Hauptversammlung

Digitale Unabhängigkeit in Gefahr

Telekom-Chef fordert gleiche Bedingungen für alle und Abschaffung der Roaming-Gebühren

Die Deutsche Telekom warnt vor dem Verlust der digitalen Unabhängigkeit in Europa. Der Kontinent habe ein Recht auf digitale Selbstbestimmung, sagte Telekom-Chef Timotheus Höttges auf der Hauptversammlung des Konzerns in Köln. „Die Dominanz von amerikanischen und asiatischen Firmen scheint uneinholbar“, sagte Höttges. Kein einziges europäisches Unternehmen würde bei den globalen Marktführern von Endgeräten, Halbleiter-Chips und Internet-Diensten mitmischen. „Google und Facebook zusammen sind an der Börse heute deutlich mehr wert als die gesamte europäische Telekommunikationsindustrie.“

Während in den USA und in Asien die Umsätze mit dem zunehmenden Datenverkehr Internet stiegen, gingen sie in Europa zurück. Vor diesem Hintergrund seien Investitionen schwierig. Würde Europa nun auch noch die Infrastruktur verlieren, sei dies das Ende der digitalen Unabhängigkeit. „Ich möchte nicht, dass unsere Kinder auf einem Kontinent groß werden, in dem wichtige Kommunikationsdienste vollkommen außerhalb unserer eigenen Kontrolle liegen“, sagte der Telekom-Chef.

Die Telekom kämpft seit Jahren gegen Internet-Konzerne wie Google und Facebook an. Google und Microsoft bieten inzwischen selbst mit Hangout und Skype Telefonie-Dienste an, Facebook hat den Messaging-Dienst WhatsApp übernommen, der von vielen als SMS-Ersatz genutzt wird.

Die Telekom investiert in den kommenden Jahren Milliardensummen in den Netzausbau in Deutschland und Europa. Für den europäischen Binnenmarkt forderte Höttges eine einheitliche Regulierung. Dann könnten die Roaming-Gebühren, die für das Telefonieren im europäischen Ausland anfallen, wegfallen. Im Gegenzug sollten die Kartellbehörden aber auch nicht mehr auf winzige Teilmärkte schauen, meinte er in Anspielung auf die derzeitige Praxis bei der Prüfung von Fusionsvorhaben. Das EU-Parlament hatte unlängst den Wegfall der Roaming-Gebühren Ende 2015 beschlossen.

Auf seiner ersten Hauptversammlung als Chef der Telekom äußerte sich Höttges auch zum US-Geschäft, das jahrelang als Sorgenkind des Konzerns galt, nun aber der Wachstumsmotor der Telekom ist. Sollte sich die Zahl der nationalen Mobilfunkanbieter in den USA auf drei reduzieren, sehe man sich in einer guten Position, sagte Höttges. „Experten sagen, es wäre langfristig die beste Lösung, wenn es neben AT&T und Verizon noch einen dritten großen Anbieter auf dem US-Markt gäbe.“ Ein solcher Anbieter hätte weniger Kosten und eine bessere Netzabdeckung. Er könnte daher auch mehr investieren, sagte Höttges.

Höttges musste sich auf seiner ersten Hauptversammlung als Telekom-Chef nur wenig Kritik von Aktionären gefallen lassen. „Die Telekom wächst wieder“, sagte Höttges. Tatsächlich legte der Umsatz im vergangenen Jahr um 3,4 Prozent zu, ohne den Zusammenschluss mit dem US-Mobilfunker MetroPCS war es immer noch fast ein Prozent. Zwar hat die Telekom ihre Dividende von 70 auf 50 Cent reduziert. Doch der Aktienkurs legte allein im vergangenen Jahr um mehr als 40 Prozent zu, was die Aktionäre auf ihrem Jahrestreffen offenbar milde stimmte. Trotzdem steht die Telekom nicht ohne Probleme da. In Deutschland tobt ein scharfer Wettbewerb vor allem um neue Kunden für Breitbandanschlüsse. Hierzulande setzen vor allem die TV-Kabelnetzbetreiber mit schnellen und billigeren Internet-Anschlüssen die Telekom unter Druck.