Bundesregierung

Frauen sollen das deutsche Fachkräfteproblem lösen

Arbeitsministerin plant Recht auf Vollzeitarbeit. DIHK-Chef fordert bessere Fortbildung

Mehr als jedes dritte Unternehmen rechnet in absehbarer Zeit mit einem erheblichen Risiko für die Geschäftsentwicklung wegen ausbleibender Fachkräfte. 2010 hätten nur 16 Prozent der Betriebe diese Befürchtung geäußert, sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Eric Schweitzer, bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD).

Schweitzer kritisierte, in Deutschland würden zu viele Menschen studieren. Bis Ende des Jahrzehnts würden bis zu 1,4 Millionen Fachkräfte in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik fehlen. Dagegen werde die Angebotslücke von Akademikern in diesen sogenannten MINT-Fächern nur 150.000 betragen. „Eine weitere ungebremste Akademisierung in Deutschland könnte sogar zu einer höheren Arbeitslosigkeit führen“, sagte Schweitzer. Grund sei, dass bestimmte Studiengänge am Arbeitsmarkt nicht gebraucht würden.

Schweitzer und Nahles wollen den Fachkräftemangel mit verschiedenen Maßnahmen bekämpfen. Demnach soll eine längere Lebensarbeitszeit angestrebt, der Anteil der berufstätigen Frauen erhöht, Aus- und Fortbildung verbessert sowie der Zuzug ausländischer Fachkräfte erleichtert werden. Schweitzer sprach sich auch für den Ausbau der Betreuung von Kindern und Jugendlichen in Horten und Schulen aus. Zur Finanzierung etwa von Ganztagsschulen könnte auf das Elterngeld verzichtet werden, schlug der DIHK-Chef vor.

Die Bundesregierung will ohnehin die Arbeitspotenziale bei Frauen in Teilzeit besser ausschöpfen, um den zunehmenden Fachkräftemangel in den Griff zu bekommen. Von 2006 auf 2012 ist die Erwerbstätigkeitsquote von Frauen zwischen 20 und 64 Jahren bereits von 65 auf 71,5 Prozent gestiegen, wie es in einem Bericht der Bundesarbeitsministerin heißt. Dennoch sei bei Frauen die Teilzeitquote mit 45 Prozent weiter hoch, „bei einer vergleichsweise niedrigen durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 18,6 Stunden. Im EU-Vergleich weist nur Portugal (16,4 Stunden) einen geringeren Wert auf“.

Fast jede sechste Frau gebe dafür als Grund an, dass sie keinen anderen Arbeitsplatz habe finden könne, heißt es in dem Bericht. Etwa jede fünfte Mutter würde gerne mehr arbeiten. Nahles will für Frauen deshalb ein Rückkehrrecht in Vollzeitbeschäftigung schaffen. Frauen sollen ihre Arbeitszeit nach einer Familienphase mit weniger Wochenstunden wieder aufstocken können. „Auf uns Frauen kommt es doch an auf dem Arbeitsmarkt“, sagte Nahles.

20 Berufsgruppen listet der Bericht auf, in denen bereits Fachkräfteengpässe zu erkennen sind. Dazu zählen Metall- und Maschinenbauer, Energietechniker, Softwareentwickler, Klempner und Humanmediziner, aber auch Lokführer und Pflegedienste. Gerade in letzterem Bereich droht nach Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit (BA) ein verschärfter Fachkräftemangel. „Es gibt derzeit einen gravierenden bundesweiten Mangel an Altenpflegekräften“, sagte BA-Vorstandsmitglied Raimund Becker. Damit sich die Engpässe nicht weiter verstärken, müsse nun gehandelt werden: „Wir müssen die Situation entschärfen.“

Nach einer Analyse, die der Berliner Morgenpost vorliegt, mangelt es vor allem an ausgebildeten, examinierten Fachkräften, die eine Berufsausbildung von mindestens zwei bis drei Jahren durchlaufen haben. Bei Altenpflegehelfern, die maximal ein Jahr ausgebildet wurden, zeigen sich demnach derzeit keine Engpässe.

Der Vorsitzende der IG Metall, Detlef Wetzel, warf der Politik vor, zu wenig gegen das Problem des Fachkräftemangels in Deutschland zu tun. „Anstelle von Ankündigungspolitik und ideenlosen Gipfeltreffen brauchen wir einen ehrlichen Dialog von Gewerkschaften, Politik und Arbeitgebern“, sagte Wetzel. „Die IG Metall steht dafür zur Verfügung.“

Wetzel forderte auch die Unternehmen auf, ihre Personalpolitik auf die neuen Herausforderungen umzustellen. Für fehlende Fachkräfte in bestimmten technischen Berufen seien andere Lösungen nötig als bei Arbeitsplatzlücken in Dienstleistungsberufen. In dem einen Fall müssten spezielle Qualifikationen gefördert werden, in dem anderen seien schlechte Arbeitsbedingungen zu verbessern.