Tarifkonflikt

Lufthansa steuert auf Streik zu

Piloten wollen für Frührente und mehr Geld in den Ausstand gehen. Osterverkehr soll nicht betroffen sein

Der Lufthansa und ihren Passagieren droht erneut ein Chaos: Die Piloten haben im Tarifkonflikt mit der Airline fast einstimmig für einen Streik votiert. „Die Lufthansa muss ab sofort mit befristeten oder unbefristeten Streiks rechnen“, sagte Ilona Ritter, Vorstandsmitglied der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC), am Freitag in Frankfurt/Main. Die Zustimmung der Mitglieder in einer Urabstimmung habe bei 99 Prozent gelegen. Jede Arbeitsniederlegung werde mindestens 48 Stunden vorher angekündigt. Entwarnung für die Passagiere gab es für Ostern – an den reisestarken Feiertagen werde nicht gestreikt. An der Urabstimmung beteiligten sich nicht nur die Piloten der Lufthansa selbst, sondern auch der Frachttochter und des Billigablegers Germanwings – insgesamt 5400 Mitarbeiter.

Aus Sicht der Piloten muss sich nun die Fluggesellschaft bewegen. „Die Lufthansa muss auf uns zukommen“, sagte Cockpit-Verhandlungsführer Thomas von Sturm. Die Gewerkschaftsführung habe kein konkretes Streikdatum genannt, um der Lufthansa noch Zeit für eine neue Tarifofferte zu geben. Die Lufthansa ändert ihre Position nicht und legt kein neues Angebot vor. „Wir rufen dazu auf, gemeinsam wieder an den Verhandlungstisch zurückzukehren“, sagte ein Konzernsprecher.

Erst im Februar hatte ein Warnstreik der Sicherheitskontrolleure den Frankfurter Flughafen ins Chaos gestürzt, Zehntausende Fluggäste saßen am Boden fest. Die Cockpit-Angestellten der Lufthansa hatten ihre Durchschlagskraft zuletzt 2010 bei einem Ein-Tages-Streik unter Beweis gestellt, bei dem 1000 Flüge ausfielen.

In kaum einer Branche gehen die Angestellten so häufig auf die Barrikaden wie in der Luftfahrt: Vor wenigen Wochen erschienen die Sicherheitsleute am Frankfurter Flughafen nicht zur Arbeit, weshalb der Flugverkehr an der Lufthansa-Heimatbasis zusammenbrach. Davor drohten die Fluglotsen mit einem Ausstand. Aus Sicht von Fluglinien und Airports tragen die Spartengewerkschaften Schuld an der Entwicklung. Die Bundesregierung bereitet deshalb unter dem Namen Tarifeinheit ein Gesetz vor, das pro Unternehmen de facto nur noch eine schlagkräftige Arbeitnehmervertretung erlaubt. Rechtsexperten beurteilen das Vorhaben skeptisch, da es mit dem Grundgesetz und dem Streikrecht kollidiert.

Anders als bei anderen Arbeitskonflikten kämpfen die Piloten nur in zweiter Linie für mehr Geld. Angesichts eines Einstiegsgehalts von 73.000 Euro inklusive Zulagen und Spitzengehältern von jährlich 250.000 Euro nach mehreren Jahrzehnten Dienst gibt es für viele keinen Grund zur Klage. Knackpunkt ist vielmehr die bei Europas größter Airline für das fliegende Personal übliche Frührente: Eigentlich konnten sie frühestens mit 55 Jahren und spätestens im Alter von 60 Jahren in den Vorruhestand starten – die Bezüge bis zum Beginn der staatlichen Rente wurden aus dem Topf einer sogenannten Übergangsversorgung gezahlt. Doch der Europäische Gerichtshof erklärte die Praxis 2011 für unzulässig. Da Piloten jetzt bis 65 arbeiten könnten, entfalle auch die Notwendigkeit einer Übergangsversorgung, argumentierte die Lufthansa. Der Vertrag wurde deshalb zum Jahreswechsel aufgelöst.

Die Gewerkschafter hingegen fordern, dass wegen der Belastungen durch lange Schichten und Nachtarbeit jeder Pilot selbst entscheiden solle, wann er den Steuerknüppel aus der Hand legt. „Wir lieben alle unseren Beruf, aber er ist über die Jahre sehr anstrengend“, sagte Cockpit-Vertreter von Sturm.