Gründerzeit

In großen Schritten zum Erfolg

Jürgen Stüber über einen schrägen Onlineschuhhändler aus Berlin-Kreuzberg und seinen Hang zum Atheismus

Warum an dieser Stelle über einen Schuhhändler geschrieben wird, der nicht Zalando heißt, mag man sich fragen. Die Antwort: Weil es dem Berliner Label Atheist durch das virale Moment des Internets und seine sozialen Netzwerke gelungen ist, Bekanntheit zu erzielen, ohne einen Cent für Marketing auszugeben. Weil dies eine Erfolgsgeschichte ist. Und überhaupt: weil sie Hipster-Schuhe herstellen.

Sie verstehen sich als die Monty Pythons unter den Schuhhändlern. Schräg, kreativ, mit britischem Humor. Als der Werbetexter David Bonney von London nach Berlin kam, hatte er keinen Plan – am allerwenigsten von der Schuhmacherei. „Ich wollte einen Jesus-Schuh machen“, erzählt der gebürtige Ire. „Ein Wasserbett als Sohle sollte mein Schuh haben. Dann hätte jeder Mensch über das Wasser gehen können.“ Irgendwie klappte das nicht. Auch egal.

Doch er gab nicht auf und entwickelte einen Prototypen. Weiß sei der gewesen, erinnert sich Bonney. Die Entscheidung für den Namen des Labels war schnell gefallen: Atheist. Deshalb steht „Ich bin Atheist“, auf der Sohle – dreidimensional. So hinterlässt der Träger oder die Trägerin des Kreuzberger Schuhs auf weichen Untergründen sein lesbares Bekenntnis. Und sitzt er oder sie irgendwo mit übereinandergeschlagenen Beinen, so ist der Schriftzug gut lesbar. Zum Flirten sei das ideal, man komme leicht mit Leuten ins Gespräch, sagt Bonney. Doch warum dieser Name? „Wir glauben an nichts“, erläutert der Gründer den ungewöhnlichen Namen. „Das war der einfachste Weg die Absurdität unseres Tuns zu zeigen.“ Absolut überflüssig sei der Atheist-Schuh im minimalistischen Design. Macht nichts.

David Bonney stellte ein Bild dieses Schuhs auf den News-Aggregator Reddit ins Internet und ging ein Curry essen. Das ist ungefähr zwei Jahre her. Und während er so im Restaurant saß, prasselten die Nachrichten in sein Postfach. 700.000 Mitteilungen in 24 Stunden. Er wusste nicht, wie ihm geschah. Und damit hatte er ein Problem: Die Menschen wollten seinen Schuh.

Er startete eine Crowdfunding-Kampagne auf Kickstarter, um bei den vielen Internetnutzern Startkapital für die Schuhproduktion zu sammeln, und suchte eine Manufaktur. Die fand er in Portugal, wo katholische Frauen das gottlose Stück herstellten. „Es gibt nur zwei Modelle in verschiedenen Farben“, sagt Bonney. Sie sind aus Kalbsleder gefertigt. Aber es gibt auch ein Modell für Veganer. „Es wurde aus recyceltem Kunststoff hergestellt – angeblich aus Plastikflaschen.“

Das Paar kostet zwischen 135 und 170 Euro. Erhältlich sind die Modelle online oder im Pop-up-Store an der Torstraße 102 in Mitte. Ungefähr 5000 Paare haben die Berliner bereits verkauft. Übrigens: Die Gründer leben davon. Und so schließt sich wieder der Bogen zu Zalando. Denn die verdienen, wie dieser Tage zu lesen war, immer noch kein Geld.

Für den Herbst wird es übrigens eine Stiefelette aus weichem Rindsleder geben. Für die Zukunft plant das Start-up, die Schuhsohlen mit Lasertechnik individuell zu bedrucken. Babyschuhe gibt es auch schon. Da steht dann „I believe in daddy“ und „I believe in mummy“ auf der Sohle.

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