Serie: Wer wird Berlins bester Ausbildungsbetrieb?

„Eine Halbwertzeit wie beim Smartphone“

Viele Lehrberufe haben sich über die Jahre geändert. Der Mechatroniker etwa, und der Schneider

Auf ein passendes Arbeits-T-Shirt wartet Mareike Heine immer noch, Frauengrößen sind in ihrer Ausbildungsstätte nicht vorrätig. Die werdende Mechatronikerin ist das einzige Mädchen in ihrer Klasse, was ihre Begeisterung für den Beruf aber nicht schmälert. „Ich wusste immer, dass ich nie in einem Büro sitzen will“, erzählt die 20-Jährige. „Und es reizt mich, meine Hände zu benutzen sowie den Kopf einzuschalten. Ich hab Spaß am Bauen.“ Das ist auch wichtig, denn Bauen ist das Kerngeschäft von Mechatronikern. Sie montieren und warten mechatronische Systeme, programmieren sie mit entsprechender Software.

Mechatronische Systeme bezeichnen alles, was sich bewegt und eine elektronische Komponente hat, eine programmierbare Waschmaschine etwa oder ein Aufzug. Vereinfacht gesagt werden Mechatroniker überall da gebraucht, wo etwas maschinell produziert wird. Das Berufsbild gibt es erst seit 1998 und ist eine Zusammenlegung von Schlosser, Elektroniker und IT-Fachmann, eine Reaktion auf die zunehmende Verzahnung dieser Bereiche. Zwar gibt es diese Berufsbilder immer noch, der Mechatroniker aber bietet die größere Bandbreite. „Es ist ein vielseitiger Beruf, der modernste Technik in verschiedenen Systemen zusammenführt“, sagt Andreas Stoll, Fachgebietsleiter im ABB Trainingscenter in Wilhelmsruh, wo auch Mareike ihre Ausbildung absolviert. Für die Mechatronik sollte man ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen mitbringen, hohe mathematische Kenntnisse sowie handwerkliches Geschick.

Das haben Mareike Heine und ihr Mitschüler Marvin Richter allemal. An komplexen Anlagen aus Metall drehen, fräsen und bauen sie, stellen etwa Werkzeugteile nach einer technischen Zeitung her. Marvin Richter hat wie Mareike vor eineinhalb Jahren die Ausbildung im ABB Trainingscenter begonnen. Der Schweizer Konzern für Energie- und Automatisierungstechnik bildet hier im Verbund mit Partnerfirmen technische Berufe aus, unter anderem Mechatroniker. Diese haben Stoll zufolge durch die ständige Weiterentwicklung der Industrie gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt, auch attraktive Aufstiegsmöglichkeiten.

Mareike wird beim Zughersteller Bombardier in Hennigsdorf anfangen. Marvin bleibt bei ABB, vor allem wegen dessen Aufstellung bei erneuerbaren Energien. „Ich will die Welt retten und Windräder bauen“, sagt der 26-Jährige lachend. „Der Praxisbezug ist mir wichtig. Dass man nicht immer nur mit Variablen jongliert und alles nur am Reißbrett sieht.“

Vor allem das Hightech-Zukunftsprojekt „Industrie 4.0“ der Bundesregierung, das die Vernetzung von Maschinen vorantreiben soll, werde das Arbeitsumfeld in den kommenden Jahren immer stärker verändern, ist sich Fachgebietsleiter Stoll sicher. „Schon jetzt haben die Systeme, mit denen Mechatroniker arbeiten, eine ähnliche Halbwertszeit wie Smartphones.“

Klassischer geht es in der Stiftung Deutsche Oper im Bühnenservice am Ostbahnhof zu. Hier befindet sich seit 2010 unter anderem die zentrale Kostümwerkstatt der drei Berliner Opernhäuser, des Staatsballetts und zweier Theater. 14 Schüler lassen sich gegenwärtig zum Maßschneider ausbilden, ein Beruf, der 2004 aus der Zusammenlegung der Damen- und Herrenschneider hervorgegangen ist.

Die Auszubildenden des Bühnenservice schneidern neben gängiger Alltagsbekleidung auch an Kostümen für mehr als 70 Produktionen jährlich mit. Eine von ihnen ist Marlene van Dieken. Als Praktikantin hat sie zu Schulzeiten schon an Kostümen für die Kindersendung Sesamstraße mitgearbeitet, nun ist die 22-Jährige in ihrem dritten Ausbildungsjahr. Dass ihr Arbeitsfeld von dem anderer angehender Maßschneider abweicht, wird ihr vor allem an den Berufsschultagen bewusst. „Bei Azubis in anderen Betrieben geht es viel industrieller zu als bei uns. Da werden Arbeitsschritte wegrationalisiert, weil der Kunde den Unterschied ohnehin nicht sieht“, sagt sie.

Die durch Produktionsauslagerungen ins Ausland prekäre Arbeitsmarktsituation sieht Marlene im Wandel begriffen. „Das Fair-Trade-Bewusstsein der Menschen wird wieder stärker, die wollen wissen, wie und wo ihre Klamotten hergestellt werden.“ Später würde sie gern am Theater weiterarbeiten. Möglich wäre bei ihrer Ausbildung auch eine Tätigkeit in Maß- und Änderungsschneidereien oder den Kostümabteilungen von Filmstudios. Rainer H. Gawenda, Produktionsleiter der Kostümwerkstätten, weiß, dass sich die Ausbildung im Bewusstsein der Schüler zunehmend verändert. „Heute wird sie oft als Einstieg in das Berufsfeld der Bekleidung gesehen“, sagt er. „Viele hängen etwa ein Modedesignstudium an.“

Axel Molles würde später gern bei einem „alten Handwerksmeister arbeiten. Der 27-Jährige entschied sich nach einem Physikstudium und einer krankheitsbedingten längeren Auszeit, Maßschneider zu werden und begann seine Ausbildung beim Bühnenservice vor eineinhalb Jahren. Der zunehmenden Automatisierung seines Handwerks blickt auch er skeptisch entgegen. „Mehr Maschinen, weniger Hände. Da geht wirklich viel an Wissen verloren.“