Betrug

Neuland-Skandal trifft Berliner Metzger

Landwirt verkaufte Industriehühner als Premium-Produkt. Darunter leiden auch die Fleischhändler

Wer bei „Curry 32“ an der Greifswalderstraße in Prenzlauer Berg eine Currywurst bestellt, bekommt von dem netten Mann hinter der Theke zwei Fragen gestellt: „Mit Darm oder ohne?“ Und: „Neuland oder normal?“ Neuland kostet 2,30 Euro, normal 1,80Euro.

Neuland ist ein Gütesiegel, es verspricht Qualität. In Berlin wird Neuland-Fleisch an 30 Verkaufsstellen, also Metzgereien und Marktständen, angeboten. Menschen kaufen das teure Fleisch, weil sie sich gesund ernähren wollen. Weil sie Tiere essen wollen, deren Aufzucht und Transport die Umwelt nicht zu stark belastet. Und weil sie sicher gehen wollen, dass die Tiere, die sie essen, nicht zu sehr leiden mussten. Im Internet gibt es einen Werbefilm darüber, wie Neuland-Tiere leben. Man sieht einen idyllischen Bauernhof, entspannte Schweine, putzige Ferkel. Die Tiere quieken vergnügt. Ansonsten herrscht so viel Ruhe, dass man sich für einen Moment wünscht, dort Urlaub zu machen. Wer Neuland kauft, tut auch etwas für sein Gewissen.

Doch jetzt gibt es einen Fall in Niedersachsen, der für Neuland eine Katastrophe ist. Es geht um den Landwirt L. aus Wietzen in Niedersachsen. L. hat, wie er auch zugibt, jahrelang billige Industriehühner als Neuland-Fleisch verkauft. Damit habe er, so heißt es in einem Bericht der „Zeit“, Hunderttausende Euro verdient. L. soll der wichtigste Geflügellieferant von Neuland gewesen sein. Hühnerfleisch liegt im Trend, auch weil es fettarm ist – und Menschen in Deutschland bezahlten für L.s Fleisch mehr als zehn Euro pro Kilo. Jetzt ermittelt Staatsanwaltschaft Oldenburg. Die Behörde ist bundesweit für Lebensmittelkriminalität verantwortlich.

Direkt gegenüber von „Curry 32“ liegt eine Neuland-Metzgerei. Und Metzger Jörg Erchinger ist, gelinde gesagt, aufgebracht. „Das ist ’ne harte Geschichte“, sagt er. Die Metzger müssten jetzt unter den „Machenschaften“ des Landwirts L. leiden. „Das ist definitiv nicht schön für uns.“ Bis in den vergangenen Dezember hinein verkaufte auch er Hühnerfleisch vom Hof des Landwirts. Bisher habe ihn noch keine Kunde auf den Fleischskandal angesprochen, sagt der Metzger. Sein Hühnchenbrustfilet bekommt Erchinger jetzt von Matthias Minister, Neuland-Landwirt bei Radolfzell am Bodensee.

Neuland hat sich mit einer Pressemitteilung an die Öffentlichkeit gewandt. Darin steht, dass man, sollte sich der Massenbetrug von L. bestätigen, „tief enttäuscht“ sei. „Hinweise auf Unregelmäßigkeiten“ habe man erst im Jahr 2013 bekommen. Kurz vor einer Kontrolle durch die Gesellschaft für Ressourcenschutz habe L. am 9. Dezember 2013 um 14 Uhr per Mail gekündigt. Neuland betont: „Dieser Fall ist ein Einzelfall, bei dem möglicherweise kriminelle Energie und Raffgier eine Rolle gespielt hat.“

Jochen Dettmer von Neuland widerspricht zudem dem Bericht der „Zeit“, in dem von Hunderttausenden Hühnern die Rede ist. „Dieser Landwirt hat nur ab und zu dazugekauft“, sagt Dettmer der Berliner Morgenpost. Unter Hühnerfleisch, das den strengen Neuland-Kriterien entsprach, mischte er die Billigware, die er anderswo einkaufte. Dettmer schätzt, dass dies nur auf 20 bis 30 Prozent des verkauften Fleisches zutrifft.

Enttäuscht ist auch der Berliner Verbraucherschutzsenator Thomas Heilmann (CDU). „Es sieht leider so aus, als hätten wir es mit einem massiven Betrugsfall zu tun“, sagt Heilmann der Berliner Morgenpost. „Und das auch noch in einem sehr sensiblen Bereich.“

Der Senator glaubt, dass Gütesiegel wie Neuland nun sicher im eigenen Interesse die vorhandenen Kontrollmechanismen überprüfen werden, um Vertrauen wiederherzustellen. Zudem betont Heilmann: „Neuland ist ein privates Siegel.“ Die Kontrolle, ob die Neuland-Kriterien eingehalten würden, liege deshalb nicht bei den amtlichen Lebensmittelkontrolleuren der Berliner Bezirke. „Das würde auch nicht viel Sinn machen, weil Sie mit der Kontrolle, ob ein Tier artgerecht gehalten und entsprechend der Vorgaben ernährt wird, ja möglichst früh in der Kette ansetzen müssen – also nach dem Schlüpfen im Stall und nicht beim Hähnchenbrustfilet im Kühlregal.“