Energiewende

Der Traum von der elektrischen Zukunft

Die Berliner Konferenz zur Elektromobilität beschwört die Chancen für die Region, macht aber auch Probleme deutlich

Bisweilen offenbart das Leben alle wirklichen Probleme einer guten Idee. 500 Gäste hörten im Roten Rathaus die Politikerreden zur Zukunft der elektrisch getriebenen Fahrzeuge und den Zukunftspotenzialen für Berlin. Dann rief der Chef der Berliner Agentur für Elektromobilität (EMO) einen Falschparker aus. Ein Wagen stehe vor einer Ladesäule vor dem Rathaus, sagte Gernot Lobenberg. Es gehöre sich nicht, mit einem „Verbrenner“ vor einer Elektrotanksäule zu parken. Was das denn für ein Auto sei, schallte es aus dem Publikum. Ein Caddy. „Aber das ist doch ein Elektroauto“, rief einer, dem der Lieferwagen von VW ein Begriff war. „Dann gehen sie mal raus und sagen das der Polizei“, erwiderte Lobenberg.

Die Episode macht eines der Probleme deutlich, die der Verbreitung elektromobiler Fahrzeuge in Deutschland entgegenstehen. Es ist nämlich auch nach dem Start der vier großen „Schaufensterprojekte“ zur Elektromobilität keineswegs geklärt, was hierzulande als Elektrofahrzeug gilt, wie es gekennzeichnet werden muss und ob es damit das Recht hat, Parkraum vor einer Elektrozapfsäule gratis zu belegen.

Katherina Reiche (CDU), Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium, kündigte ein Elektromobilitäts-Fördergesetz an, auf dessen Grundlage die Kommunen dann E-Mobile im Verkehr bevorzugen dürften oder ihnen zum Beispiel Gratisparken nicht nur an Ladesäulen gestatten könnten.

Ob dann allerdings die Elektroautos in Berlin freie Fahrt auf Busspuren bekommen oder von Parkgebühren befreit werden, um die Nachfrage nach den immer noch teuren Gefährten bei Flottenbetreibern und Privatleuten zu fördern, ist zweifelhaft. Berlins Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler (SPD) sagte bei der Konferenz, Busspuren seien für den öffentlichen Nahverkehr gedacht und Elektroautos seien immer noch Individualverkehr. Diesen zu privilegieren sei „verkehrspolitisch nicht zielführend“.

Und so blieb die Konferenz zwar optimistisch, dass die Zukunft der Mobilität elektrisch sein werde. „Wir merken ein steigendes Interesse an Elektroautos“, sagte Béatrice Degand-Wego von Renault Deutschland. Gleichzeitig wurden aber auch die Erwartungen gedämpft. Redner erinnerten an die hohen Zahlen von Elektrofahrzeugen, die schon jetzt auf Berlins Straßen rollen müssten, wenn die Vorhersagen aus der Bewerbung für eines der vier vom Bund geförderten „nationalen Schaufenster“ eingetroffen wären. Derzeit summieren sich Pkw, Nutzfahrzeuge und E-Bikes auf gerade mal 1300. 700 davon fahren im Zusammenhang mit den 29 im Schaufenster geförderten Einzelprojekten.

Dennoch gingen alle davon aus, dass nun, da die deutschen Hersteller alle auch Elektroautos im Sortiment hätten, der Markt aufgerollt werde. Die Berater von Kienbaum haben kürzlich eine Prognose veröffentlicht, wonach 2020 bis zu 800.000 E-Autos in Deutschland unterwegs sein würden. Staatssekretärin Reiche bekräftigte das Ziel der Bundesregierung, bis zu diesem Zeitpunkt die Millionenmarke zu erreichen. „Ohne Ehrgeiz lässt die Dynamik nach“, sagte die Politikerin aus Brandenburg.

Man solle nicht nur auf die Zahlen der zugelassenen Fahrzeuge starren, sagte Frank Christian Hinrichs vom Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel auf dem Campus am Schöneberger Gasometer. Dort wird im Kleinen erprobt, wie Elektromobilität und Energiewende ineinander greifen könnten. Für Berlin und Brandenburg riefen die Redner denn auch die „Systemkompetenz“ als Ziel aus, also die Zusammenhänge und Schnittstellen zwischen Individualverkehr, Erzeugung und Speicherung von Ökoenergie und der Vernetzung untereinander.

Der Senat setzt zunächst darauf, erst einmal die Ladeinfrastruktur aufzubauen. Das Vergabeverfahren für den Aufbau weiterer 1300 Ladestationen läuft, Anfang Juni sollen laut Staatssekretär Gaebler die Verträge unterzeichnet werden. Berlin subventioniert den Ausbau dem Vernehmen nach mit sieben Millionen Euro. Nicht jedem im Saal leuchtete das ein. Denn die Bundespolitikerin Reiche erwähnte als positives Beispiel das Berliner Start-up Ubitricity. Das hat ein Verfahren erfunden, wie man an jeder Laterne sein Elektroauto aufladen kann. Den Zähler bringt der Autofahrer mit, die Daten werden dann per Mobilfunk an das Unternehmen geschickt, das sich um die Abrechnung kümmert. Ubitricity geht davon aus, dass sie eine wie vom Land geplante Ladeinfrastruktur für eine Million Euro aufbauen könnte. „Wir nutzen das, was schon da ist“, sagte Sprecherin Nina Keim.

Die Wege zur elektrischen Mobilitätszukunft sind also noch ungewiss. Dennoch betonen Politiker und Wirtschaftsvertreter die Chancen. „Elektromobilität erweist sich als alltagstauglich“, sagte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit. Berlins Siemens-Chef Udo Niehage, der Energiewende-Beauftragte des Konzerns, verwies auf den Zusammenhang zwischen Energiewende und Elektromobilität. Elektroautos seien nur dann klimafreundlich, wenn der Strom aus erneuerbaren Quellen stamme.