Arbeitskampf

„110.000 Euro – ein gerechter Lohn“

Drei Tage lang wollen die Piloten der Lufthansa in der kommenden Woche streiken. Markus Wahl ist einer von ihnen

Was er will, wusste er schon immer. Der 34-jährige Markus Wahl ist Pilot und hat sich damit einen alten Kindheitstraum erfüllt. Als er mit seinen Eltern in den Urlaub flog, war es noch erlaubt, „mal ins Cockpit reinzuschauen“. Und das fand der Junge „total spannend, all die Knöpfe, all die Technik“. Der Wunsch, Pilot zu werden, verflüchtigte sich während der ganzen Schulzeit nicht. „Nach Abitur und Zivildienst hab ich mich dann gleich bei der Lufthansa beworben, und es hat dann Gott sei Dank geklappt“, erzählt Wahl.

Mittlerweile ist er Senior First Officer, kurz SFO, das ist der zweithöchste Rang im Pilotencorps. Wahl trägt drei goldene Streifen auf den Ärmeln der Uniform und fliegt als Kopilot ungefähr 80 Stunden im Monat auf einer Boeing 777 durch die ganze Welt. Mit ein bisschen Stolz in der Stimme sagt er: „Pilot ist immer noch mein Traumjob.“

Ein sehr gut bezahlter Traumjob. Damit er es bleibt, wollen die Lufthansa-Piloten von Mittwoch bis Freitag streiken. Und Wahl wird dabei sein. Denn es sei auch ein stressiger Job. Die Zahl der monatlichen Flugstunden sagt wenig aus über die Arbeitsbelastung. „Gerechnet wird nur die Zeit vom Ablegen an der Passagierbrücke bis zum Anlegen“, sagt Wahl. „Die ganze Vorbereitungszeit und die Nachbereitung zählen nicht. Im Endeffekt kann man die Arbeitszeit etwa verdreifachen.“

Piloten brauchen gute Kenntnisse in Mathematik und Physik. Doch auch räumliches Vorstellungsvermögen, Konzentration und gute Englischkenntnisse sind sehr wichtig. Wahl hatte auf dem Gymnasium Mathe und Physik als Leistungsfächer, konnte davon auf der Flugschule aber nur wenige Wochen zehren. Die dreijährige Ausbildung sei schon sehr anspruchsvoll gewesen, „aber es ist natürlich kein Zauberwerk“.

Ausbildung kostet 70.000 Euro

Das hört sich wohl auch deshalb ziemlich abgeklärt an, weil bereits bei der Aufnahmeprüfung stark ausgesiebt wird. Nur fünf von hundert Bewerbern bekommen einen Schulplatz. Und auch das ist noch kein Garantieticket ins Cockpit. Es gibt regelmäßige Prüfungen, die nur einmal wiederholt werden dürfen. Wer durchfällt, ist draußen. Und eine Einstellungsgarantie nach der 70.000 Euro teuren Ausbildung gibt es auch nicht.

Wahl hat Glück gehabt. Ihm wurde gleich eine Stelle in Frankfurt angeboten. Er fliegt nun seit elf Jahren. Heute warten manche Absolventen bis zu zwei Jahre und „arbeiten in dieser Zeit schon mal als Flugbegleiter“, weiß Wahl. Er konnte zwar direkt ins Cockpit steigen, zahlt aber noch heute jeden Monat seinen Ausbildungskredit ab.

Doch als Senior First Officer verdient er mittlerweile so viel, dass die jetzt anstehenden letzten Raten kaum auf der Gehaltsabrechnung auffallen. „Ich bekomme 110.000 Euro im Jahr und finde, dass ich die angesichts der physischen und psychischen Belastung auch verdiene“, sagt Wahl. Zeitverschiebung, Klimawechsel, permanent sehr unterschiedliche Arbeitszeiten – all das wird seiner Meinung nach „gerecht entlohnt“. Seine Kollegen und er hätten in jüngerer Zeit Verzicht geübt und nun Nachholbedarf.

Ordentliche Gehälter, so sieht es Markus Wahl, sind auch deshalb angemessen, weil den Piloten permanent der Jobverlust droht. In Deutschland wird fast keine andere Berufsgruppe während ihrer aktiven Zeit so streng und regelmäßig getestet. Wahl und seine Kollegen müssen viermal im Jahr Prüfungen im Simulator bestehen: „Vier Stunden Notfälle am Stück.“ Wer zu viele oder katastrophale Fehler macht, kann einmal wiederholen. Wenn es auch dann nicht klappt, ist die Karriere zu Ende: „Man wird entlassen und verliert seine Verkehrsfliegerlizenz.“ Auch eine Krankheit, die die Flugtauglichkeit einschränkt, ist für Piloten eine Katastrophe. Wenn so etwas passiert, wird es eng.

Einkommen im oberen Drittel

„Der Beruf des Piloten ist schon eine sehr spezielle Ausbildung für eine sehr spezielle Tätigkeit“, sagt Wahl. Sollte er nicht mehr als Pilot arbeiten können, gebe es wenige Berufsfelder, „wo ich das, was ich gelernt habe, in der freien Wirtschaft verwerten kann“. Entsprechend hoch sind die Beiträge zur Berufsunfähigkeitsversicherung.

Doch Wahl hält sich fit und hat bislang alle Tests gut überstanden. Und allzu viel denkt er auch nicht darüber nach, was alles passieren könnte. Denn Piloten sind darauf trainiert, zu handeln, wenn Probleme auftreten. Und das viele Training gibt Sicherheit: „Man wird durch das sehr sehr intensive Training und die immer wiederkehrenden Schulungen auf sehr viele Situationen vorbereitet.“

Aber auch in Wahls Alltag gab es immer wieder Situationen, die stressig waren und in denen er „sehr angespannt war“. Und: In den Momenten, „wo etwas nicht normal läuft, entsteht hoher psychischer Druck“. Angst kennt er aber fast gar nicht. Für so ein Gefühl wäre im Cockpit auch gar keine Zeit: „Wenn ein Problem auftritt, müssen wir professionell handeln und abarbeiten, was wir gelernt und immer wieder geübt haben.“

Und eine ziemlich stressige Zeit steht nun auch Wahl bevor. Wie fast alle Piloten will auch er auf jeden Fall Kapitän werden: „Das gehört wohl zur Mentalität in unserer Berufsgruppe.“ Und auch der zu erwartende Gehaltssprung ist sicher ein starker Antrieb. So etwas wie Neid auf seinen Job oder auf sein Gehalt erlebt Wahl selten. Beim letzten Klassentreffen gab es durchaus einige, die heute bereits mehr verdienen als er, „aber ich liege sicher im oberen Drittel“. Doch die meisten fänden es gut, dass bislang alles so gut läuft mit der Fliegerei. Das mag auch daran liegen, dass Wahl nicht, wie es ein verbreitetes Vorurteil will, im Porsche oder Ferrari vorfährt, sondern in einem Skoda.