Messe

Geschlossene Gesellschaft auf der Cebit

Die Computermesse ist eröffnet – für Fachbesucher. Experten zeigen unter anderem, wie Supermärkte in Zukunft arbeiten

Die Wurst da hinten soll es sein. Mit dem Zeigen auf die Lyoner blendet das Display auf der Fleischtheke ein, wie teuer die Spezialität ist, aus welcher Region sie kommt und ob es glückliche Schweine waren, die dafür ihr Leben gelassen haben. Ein „3-D-Tiefensensor“ an der Decke sendet ständig unsichtbare Infrarotstrahlen aus, die dann von Hand und Fingern der Kunden reflektiert werden. Ist die Laufzeit der Strahlen berechnet, kann die in den Kameras installierte Software auf wenige Zentimeter genau erkennen, worauf der Kunde gezeigt hat.

Die interaktive Wursttheke ist nur ein Baustein des Supermarkts der Zukunft. Das Deutsche Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz (DFKI) zeigt diese und weitere Innovationen rund um das Thema auf der Informationstechnik-Messe Cebit in Hannover.

Die Cebit ist immer noch die größte Computermesse der Welt, doch erstmals richtet sich die Schau ausschließlich an Profis. An den fünf Messetagen bis Freitag werden rund 230.000 Fachbesucher erwartet. Die Veranstalter konzentrieren sich nach Jahren des Besucherrückgangs nun ausschließlich auf Fachbesucher und deren Wunsch nach Expertenaustausch und Geschäftsabschlüssen.

Bereits am Sonntagabend eröffneten Bundeskanzlerin Angela Merkel und der britische Premierminister David Cameron mit geladenen Gästen aus Wirtschaft und Politik die Messe. Großbritannien ist Partnerland der diesjährigen Cebit. Merkel machte sich für internationale Datenschutz-Anstrengungen stark. „Ich glaube, wir sind erst am Anfang dessen, was da zu leisten ist, denn das kann natürlich national alleine nicht gemacht werden“, betonte sie in der Eröffnungsrede. „Wir haben jetzt erst einmal unsere Hausaufgaben in Europa zu machen.“

Auch wenn das etwas abstrakte Thema Datensicherheit ein Schwerpunkt der Messe ist, so geht es doch auch um ganz lebens- und verbrauchernahe Dinge, das Auto eben – oder den Kauf von Wurst und Käse. Im saarländischen St. Wendel haben die Forscher des DFKI testweise schon mal einen Hightech-Laden aufgebaut. An der Theke sehen die Kunden etwas über Zusammensetzung und Haltbarkeit des Produkts, das Verkaufspersonal bekommt Zusatzinformationen angezeigt: etwa, welcher Wein zum Beispiel zum Käse passt.

Artikelfinder gibt es schon in mehreren Supermärkten. Am Terminal gibt der Kunde ein, welches Produkt oder welche Warengruppe er sucht. Eine Karte zeigt ihm dann den Weg zum richtigen Regal. Mit der neuen DFKI-Technik können Kunden auch gezielt nach Produkten suchen, die zu ihrer Ernährungsweise passen. Wer etwa keine Nüsse verträgt, kann sich passende Müslis anzeigen lassen. Oder es werden Produkte gesucht, die einem Diätplan entsprechen. Damit nicht alle Umstehenden mitgucken können, zeigt das System die Vorschläge nur auf dem Smartphone des Kunden an. Dafür braucht er eine spezielle App, die „Produktlinse“ genannt wird.

Kunden können ein Regal abgehen und die Kamera des Smartphones auf die Frontseiten der Verpackungen halten. Die App zeigt dann mit einem grünen Haken an, ob das Produkt tatsächlich für den Nuss-Allergiker geeignet ist. Ein rotes Kreuz heißt: lieber die Finger davon lassen. Wer viel Zeit für den Einkauf mitbringt, kann auch noch Erfahrungswerte und Bewertungen anderer Kunden durchlesen – die erscheinen auf Wunsch ebenfalls auf dem Smartphone-Display.

Dazu kommen digitale Preisschilder. Am Dienstagmittag kostet die Flasche des Lieblings-Merlots noch 4,99 Euro, am Freitagmittag schon einige Cent mehr, am Abend dann sind es vielleicht 6,99 Euro. Dann sind schließlich deutlich mehr Kunden im Laden und kaufen fürs Wochenende ein. So können Betreiber der Supermärkte gezielt ihren Kundenfluss steuern.

In der Umkleidekabine der Boutique wiederum sollen „digitale Spiegel“ die beste Freundin oder den besten Freund ersetzen: Rechenverfahren und die künstliche Intelligenz hinter dem Spiegel erkennen Alter und Geschlecht des Kunden, und anhand weiterer persönlicher Daten gibt die Software Farbtipps und macht Kleidungsvorschläge.

Über die Kundenströme im und vor dem Laden sollen künftig noch mehr Daten vorliegen, geht es nach dem Berliner Start-up „42reports“. Es liefert an Einzelhändler einen Sensor, der aussieht wie ein WLAN-Router und permanent die von Smartphones abgegebenen Signale aufnimmt. Solche Daten verschicken Handys alle zehn bis 15 Sekunden, wenn sie zum Beispiel nach einem WLAN suchen. So kann der Inhaber nachvollziehen, wie viele Kunden in den Laden kommen, wie lange sie bleiben und wie oft sie wiederkommen. Er sieht, wer neuer und wer Stammkunde ist.

Mit Smartphones lassen sich zukünftig auch Gutscheine und Rabatte einlösen und die Produkte bezahlen. Erfasst werden die Produkte durch eine RFID-Schleuse, die die auf allen Produkten angebrachten Funketiketten innerhalb von ein bis zwei Sekunden ausliest. Auf dem Kassenbon der Zukunft ist zudem ein QR-Code aufgedruckt. Wer ihn per Kamera in sein Smartphone lädt, kann den Bon als elektronischen Nachweis mit nach Hause nehmen. Dort landen die Daten automatisch im digitalen Haushaltsbuch.