Kritik

Facebook-Chef: USA gefährden unsere Zukunft

Bei der Kritik geht es Mark Zuckerberg aber weniger um Datenschutz als um seinen Umsatz

Es bedarf schon einer gewissen jugendlichen Dreistigkeit, was sich Mark Zuckerberg getraut hat. Auf seiner Facebook-Seite machte der Chef des sozialen Netzwerks seinem Ärger über Präsident Barack Obama und dessen Untätigkeit in der US-Internetspionageaffäre Luft. „Ich habe Präsident Obama angerufen und meine Frustration darüber zum Ausdruck gebracht, welchen Schaden die Regierung für unser aller Zukunft anrichtet. Leider sieht es so aus, als ob es noch sehr lange dauern wird, bis eine wirkliche Reform kommt“, schrieb Zuckerberg.

Ein klarer Tabubruch, denn das macht man als Unternehmer nicht: Den Präsidenten frontal angreifen und über vertrauliche Gespräche reden. Um so überraschender ist es, dass die Kritik ausgerechnet von Zuckerberg kommt. Der Facebook-Gründer galt bisher als Unterstützer der Regierung von Obama.

Das Schlimmste annehmen

Zuckerbergs Sorgen müssen also schon sehr groß sein, dass er sich zu einem solchen Schritt hinreißen lässt. „Die US-Regierung sollte ein Verteidiger des Internets sein und keine Bedrohung“, schreibt er. Die Regierung müsse die Transparenz ihres Tuns erhöhen – „ansonsten nehmen die Menschen das Schlimmste an“. Das könne das Wachstum der Branche nachhaltig schädigen. Er sei „verwirrt“ über das Verhalten seiner Regierung, schrieb Zuckerberg. „Die meisten Menschen und Unternehmen“ hätten zum Ziel, das Internet zu einem sicheren Bereich zu machen. „Die US-Regierung sollte Vorreiter für das Internet sein, nicht eine Bedrohung.“

Zuckerberg ist unter den Konzernchefs im Silicon Valley einer der lautstärksten Kritiker einer ausufernden Internetspionage des US-Geheimdienstes NSA. Er hatte der Regierung bereits im September vorgeworfen, es „vergeigt“ zu haben. Damals griff er Obama aber nicht direkt an. „Wenn unsere Techniker unermüdlich daran arbeiten, die Sicherheit zu erhöhen, gehen wir eigentlich davon aus, Euch gegen Kriminelle zu schützen und nicht gegen unsere eigene Regierung“, schrieb er jetzt.

Es klingt ein bisschen aberwitzig, dass sich ausgerechnet der Facebook-Chef als Verfechter des Datenschutzes produziert. Schließlich beruht das gesamte Geschäftsmodell des größten sozialen Netzwerkes der Welt darauf, seine Nutzer auszuspionieren und die Daten für Werbekunden nutzbar zu machen. Auch hatten Konzerne wie Facebook vor der Affäre um den ehemaligen NSA-Mitarbeiter Edward Snowden wenig Probleme, sensible Daten mit dem US-Geheimdienst zu teilen. Dank Snowdens Enthüllungen weiß die Welt etwa von dem Programm Prism, mit dem die großen US-Internetkonzerne wie Google, Microsoft, Apple oder Facebook die Daten ihrer Kunden über verborgene Software-Hintertüren der NSA zugänglich machten.

Der Unterschied ist nun aber, dass die Internetnutzer davon wissen und beginnen, ihr Verhalten zu ändern. Zuckerberg geht es also wohl weniger um den Schutz der Kunden. Er macht sich vielmehr Sorgen darüber, dass eine Angst vor der Datensammelwut der NSA Nutzer aus dem Internet vertreiben könnte. Wenn Menschen dem Internet nicht mehr trauen und sie ihre Daten für sich behalten, dann kollabiert auch das Geschäftsmodell von Facebook.

Das Silicon Valley ist in der Imagekrise, seit im vergangenen Jahr die Snowden-Enthüllungen ans Licht kamen. Das mangelnde Vertrauen gegenüber US-Internetfirmen hat für manche Konzerne schon ganz konkrete Konsequenzen. Die im Silicon Valley ansässige Software-Firma NetSuite verkündete im vergangenen Dezember, sie werde zwei neue Datenzentren für internetbasierte Buchführungslösungen aufbauen – aber nicht in den USA, sondern in Europa. Die Kunden hätten darauf gedrängt, weil sie Sorge hätten, ihre Daten seien auf amerikanischen Servern nicht mehr sicher. Ihre Angst gilt dabei nicht Hackern, sondern der US-Regierung.

Cisco, dem größten Netzwerkausrüster der Welt, brach derweil nach Bekanntwerden der NSA-Affäre das Geschäft in China ein. Grund war offenbar die Warnung der chinesischen Regierung an die Computernutzer, bei Computerprodukten aus den USA könne Spionage-Software eingebaut sein.

Zuckerbergs Wutausbruch hat auch einen ganz konkreten Auslöser. Am Mittwoch hatte der Snowden-Vertraute Glenn Greenwald auf seiner neuen Internetseite „The Intercept“ berichtet, die NSA habe nachgemachte Facebook-Seiten genutzt, um Computer mit Schadsoftware zu infizieren und gezielt auszuspionieren. Er sei „irritiert und frustriert über diese wiederkehrenden Berichte zum Verhalten der US-Regierung“, schrieb Zuckerberg.

NSA dementiert schwammig

Der US-Geheimdienst NSA stritt die Vorwürfe von Greenwald in einer öffentlichen Erklärung ab: „Die jüngsten Medienberichte, wonach die NSA Millionen Computer rund um die Welt mit Schadsoftware infiziert habe und dass die NSA sich als amerikanische soziale Netzwerke oder andere Websites tarnt, sind nicht korrekt.“ Wenn man die NSA kennt, ist die Mitteilung allerdings eigentlich gar kein richtiges Dementi. Schließlich beinhaltet die Formulierung die Möglichkeit, dass es weniger als Millionen Computer sein könnten und dass ein solches Vorgehen in der Vergangenheit eingesetzt wurde. Ähnlich hieß es seinerzeit auch zum Vorwurf, das Handy von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sei abgehört worden, auch nur, das geschehe jetzt nicht und werde in Zukunft nicht passieren.

Auf Zuckerbergs Facebook-Seite kommentierten Hunderte von Nutzern seinen Text. Einige machten sich über sein plötzliches Interesse am Datenschutz lustig, andere gratulierten ihm zu seinem Mut. Ein Nutzer fasste die gemischten Gefühle gut zusammen: „Das ist ein Zeichen einer interessanten und gleichzeitig beunruhigenden Machtverschiebung. Können wir Facebook (Google, Apple etc.) tatsächlich trauen, besser über unsere Privatsphäre zu wachen als unsere demokratische Regierung?“