Technik

Die Selbstvermessung des Körpers

Mit Handys, smarten Armreifen und Uhren lässt sich das Leben optimieren. Ein Milliardengeschäft

Doktor Smartphone ist auf dem Vormarsch. Immer mehr Geräte messen Körperfunktionen wie Blutdruck, Sauerstoffgehalt, Bewegung – und analysieren mittlerweile sogar den Schlaf. Ein gigantischer Markt: Bis 2016 werden Verbraucher weltweit zehn Milliarden Dollar für tragbare Internetgeräte ausgeben, schätzen Marktforscher. Der Trend zur Selbstvermessung ist ungebrochen.

Einer der Vorreiter dieses Trends zur Selbstvermessung des eigenen Körpers ist das französische Unternehmen WiThings. „Wir wollen kein Krankenhaus für zu Hauses sein“, schränkt der Gründer Cedric Hutchings seine Strategie ein. Vielmehr sollen die mit dem Internet verbundenen Sensoren seiner Geräte Vitalfunktionen dokumentieren und den Nutzer zu einer gesunden Lebensweise motivieren.

„Vernetzte Sensoren sollen dem Verbraucher dabei helfen, sein Verhalten zu ändern und in kleinen Schritten Ziele zu erreichen“, sagte Hutchings der Berliner Morgenpost. Das funktioniere nur, wenn Apps und Sensoren unaufdringlich zu bedienen seien. Deshalb arbeiten die verschiedenen Sensoren von WiThings auch alle der Smartphone- und Tablet-App Health Mate zu, die Messwerte in der Internetcloud speichert und auf dem Smartphone oder Computer in übersichtlichen Grafiken anzeigt.

Hutchings brachte 2009 eine erste vernetzte Personenwaage auf den Markt, die das Gewicht dokumentierte sowie das Körperfett errechnete und per Wifi-Verbindung in der Internet-Cloud speicherte. Ferner gab es die Option, die Messwerte automatisch zu twittern. 2011 kam ein erster Blutdruckmesser dazu. 2013 folgte der Aktivitätsmonitor „Pulse“ mit Puls- und Schrittzähler sowie einer Messfunktion für den Blutsauerstoff. Die zum Smart Body Analyzer erweiterte Personenwaage vom März 2013 maß Gewicht, Fett, Herzfrequenz und Raumluftqualität. Im Juni 2014 folgte der Schlafsensor Aura, der Bewegungen, Atemfrequenz, Schlafzeit und Herzschlag misst, auswertet und Musik- und Lichteffekte erzeugt, die passend zur Schlafphase die Regeneration des Körpers verbessern. Ein Zukunftsfeld könnten vernetzte Geräte zur Diagnose der Volkskrankheit Diabetes werden.

Daten gehen an den Hausarzt

Die WiThing-Geräte dienen nicht nur der Dokumentation. Sie bieten dem Nutzer auch die Möglichkeit, sich Ziele zu setzen und ihr Erreichen zu verfolgen. Die App gibt Feedback und motiviert. Dazu gibt es virtuelle Belohnungen und Badges genannte Auszeichnungen. Es wird auch angezeigt, ob die eigenen Werte von der statistischen Norm abweichen. Die Daten können für den Hausarzt freigegeben werden.

Withings ist nicht das einzige Unternehmen auf diesem Markt, der nach einer Prognose des Marktforschungsunternehmens Gartner bis 2016 einen globalen Jahresumsatz von zehn Milliarden US-Dollar haben wird. „Das wachsende Bewusstsein für Fitness und die eigene Gesundheit steigert die Akzeptanz für elektronische Geräte, die am Körper getragen werden“, heißt es in der Studie. Der Markt für diese Produkte werde mit der Verbreitung von Smartphones steigen.

Was macht Apple?

Gartner identifizierte diesen Bereich als einen der zehn Top-Technologietrends für das Jahr 2014. „Mit dem Boom der tragbaren Geräten, bei denen Google und Samsung Pioniere sind, werden mehr Hardware- und Elektronik-Hersteller diesen Markt erforschen, um auf lange Sicht Produkte für das Internet der Dinge zu entwickeln“, heißt es bei Gartner.

Der Markt selbst ist im Umbruch: Jawbone, Fitbit, der Berliner Anbieter Runtastic und einige andere sind dort unterwegs – demnächst wahrscheinlich auch Apple und Google. Der Sportartikelhersteller Nike soll sich Branchenberichten allerdings zufolge aus dem Hardware-Bereich (Fuelband SE) zurückziehen und auf die Software-Entwicklung konzentrieren.

Ob der Rückzug von Nike aus dem Hardware-Geschäft mit denkbaren Plänen von Apple zusammenhängt, in dieses einzusteigen, ist unklar. Seit Monaten kursieren Gerüchte, Apple baue die vernetzte Armbanduhr iWatch und wolle mehr Digital-Health-Funktionen ins nächste iPhone einbauen. Wie immer in solchen Fällen schweigt Apple zu den Spekulationen. Apple hätte ohne Zweifel das Potenzial, ein Gerät mit mehreren Funktionen zu entwickeln. iPhone oder iPad wären die zentralen Benutzeroberflächen.

Die „Quantified Self“ genannte Selbstdiagnose hatte als eine Beschäftigung von Nerds und Selbstdarstellern begonnen: Ihre Gesundheitsmonitore in Armbändern posten absolvierte Laufstrecken auf Facebook oder teilen Gewicht und Body Mass Index auf Twitter mit. Die Selbstvermessung des eigenen Körpers wird aber immer stärker zum Breitensport: Sogar Krankenkassen entdecken die neue Internettechnologie zur Motivation ihrer Kunden. So greift die Fitness-Manager-App der Krankenkasse AOK auf Daten zu, die unter anderem von der WiThings Personenwaage gesendet werden. Auf der Gesundheitsplattform Dacadoo können Versicherte kostenfrei Vitalitäts-Scores erwerben.

Sogar Universitäten wissen die gigantischen Datenmengen der Quantified-Self-Plattformen für Forschungszwecke zu schätzen. Die Quantified-Self-Branche sammelt gigantische Datenmengen an, die anonymisiert der Wissenschaft neue Erkenntnisse liefern können. „Das ist ein vollkommen neues Feld für die Forschung“, sagt Cedric Hutchings. Erste Studien von Universitäten mit WiThings-Daten hätten bereits begonnen.

Quantified Self sei mehr ein Zeitgeist-Phänomen als eine Modeerscheinung, meint Hutchings. Am meisten profitieren Menschen davon, die nur eine geringe Motivation haben, sich um ihre Gesundheit zu kümmern. „Die neuen Technologien werden die Grenze zwischen Gesundheit und Lifestyle überschreiten.