Bildung

„Ich lerne hier eh nichts“

Jeder Vierte bricht seine Ausbildung ab. Viele junge Menschen machen sich falsche Vorstellungen

„Das ist doch nicht so, was ich mir vorgestellt habe. Muss ich das wirklich machen?“ Klagen wie diese hört Zaneta Mathews häufig von Auszubildenden. Mathews ist Ausbildungsberaterin bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin, zuständig für die Berufe in der Gastronomie. „Die Erwartungen sind oft unrealistisch, auch geprägt von Fernsehkochshows“, erzählt Mathews. Manchmal hätten sich die Jugendlichen auch gar nicht richtig mit dem Beruf beschäftigt. Wer Koch lernt, der wird auch in der Spülküche eingesetzt und auch schon einmal im Service. Hotelfachleute wollen oft nur an der Rezeption arbeiten, erzählt Mathews, und nicht wie ein Zimmermädchen auf der Etage. Aber auch die Betriebe wenden sich mit Klagen an Mathews. Dabei geht es dann um mangelnde Disziplin und mangelndes Pflichtbewusstsein der Auszubildenden. Mathews versucht dann zu vermitteln.

Doch das gelingt nicht immer. Jede vierte Lehre wird laut Berufsbildungsbericht 2013 des Bundesinstituts für Berufsbildung abgebrochen. 150.000 Ausbildungsverträge wurden vorzeitig gelöst, davon ein Drittel schon in der Probezeit. Die Gründe für Vertragslösungen seien „vielfältig und komplex“, heißt es im Bericht: Jugendliche nennen Konflikte mit Ausbildern und Vorgesetzten, eine mangelnde Ausbildungsqualität und ungünstige Arbeitsbedingungen. Daneben führen sie auch persönliche und gesundheitliche Gründe sowie falsche Berufsvorstellungen an. Betriebe wiederum sehen mangelnde Ausbildungsleistungen, mangelnde Motivation und Integration in das Betriebsgeschehen als Hauptgründe für eine Trennung vom Azubi an.

Viele Abbrecher in Gastronomie

In den vergangenen Jahren sind die Abbruchquoten noch gestiegen. Dahinter steckt die gute Lage auf dem Ausbildungsmarkt. Hat ein unzufriedener Azubi die Chancen auf einen anderen Ausbildungsplatz, ist er eher bereit, die Lehre abzubrechen. Besonders hoch sind die Quoten in der Gastronomie und im Handwerk. An der Spitze liegt der Restaurantfachmann mit einer Abbrecherquote von 50,7 Prozent, gefolgt vom Koch mit 48,4 Prozent. Hohe Quoten über 40 Prozent haben auch der Gebäudereiniger, der Berufskraftfahrer, die Fachkraft im Gastgewerbe, der Friseur.

Auch Jochen aus Berlin hat einmal Koch gelernt, zwei Jahre lang, dann hat er abgebrochen. Warum gerade Koch? „Ach“, sagt der 23-Jährige, „mir war das egal.“ Seine Freundin bekam ein Kind. „Da habe ich gedacht, jetzt muss sich schnell was ändern, und da habe ich genommen, was ich kriegen konnte.“ Die Ausbildung war in einer großen Kantine, nicht in einem Restaurant. „Die haben auf Masse gekocht, Kartoffeln säckeweise in den Kessel und dann Vollgas. Die hatten gar keine Zeit, mir etwas beizubringen.“ Im ersten Lehrjahr hat er noch gedacht: „Das schaffste.“

Doch die anderen Auszubildenden in der Berufsschule, die in einem Restaurant lernten, waren schnell viel weiter als er. „Ich lerne hier eh nichts“, hat er irgendwann gedacht. Als er und seine Freundin sich trennten, hat er die Lehre geschmissen. Jochen nimmt jetzt einen zweiten Anlauf. Was er werden will, weiß er noch nicht. Diesmal will er sich das genau überlegen.

Mangelnde Berufsorientierung der Jugendlichen – das ist für die betroffenen Branchen der Hauptgrund für die hohe Abbrecherquote. „Die Jugendlichen gehen mit falschen Vorstellungen an den Beruf heran. Sie haben sich nicht informiert, kein Schnupperpraktikum gemacht und wissen gar nicht, was da auf sie zukommt“, sagt Sandra Warden, Geschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga. Eine Ausbildung im Gastgewerbe sei „unglaublich reizvoll und vielfältig“. Aber eben auch harte körperliche Arbeit. Hinzu kämen ungünstige Arbeitszeiten. „Wer sich das nicht klar macht, bekommt einen Praxisschock“, so Warden. Es gebe zudem eine zunehmende Zahl von Vertragslösungen, bei denen die Initiative vom Ausbildungsbetrieb ausgehe. „Es werden immer mehr Leute eingestellt mit schlechten Schulnoten und Soft-Skills-Problemen, die man vor ein paar Jahren noch nicht genommen hätte“, sagt Warden. Die Schulbildung sei dabei noch das kleinere Problem. „Ganz schwierig wird es, wenn die Kommunikation, der Umgang mit dem Gast nicht klappt, wenn einfache Umgangsformen nicht beherrscht werden.“ Sicher: „Es gibt Betriebe, da sagen wir auch, die sollten besser nicht ausbilden, da muss die IHK einschreiten“, räumt Warden ein. Von diesen „schwarzen Schafen“ könne man aber nicht auf die Gesamtheit der Betriebe schließen.

DGB fordert Qualitätskontrolle

Die Gewerkschaften sehen das ganz anders. Sie sehen die Betriebe in der Pflicht. „Gerade die Branchen, die lautstark einen Mangel an Bewerbern beklagen, haben die schlechtesten Ausbildungsbedingungen“, kritisierte DGB-Vizechefin Elke Hannack im Gespräch mit der Berliner Morgenpost. „Viele Betriebe sind schlicht nicht ausbildungsreif: Sie halten viele Überstunden, unregelmäßige Arbeitszeiten und eine niedrige Vergütung für normal.“ Dies gilt nach den Worten der Gewerkschafterin insbesondere für das Hotel- und Gaststättengewerbe sowie das Bäcker- und Fleischerhandwerk. Fast jeder zweite Ausbildungsvertrag wird hier vorzeitig aufgelöst. Unabhängige Stellen sollten künftig Unternehmen regelmäßig auf ihre Ausbildungsqualität kontrollieren und bei Bedarf auch sanktionieren, fordert Hannack. Denn die Handels- und Handwerkskammern, die für die Qualität der Ausbildung in den Betrieben zuständig sind, gerieten als Lobbyverband der Unternehmen in Loyalitätskonflikte. Branchen, die für Jugendliche wieder attraktiv werden wollen, müssten ihnen gute Ausbildungsbedingungen, eine bessere Bezahlung und gute Perspektiven bieten, empfiehlt die DGB-Vizechefin. „Wenn junge Menschen als billige Arbeitskräfte ausgenutzt werden, bewerben sie sich in diesen Unternehmen nicht mehr.“

Im Handwerk hält man dagegen: „Vertragslösungen im Handwerk sind nicht mit einem Ausbildungsabbruch gleichzusetzen“, sagt Handwerkspräsident Hans-Peter Wollseifer. Zwei Drittel der Jugendlichen blieben dabei. „Mit einer besseren Berufsorientierung an den Schulen und Praktika ließen sich viele Lösungen aber vermeiden.“ Tatsächlich schließt die Hälfte der Abbrecher laut Bildungsbericht erneut einen Ausbildungsvertrag, ein Drittel sogar im selben Beruf.

Auch Franz aus Berlin brach seine Lehre ab. Danach begann er eine Ausbildung zum Bürokaufmann. Diese hat er mittlerweile abgeschlossen. Bis vor Kurzem hat er bei einer Bank gearbeitet, am Schalter. „Ein Glücksfall“, sagt er. „Das hat richtig Spaß gemacht.“ Leider war die Stelle nur befristet. Jetzt ist der 27-Jährige auf Arbeitssuche. Seine erste Ausbildung abgebrochen zu haben, war für ihn richtig. Zunächst hatte er eine überbetriebliche Ausbildung am Hochbau angefangen. Verputzen, Fliesen legen, mauern – schnell hat er gemerkt, dass das nichts für ihn ist. Mit den Ausbildern kam er auch nicht zurecht. „Das war alles so stumpfsinnig. Ich habe mich unterfordert gefühlt.“