Unternehmen

Berliner auf Investorensuche in USA

tellM mischt in dem ungleichen Kampf der SnapChat-Nachfolger mit. Ein erbitterter Wettstreit anonymer Nachrichten-Apps

So tollkühn sind nur wenige Gründer. Das Berliner Start-up tellM (Sprich: tellem) hat seine anonyme Nachrichten-App in Kalifornien gestartet. In der Höhle des Löwen, wo sich gerade die mit zweistelligen Millionenbeträgen unterstützten Apps Whisper und Secret ein Duell um Marktanteile liefern. Denen kommen die vier Jungs aus Berlin, die mit ihrem feuerroten Wohnmobil von College zu College tingeln, gerade recht.

TellM hatte keine Wahl, denn die Gründer denken global. Sie mussten in den USA starten – aus zwei Gründen. Denn dort tobt gerade der Hype der anonymisierten Nachrichten-Apps, bei denen man im Freundeskreis oder öffentlich posten kann, ohne seine Identität preiszugeben. Und nur in den USA gibt es Geld von Investoren – viel Geld, wie man seit dem jüngsten Kauf der Nachrichten-App WhatsApp für 19 Milliarden Dollar durch Facebook weiß.

„Das ist ein ungleicher Wettstreit zwischen tellM, Secret und Whisper“, räumt Henrik Matthies ein, einer der vier Gründer. „Aber einen Investor erreicht man in den USA nur, wenn man dort Relevanz für die Menschen besitzt“, sagt er. Dieses Ziel will tellM mit einer College-Tour erreichen.

Schon 10.000 Bilder gepostet

Diese Colleges sind in sich geschlossene soziale Gefüge mit einem hohen Tratsch-Faktor – der optimale Anwendungsfall für eine anonymisierte Nachrichten-App. Mehrere Tausend Nutzer hat tellM binnen einer Woche gefunden. Mehr als 10.000 Bilder und Texte wurden via tellM gepostet. „Die Wiederkehrer-Rate ist unfassbar hoch“, berichtet Matthies. Das mag auch an der Experimentierfreudigkeit der Amerikaner liegen und ihrer Aufgeschlossenheit dem Neuen gegenüber.

Um den Nachrichtendienst zu nutzen, ist die Android- oder iPhone-App erforderlich. Man gibt sein Geschlecht sowie die eigene Handynummer ein und gibt anschließend der App die Erlaubnis, auf die Smartphone-Kontakte zuzugreifen. Dann baut tellM ein Netzwerk zu allen anderen Kontakten des Benutzers, die auch tellM nutzen. So entsteht ein Netzwerk der eigenen Freunde.

Innerhalb dieses Netzwerks kann jeder ohne Namensangabe in Text und Bild posten, was man sich auf Facebook oder Twitter nicht trauen würde. „Herkömmliche Netzwerke sind zu einer digitalen Visitenkarte geworden“, sagt Matthies. Da würden sich die Nutzer verstellen, um das Gesicht zu wahren. Dass es einen Wunsch nach Anonymität im Internet gibt, weiß man seit der Klarnamen-Debatte der sozialen Netzwerke Google+ und Facebook sowie seit dem Erfolg von anonymen Foto- und Video-Apps wie SnapChat.

Die Möglichkeit, ohne Risiko offen zu sprechen, könnte tellM auch zum Werkzeug der Politik machen. Das wirft Fragen nach der Sicherheit solcher Dienste auf. „Wir kennen nur die Telefonnummern unserer Nutzer“, sagt Matthies. „Mehr wollen wir auch nicht wissen, denn wir sind kein Datenakkumulator.“

Nummer verschlüsselt übertragen

Wer eine Nachricht schreibt, überträgt nur seine verschlüsselte (im Fachjargon: gehashte) Telefonnummer und den verschlüsselten Text der Nachricht. Ob tellM so sicher wie das Netzportal Tor oder der Kurznachrichtendienst Threema sind, will Matthies nicht sagen. „Wir nutzen noch keine proprietären Server“, sagt er. „Die NSA könnte uns knacken, andere Sicherheitsdienste nicht.“

tellM will nicht Sex-Plattform werden wie einst ChatRoulette oder zum Teil auch SnapChat, wo Nutzer unter dem Deckmantel der Anonymität ihrem Hang zum Exhibitionismus freien Lauf ließen. Screenshots von Fotos sind technisch nicht möglich. Zudem ist das Posting auf das eigene soziale Netzwerk begrenzt und anstößige Postings können von Nutzern gemeldet werden.

Ein hohes Potenzial für anonymes Messaging sieht Matthies in Japan und Korea. „Dort müssen Teenager anders als in Europa oder Amerika nach außen das Gesicht wahren und perfekt erscheinen. Bei uns können sie unerkannt über ihre Gefühle reden.“

Im Gegensatz zu den anderen anonymen Nachrichtenapps will tellM nicht mit Nutzerdaten handeln und auch keine Werbung einblenden. Dann würde unser Produkt sterben“, sagt Matthies. „Wir brauchen erst eine kritische Masse, dann werden wir über Monetarisierung reden.“ Denkbar seien zum Beispiel kostenpflichtige Zusatzfunktionen.

Als tellM im August 2013 mit dem Aufbau der Plattform begann, war der aktuelle Hype der anonymen Messenger noch nicht abzusehen. Whisper hatte gerade eine erste Finanzierungsrunde abgeschlossen und bemühte sich, eine Community aufzubauen. Secret wurde erst im Oktober 2013 gegründet und kam im Januar 2014 auf den Markt – da hatte tellM bereits eine Pilot-App in Kolumbien gestartet.

Es wird sich zeigen, ob anonymes Messaging mehr als eine Modeerscheinung ist. Unter Branchenexperten ist das umstritten. Gegen die Modethese sprechen die hohen Investitionssummen, die in dieses Branchensegment bislang geflossen sind: insgesamt 54 Millionen Dollar für Whisper und zehn Millionen für Secret.