Unternehmertafel

„Die Vielfalt ist Berlins wesentliche Stärke“

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Joachim Fahrun

Technik, Tempo und Talente: Die Unternehmertafel erörtert die Chancen der städtischen Entwicklung

Berlin muss seine Vielfalt erhalten und Raum für kreative Experimente sichern, um weiter Talente aus aller Welt anzuziehen. Zudem sollte die Stadt insgesamt noch wirtschaftsfreundlicher werden. Die Bürger müssten sich klar machen, dass wirtschaftliche Entwicklung auch Veränderungen mit sich bringt. Wenn diese Bedingungen erfüllt seien, könne die positive Entwicklung der vergangenen Jahre anhalten. Davon zeigten sich die Teilnehmer der Unternehmertafel der Unternehmensberatung Kienbaum und der Berliner Morgenpost überzeugt.

Die Runde von Entscheidern aus Berlins Firmen und Institutionen tagte jetzt zum 43. Mal, und doch war alles anders als in den vergangenen 13 Jahren. Die Teilnehmer versammelten sich nicht mehr im Journalistenclub des Axel-Springer-Hauses, denn die Morgenpost gehört seit Anfang diesen Jahres zur Funke Mediengruppe mit Sitz in Essen. Neuer Ort für die Unternehmertafel war die Bibliothek des Hotels Waldorf Astoria am Zoo, wenige Meter von den neuen Redaktionsräumen dieser Zeitung entfernt. Der Blick aus dem 15. Stock und die exzellente Küche boten einen würdigen Rahmen für die Diskussion, zu der Morgenpost-Chefredakteur Carsten Erdmann und Verlagsgeschäftsführer Frank Mahlberg diesmal neben dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) auch Gäste aus Kultur und Wissenschaft begrüßten. Denn das Thema „Wie breit muss der Standort Berlin aufgestellt sein“ ging weit über die Entwicklung einzelner Branchen in der Stadt hinaus, wie sie sonst an der Unternehmertafel besprochen wird.

Wowereit appellierte an die Berliner, „das eigene Produkt nicht schlecht zu reden“, ohne freilich die Schwächen zu ignorieren. Während Berlin früher, als die Stadt „wirtschaftlich am Boden“ lag, so tun musste, als ob sie toll sei, habe Berlin inzwischen wirklich etwas zu bieten. Der Regierende verlangte aber noch mehr Verständnis dafür, wie die Wirtschaft vorankommen könne. Als Beispiel nannte er die Diskussion um die Fashion Week am Brandenburger Tor, die von vielen als Luxusveranstaltung angegriffen werde. „Es wird nicht immer begriffen, dass die Modebranche einer der Treiber der wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt ist“, sagte Wowereit. Die Berliner müssten zur Kenntnis nehmen, dass neue Unternehmen die Tempomacher seien in Berlin. Es gehe darum, alte Industrien und die vielen Start-ups zu vernetzen. Allein die jungen Technologieunternehmen hätten in den vergangenen Jahren 64.000 Jobs in der Hauptstadt geschaffen, sagte Wowereit.

Selbst Vertreter der traditionellen Wirtschaft wie Handwerkspräsident Stefan Schwarz sorgen sich inzwischen mehr um die Atmosphäre in der Stadt als sie sich über bekannte Reizthemen wie eine schwerfällige Bürokratie ärgern. Zwar sei die zweistufige Berliner Verwaltung mit Senat und Bezirken ein „Wachstumshemmnis“, sagte Schwarz, aber dieses sei nicht auflösbar. Die Zeiten, in denen Betriebe nur über die Bürokratie gemeckert hätten, seien aber vorbei. Inzwischen klagten Handwerker, dass es in den Bezirksämtern zu wenig Personal gebe und Bauanträge zu lange liegen blieben. Wichtiger als solche Alltagssorgen sind Schwarz jedoch übergeordnete Dinge. „Die Vielfalt ist Berlins wesentliche Stärke, das hat mit dem Klima in der Stadt zu tun“, sagte Schwarz. Die Politik müsse sich Gedanken machen, wie sie dieses Nebeneinander erhalten kann, trotz 50.000 zusätzlicher Einwohner jährlich und steigender Preise.

Der neue Zoodirektor Andreas Knieriem bestätigte den Eindruck, dass die Berliner Verwaltung nicht so schlecht sei wie ihr Ruf. „Was in München an Bürokratie stattfindet, das können Sie sich nicht ausmalen“, berichtete der Zoologe von seinem früheren Wohn- und Arbeitsort. Aber die Münchener hätten eine besondere Eigenschaft, die den Berlinern nicht nur nach Einschätzung des Regierenden Bürgermeisters abgeht: „Sie reden sich alles schön.“

Auch Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters, betonte, dass Vielfalt in einer Stadt sich nicht automatisch organisiere. Die eigentliche Aufgabe sei es, das „Interesse an Diversität zu wecken und positiv zu verkörpern“, sagte der Theatermacher. Das sei anstrengend, es sei „Arbeit, sich gegenseitig auszuhalten“. Khuon warnte, Berlin dürfe die „Phantasie draußen auf den Trottoirs“ nicht verlieren. Diese alternative Szene dürfe nicht weginvestiert werden. Deswegen sei der Umgang des Landes mit seinen Liegenschaften entscheidend für die weitere Entwicklung.

Dass es bei Kreativität nicht nur um buntes Straßenleben geht, hob der neue TU-Präsident Christian Thomsen hervor. Das Gefühl „sei frei in Berlin“ und die Vielfalt seien auch für die Wissenschaft wichtige Pluspunkte. „Für Spitzenleute aus den USA ist Berlin besser als Bayern“, sagte der Professor. Anke Hoffmann, die als Geschäftsführerin von Kienbaum Berlin viele Spitzenjobs zu besetzen hat, bestätigte diesen Befund: „Wir erleben, dass Berlin eine besondere Strahlkraft hat.“

Berlins oberster Tourismuswerber Burkhard Kieker riet den Berlinern deshalb auch zu mehr „lässigem Selbstbewusstsein“, das Ausländer in der Stadt immer noch vermissten. „Die Talente sind alle hier und nicht auf der Schwäbischen Alb“, sagte der Chef von Visit Berlin. Deshalb würden sich langfristig auch die Unternehmen nach Berlin orientieren müssen. Fabian Kienbaum, die nächste Generation der Unternehmensberatung, berichtete, als er vor fünf Jahren sein Studium in Berlin beendet habe, seien fast alle Kommilitonen weggegangen aus der Stadt. Aber jetzt beginne sich eine Substanz herauszubilden, die solche Fachleute halte und neue anziehe.

Die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Berlin Partner registriert bereits einen Trend in dieser Richtung. Von den durch Berlin Partner unterstützten neuen Arbeitsplätzen kam 2013 bereits jeder dritte aus der Industrie, sagte Geschäftsführerin Melanie Bähr. Mit jedem dieser Jobs seien 150.000 Euro Investitionen verbunden: „Da geht es um Hightechindustrie.“

Etwas skeptischer äußerte sich Christoph von Waldow, dessen Firma Gerb Schwingungsisolierungen weltweit unterwegs ist. Für sein Unternehmen sei die internationale Vernetzung mit Botschaften und ausländischen Delegationen hilfreich, aber auch die Zusammenarbeit mit den Universitäten oder der Bundesanstalt für Materialprüfung. Die Unternehmen fühlten sich inzwischen wohl in Berlin, auch Fachkräfte ließen sich relativ leicht rekrutieren. „Alle finden Berlin toll“, sagte von Waldow, „aber nicht so toll, dass sie hier auch ein Werk aufbauen würden“. Da habe Berlin noch Nachholbedarf.

Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Zukunft Berlin und frühere Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer bestätigte den Aufwärtstrend der Stadt. Berlin sei auf einem „sehr guten Weg“, es sei aber nötig, neue Impulse zu setzen. Er erinnerte an frühere Innovationen wie die Berlinale oder die Grüne Woche, die die Stadt seinerzeit vorangebracht hätten. „Was könnten heute ähnliche Dinge sein?“, fragte Hassemer und erklärte seine Gedanken mit Verweis auf das boomende Kongressgeschäft in der Stadt. Quantitativ habe sich das sehr gut entwickelt. Jetzt gehe es darum qualitativ zu denken und neue Tagungen zu etablieren, „auf die die Welt schaut“.

Der Sektor, auf dem die meisten Hoffnungen ruhen, sind die Start-ups aus der Informationstechnologie. Ein wichtiger Knotenpunkt für diese Szene ist die „Factory“ in Mitte, ein Campus, wo inzwischen 100 junge Leute aus 30 Nationen ihre Ideen umsetzen. Factory-Partner Simon Schäfer sieht das größte Potenzial in Berlin nicht in der Jagd nach einem zweiten Google oder Facebook, sondern im entstehenden „Internet der Dinge“, das ganz viele Alltagsgeräte vom Kühlschrank bis zum Auto vernetzt und die Daten nutzt. „Berlin kann sich als wichtigster Standort für Technologie positionieren“, sagte Schäfer. Dafür gebe es aber nicht genügend Unterstützung.

Berlin muss Neues erfinden

Wobei er die Probleme nicht nur auf lokaler Ebene verortet, sondern auch in Europa. Die EU müsse die Rahmenbedingungen für Start-ups verbessern, denn Internetunternehmen seien per se international orientiert. Wer wachsen wolle, gehe immer noch in die USA, weil dort Wachstumskapital leichter zu beschaffen und der Markt größer sei. Deutsche Start-ups müssten deswegen schon in der Aufbauphase ihr Geschäft internationalisieren. „Sie müssen mit weniger Geld mehr Aufgaben bewältigen“, sagte der Unternehmer.

Der Metropolenforscher Harald Mieg von der Humboldt-Universität sagte, Berlin sei keine „Global City“, als Metropole mit starker Kultur und Forschung aber sicherlich ein Referenzort mit Bühnenfunktion: „Berlin ist eine Marke für Urbanität“, so der Professor. Das führe aber noch lange nicht dazu, das bestehende Unternehmen einfach ihre heimischen Netzwerke kappten und nach Berlin zögen. „Berlin muss etwas Neues erfinden.“ Für die Berliner bedeutet das, sich auf Veränderungen wie steigende Mieten und größere Enge einzulassen, sagte Mieg. Klaus Wowereit warnte vor dem verbreiteten Wunsch vieler Berliner nach Stillstand. Prosperität lasse sich nicht verbieten, sagte der Regierende: „Wir müssen aufräumen mit der Illusion, dass alles so bleiben kann wie es ist.“