Verhandlungen

Siemens bietet für Alstom

Die Ausgangslage ist jedoch schwierig: Der französische Konzern gibt Konkurrent GE offenbar den Vorzug

Kursänderung bei Siemens: Nach einer Kette von Verkäufen und Ausgliederungen unter Ex-Chef Peter Löscher soll der Konzern unter seinem neuen Chef Joe Kaeser künftig wieder wachsen. Siemens will sich mit Rückendeckung der französischen und deutschen Regierung um den Kauf des Energiebereichs des französischen Alstom-Konzerns bewerben. Wie viel Siemens konkret dafür bezahlen müsste, ist noch völlig offen. Der Aufsichtsrat des Industrieriesen genehmigte am Dienstag jedoch den größten Übernahmeversuch seit Jahren grundsätzlich.

Nach Informationen der Pariser Tageszeitung „Le Figaro“ vom späten Abend beschloss der Alstom-Verwaltungsrat allerdings kurz danach, ein Angebot des US-Unternehmens General Electric (GE) bevorzugt zu behandeln. Dieses solle allerdings noch einen Monat lang von unabhängigen Experten geprüft werden, berichtete das Blatt unter Berufung auf Konzernkreise. Eine offizielle Bestätigung lag dafür nicht vor, ähnlich berichteten aber auch andere Medien, die sich ebenfalls auf den Verwaltungsrat beriefen.

Siemens hatte die Abgabe seines Angebots an die Bedingung geknüpft, vier Wochen lang Zugang zu Daten des französischen Unternehmens zu bekommen. Zudem müssten Managementinterviews geführt werden können, hieß es. Der „Figaro“ berichtete am Abend zudem, Siemens sei bereit, seine komplette Transportsparte inklusive des ICE- und Metro-Baus an Alstom abzugeben, wenn es im Gegenzug die Energietechniksparte kaufen könnte. Die Münchner bewerteten letztere mit 10,5 bis 11 Milliarden Euro. An dem neuen, auf Bahntechnik spezialisierten Unternehmen Alstom, würde Siemens laut „Figaro“ einen Anteil von 19 Prozent beanspruchen. Lediglich die Signaltechnik würde es unter dem eigenen Dach behalten wollen.

GE will nach Informationen der Zeitung nur rund zehn Milliarden Euro für die Energietechniksparte der Franzosen zahlen. Die Alstom-Führung halte eine Übernahme durch Siemens allerdings für „zu kompliziert“ – vor allem, weil es zu viele Überschneidungen in der Produktpalette gebe. Es wurde erwartet, dass sich das französische Unternehmen an diesem Mittwochmorgen offiziell zu den Übernahmeangeboten äußert. Dies hatte auch die Finanzmarktaufsicht AMF verlangt.

Alstom hatte in den vergangenen Monaten heimlich nur mit General Electric über eine Übernahme verhandelt. Die französische Regierung hatte mit Empörung darauf reagiert. Sie fürchtet eine Verlagerung von Arbeitsplätzen und Entscheidungszentren, sollte GE den Zugriff auf Alstom bekommen. Paris hat stattdessen angedeutet, einen Geschäftsfeldertausch zwischen Siemens und Alstom zu bevorzugen. Die französische Regierung erhofft sich, dass zwei europäische Weltmarktführer entstehen könnten – einer im Bereich Bahntechnik, der andere im Bereich Energie.

Am Montag hatten Siemens-Chef Kaeser und Aufsichtsratsvorsitzender Gerhard Cromme in Paris mit Staatspräsident François Hollande und Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg gesprochen. Die Informationen aus dem Élysée-Palast konnten Cromme und Kaeser direkt in das außerordentliche Treffen des Siemens-Kontrollgremiums einbringen. Auch Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) besprach sich mit Hollande. Bei den Gewerkschaften herrscht allerdings Sorge: Die IG Metall stellte für den Fall eines Tauschgeschäfts klar, dass sie Sicherheiten für die rund 11.500 Beschäftigten der Sparte einfordern werde.