Internet

Digitale Tagelöhner

Freischaffende bieten ihre Arbeitskraft im Internet feil. In aller Welt haben sie Kunden – und Konkurrenten

Retromops Jette döst auf ihrer Decke. Denn Frauchen ist mal wieder auf Akquise-Tour. Erst schaut sie bei einem Fünf-Sterne-Katzenhotel in den Staaten rein. Kurz darauf ist sie bei einem Baby-Fashion-Anbieter in Neuseeland, und dann klickt sie sich weiter zu einem Fotoversand für amerikanische Strafgefangene. Für Gila von Meissner sind das alles potenzielle Kunden. Die 39-Jährige sitzt auf ihrer Couch, doch im selben Moment buhlt sie um Design-Aufträge von Firmen rund um den Erdball. „Ich bin zumeist parallel an 20, 30 Wettbewerben beteiligt. Viel in Australien und den USA. Auch einer Kita in Indien habe ich schon ein Logo verkauft.“

Von Meissner ist eine von weltweit 300.000 Designern, die über das in Berlin ansässige Internetportal 99designs ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen, 18.000 davon kommen aus Deutschland. Sie gestalten Webseiten, entwerfen Logos, designen Broschüren, Buchcover oder Verpackungen. Und das alles für Unternehmen, die sie in der Regel nie zu Gesicht bekommen. Vom Briefing bis zur Bezahlung läuft alles im Internet ab.

„Wir sind wie eine Dating-Plattform. Wir bringen viele kleine Unternehmen mit vielen kleinen Anbietern von Designdienstleistungen zusammen“, sagt Eva Missling, die Europa-Chefin von 99designs. Vor allem Start-up-Unternehmen nutzten die Möglichkeit, sich über die Plattform ein komplettes Firmendesign für unter 500 Euro gestalten zu lassen. Selbst eine Pferdedecken-Wäscherei aus der Provinz kann so unter Dutzenden von Entwürfen wählen, eingereicht von Designern aus aller Welt. Bezahlt wird nur der Entwurf, der am besten gefällt. „Der Wettbewerb sorgt dafür, dass der Kunde Qualität bekommt“, sagt Missling, und für die Designer sei es ein wunderbares Modell zur Kundenakquise. „Alles ist viel effizienter geworden.“

Die „Crowd“ ist jederzeit verfügbar

Share Economy, Crowdsourcing, Microjobbing: Das sind die Schlagwörter, die eine Entwicklung auf dem globalen Dienstleistungssektor auf einen Begriff zu bringen versuchen. Im Internet floriert eine wachsende Zahl von Vermittlungsportalen, auf denen Menschen ihre Arbeitskraft weltweit feilbieten. Vom stupiden Handlanger-Service bis zur qualifizierten Dienstleistung – fast alles ist mit ein paar Klicks buchbar. Und immer mehr Unternehmen greifen auf die digitalen Tagelöhner zurück, kleine Start-ups ebenso wie Konzerne. Denn die „Crowd“ ist zu jeder Tages- und Nachtzeit verfügbar, überall auf der Welt einsetzbar und unerschöpflich.

Gila von Meissner sieht sich als Nutznießerin der Entwicklung. Rund 100 Firmenlogos hat die gelernte Hotelfachfrau in drei Jahren allein über 99designs verkauft – und damit 22.000 Euro verdient. Manche Projekte erledigt sie in einer halben Stunde, mehr als ein paar Stunden werden es nie. „Ich mag dieses quick and dirty“, sagt die 39-Jährige. „Das ist eine völlig neue Art, Geld zu verdienen.“

Im deutschsprachigen Web schießen Plattformen ins Kraut, die Unternehmen eine schnelle, professionelle, vor allem aber billige Erledigung diverser Dienstleistungen versprechen. Auf Freelancer.com etwa können sich Unternehmen einen kompletten Firmenauftritt zusammenshoppen: Visitenkartendesign für 30 Dollar, Logo für 150, die Webseite für 100 und die mobile App für 200 Dollar. Bei Content.de verdingen sich Schreiber von Produktbeschreibungen, Übersetzungen und suchmaschinenoptimierten Texten für 0,8 bis 4 Cent pro Wort. Ein Vier-Sterne-Autor, so informiert der „Verdienstrechner“, kann hier auf 119 Euro netto am Tag kommen. Vorausgesetzt, er schreibt pro Stunde mehr als zwei Seiten voll, und das neun Stunden lang. Der Mensch als Schreibmaschine.

Abschlüsse in Jura und in BWL hat Jana Dietz. Doch zurzeit kümmert sich die Leipzigerin vor allem um Paul, ihren knapp zwei Jahre alten Sohn. Um sich dennoch ein paar Euro hinzuzuverdienen, absolvierte Dietz vor gut einem Jahr auf der Seite von „Clickworker“ einen Online-Rechtschreibtest und schrieb einen kleinen Probetext, einen Reisebericht über Leipzig. Seither ist sie eine von einer halben Million Clickworkern.

Fast jeden Tag loggt sie sich am Laptop unter ihrem Profil ein und übernimmt kleine Jobs: Zumeist schreibt sie Unternehmensporträts für die Webseiten von Kleinfirmen, für einen Klempnerbetrieb oder einen Frisör in Berlin. Einen 120-Wörter-Text hackt die 36-Jährige in sieben Minuten in den Rechner: „Schnell verdientes Geld!“ Aber auch nicht viel. Obwohl sie sich beim internen Bewertungssystem mit 100 Prozent den höchstmöglichen Score erschrieben hat, also praktisch fehlerfreie Arbeit abliefert, bekommt sie nur 1,25 Euro pro Text. „Ein netter Zuverdienst, so lange wir noch keinen Kita-Platz haben. Und ich bin völlig flexibel“, sagt die Akademikerin. „Aber davon leben? Ich weiß nicht, ob das jemand könnte.“

4,5 bis fünf Millionen Aufträge wurden 2013 über Clickworker abgewickelt. „Unsere Umsätze verdoppeln sich von Jahr zu Jahr“, freut sich Geschäftsführer Christian Rozsenich. Das Unternehmen ist noch keine zehn Jahre alt und verfügt selbst nur über ein Team von 25 Mitarbeitern. Doch es greift zurück auf 500.000 registrierte Clickworker. Eine flexible Taskforce, die Plätze, Lokale und Speisekarten für Branchendienste fotografiert, Produktbeschreibungen für E-Commerce-Anbieter textet. Oder sie markiert, wie unlängst bei einem Projekt für Honda, auf Abertausenden von Fotos Fahrbahnen und Hindernisse elektronisch, um die Fahrassistenzsysteme des Autoherstellers zu trainieren. „Was wir bieten“, sagt Rozsenich, „ist qualitätsgesicherte Massendienstleistung.“

Für deutsche Unternehmen sind die digitalen Arbeitsvermittlungen ein Weg, dem Fachkräftemangel aus dem Weg zu gehen: Gut 10.000 Jobs haben deutsche Firmen 2013 über die Arbeitsvermittlungsplattform Odesk ausgeschrieben – die meisten deutschen Aufträge gehen an IT-Fachkräfte in Indien, danach folgen die USA und Pakistan. Doch die Auftraggeber suchen keine Billigkräfte, die Plattform ist vor allem für hoch qualifizierte Freelancer konzipiert, Stundenlöhne über zehn Euro sind üblich.

Vermittler spart Zeit und Geld

Steffen Maier zum Beispiel, Mitgründer des Berliner Start-up-Unternehmens Impraise, sucht über Odesk hoch bezahlte Spezialisten: „Es ist sehr schwierig aktuell, auf dem Berliner Freelancer-Markt Spezialisten für Webseitenprogrammierung zu finden.“ Maier hat über die Plattform Webseiten-Designer und Programmierer engagiert, die die Homepage seines Start-ups gestaltet haben. „Das hätten wir auch selbst machen können – doch das hätte unsere Programmierer von der aktuell viel wichtigeren Aufgabe abgelenkt, unsere App fertigzustellen.“ Für Maier spart Odesk vor allem Zeit. Die Plattform regelt genau, wie wann bezahlt wird, Konflikte werden über eine Moderationsfunktion gelöst – wie bei Ebay hinterlassen die Vertragsparteien Bewertungen, Odesk übernimmt die Funktion einer Clearingstelle und verwaltet Lohnzahlungen.

Klassische Aushilfsjobs vermittelt dagegen die Plattform Mila. Seit Sommer 2013 können darüber in Berlin Dienstleistungen aller Art geordert werden, vom Aufbau des Billy-Regals bis zur Putzhilfe. Die Jobs übernehmen 2000 bei Mila registrierte Kleinstunternehmen und Privatleute. Mittlerweile würden „Hunderte von Aufträgen pro Tag“ vermittelt, sagt Daniel Andriani, Geschäftsführer von Mila Europe.

Bürokaufmann Sven Wegener arbeitet im Hauptberuf für ein Callcenter. Nach Feierabend bietet er „Time-to-Relax“-Massagen im Wohnzimmer seiner Wohnung in Hellersdorf an. Hierfür hat er im November auf Mila ein Profil eingerichtet, in dem er verschiedene Massage-Pakete ab 19 Euro anbietet. „Besonders beliebt ist die Aromaöl-Massage – eine Stunde für 34 Euro“, berichtet der 38-Jährige, der für seinen Nebenjob eine zwölfmonatige Weiterbildung absolviert hat. Noch finden nur zwei bis drei Kunden pro Monat via Mila den Weg in Wegeners gute Stube, und acht Prozent vom Umsatz reicht der Berliner gleich an das Vermittlungsportal weiter. Doch er hat große Pläne: „Ich will ein eigenes Massagestudio eröffnen!“