestockt – kurz bevor die Ukraine-Krise begann. Das Angebot jedenfalls wurde nicht, wie erwartet, angenommen. „Die Russland-Krise hat uns geschadet“, gab Air-Berlin-Chef Prock-Schauer zu. Man werde reagieren und das Angebot nach Russland wieder verringern. Man könne als Unternehmen immer mal „auf ein falsches Pferd setzen“.