Undercovereinsatz

Was Wallraff bei Burger King entdeckt

Schlechte Bezahlung, Druck und bedenkliche Hygiene: Sendung erhebt schwere Vorwürfe

Es ist nicht das erste Mal, dass sich der Journalist Günter Wallraff einen Fastfood-Giganten aussucht, wenn er sich in die unteren Etagen der deutschen Arbeitswelt begibt. Es ist fast 30 Jahre her, als er sich im Kostüm eines türkischen Gastarbeiters namens Ali für seinen Bestseller „Ganz unten“ in eine McDonald’s-Filiale am Hamburger Gänsemarkt einschlich und sich bitter über die dortigen Arbeitsbedingungen beschwerte: Über die Sicherheitsvorkehrungen, den Druck, der auf den Angestellten laste, die hygienischen Bedingungen und vieles mehr.

Seit 1985 ist nicht nur viel Zeit vergangen, es hat sich inzwischen auch vieles geändert. Zumindest für Günter Wallraff. Erstens kommt er, man muss das so uncharmant sagen, wegen seines fortgeschrittenen Lebensalters für den deutschen Arbeitsmarkt nicht mehr so richtig in Frage. Und zweitens würde ihn dort auch fast jeder erkennen: Denn Wallraffs bisweilen absurde Verkleidungsfreude, zuletzt etwa 2009 als Somalier Kwami Ogonno, haben ihn inzwischen schlicht zu populär und viele Arbeitgeber bei der Einstellung sehr vorsichtig gemacht.

Unvorsichtig, heiß und fettig

Also dirigiert er nun mit listig zusammengekniffenen Augen einen jüngeren Reporter und seine versteckte Kamera durch die Küchen eines Fastfood-Riesen. Es war die erste von drei neuen Folgen der Serie „Team Wallraff“. Der Reporter heißt Alexander Römer, und er wird in den kommenden Minuten im Undercovereinsatz so ziemlich alles aufdecken, was Wallraff selbst schon 1985 aufgedeckt zu haben angab: Dass die Arbeitsbedingungen unmenschlich und gefährlich seien – etwa wenn man mit dem heißen Fritteusenfett hantiere –, dass die hygienischen Bedingungen die Gesundheitsämter alarmieren müssten, dass extremer Druck auf die Angestellten ausgeübt werde, diese schlecht bezahlt würden und so weiter.

Um diesen seinen Nachweis zu führen, hat der Reporter einiges an Expertenweisheit versammelt: Er befragt immer wieder einen Fachmann für Hygiene (der in der Küche Darmbakterien entdeckt haben will), einen Arbeitsrechtler (der Burger King und seinen Franchisenehmern Tricksereien mit den geringfügig Beschäftigten vorwirft) und einen Gastronomen (der den Umgang mit verderblichen Lebensmitteln kritisiert).

Und es lässt sich nicht von der Hand weisen: Wenn Tomaten alle paar Stunden umetikettiert werden, um ihren wahren Verfallszeitpunkt zu verschleiern, dann läuft eine Menge schief. Was dagegen unklarer bleibt, ist der Modus der journalistischen Recherche, die wir hier zu sehen bekommen. Da gibt es eine Reihe von Fragen.

So wird erklärt, der Reporter habe sich Tobias genannt und unter diesem Namen eine längere Zeit in verschiedenen Filialen gearbeitet. Werden denn da keine Personalien aufgenommen? Muss sich „Tobias“ bei der Anstellung nicht ausweisen? Hat er sich für diesen Fall eine gefälschte Identität zugelegt? Oder wird schon bei der Personalakte geschlampt? Wenn ja, warum wird das nicht thematisiert?

Dann waren da die Aufnahmen der versteckten Kamera, die oft aus der subjektiven Perspektive des Journalisten entstanden, ihn dann aber unvermittelt auch zeigten – wie ging das vor sich? Das zu fragen ist nur scheinbar kleinlich, denn der Blickwinkel des Reporters soll hier ja in besonderem Maße Glaubwürdigkeit verbürgen. Da wüsste man doch gern mehr darüber, wie dieser Blickwinkel eigentlich zustande gekommen ist.

Aussteiger eingeschleust

Es war noch ein zweiter Mann für Wallraff im Einsatz, ein Mann der Praxis. Daniel Götz, ein eigentlich ausstiegswilliger Schichtleiter bei Burger King, der sich nun für die Sendung abermals dort bewarb, und zwar beim größten Franchisenehmer der Kette. Einem Mann namens Ergün Yildiz, der zusammen mit seinem russischen Kompagnon 91 Filialen in Deutschland unterhält. Man bekam ihn auch kurz zu sehen, denn er war bei dem Vorstellungsgespräch persönlich zugegen.

Die Sendung referierte die Vorwürfe, die gegen Yildiz’ Franchise-Holding schon erhoben werden, seit sie 2013 die 91 Restaurants der Burger King-GmbH übernahm: dass sich die Bedingungen für die Mitarbeiter und vor allem für Betriebsräte massiv verschlechtert hätten. Aber sie konnte, trotz offenbar massiver Anstrengungen in dieser Richtung, nicht vorweisen, was die Geschichte erst gerundet hätte: Eine Stellungnahme von Yildiz. Burger King reagierte immerhin, wenn auch erst am Tag nach der Sendung, als in den sozialen Netzwerken schon die Aufregung tobte.

„Die von ‚Team Wallraff‘ aufgedeckten Missstände“, heißt es in einer Erklärung, „stellen eine Verletzung unserer Unternehmenswerte dar und widersprechen jeglichen Verpflichtungen, denen wir uns in Bezug auf Lebensmittelsicherheit und Produktqualität in unseren Restaurants verschrieben haben.“ Für die aufgedeckten Missstände habe man in der Zentrale in München „keinerlei Toleranz und Akzeptanz“.

Der Konzern wolle nun mit Yildiz einen „Aktionsplan“ erarbeiten, hieß es. Dieser Plan sehe ein erneutes Intensivtraining aller Mitarbeiter sowie des Managements vor, „um sicherzustellen, dass alle relevanten Vorgaben und Prozesse eingehalten werden“. Die Toleranz reicht dann immerhin doch so weit, dass man mit dem Franchisenehmer weiter zusammenarbeiten will.