Energie

Bei RWE geht es ums Ganze

Der Kraftwerksbetreiber weist erstmals in seiner Geschichte einen Verlust aus – und dann gleich 2,8 Milliarden Euro

Deutschlands größter Stromerzeuger RWE will sich als maßgeblicher Gestalter der deutschen Energiewende neu erfinden. „Deutschland will die Energiewende, und die Energiewende braucht RWE“, sagte Konzernchef Peter Terium am Dienstag bei der Vorlage einer desaströsen Jahresbilanz am Stammsitz in Essen. Der Niederländer, der seit Mitte 2012 die Geschicke des Traditionskonzerns leitet, gab Fehler in der bisherigen Konzernpolitik zu: „Wir haben spät auf die erneuerbaren Energien gesetzt – vielleicht zu spät.“ Das Versäumte will Terium jetzt aber aufholen. Er wolle die Reste der einstigen Konzerngröße dazu nutzen, RWE zu einem „ganzheitlichen Energiemanager“ umzubauen, der all die kleinen, dezentralen Einzelinitiativen und Marktteilnehmer der Energiewende „technisch und wirtschaftlich vernetzt und sie zu einem großen Ganzen zusammenführt“, sagte Terium. „Wir fügen die vielen Mosaiksteine zu einem Bild zusammen.“

Bevor Terium dieses Zukunftsbild ausführte, musste der frühere Chef-Controller, der den Traditionskonzern seit Mitte 2012 leitet, allerdings eine verheerende Bilanz des Jahres 2013 präsentieren. Die RWE AG schrieb 2013 zum ersten Mal seit Gründung der Bundesrepublik rote Zahlen – und zwar in Milliardenhöhe. Weil die Gas- und Steinkohlekraftwerke gegen den Einspeisevorrang von subventioniertem Ökostrom nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben sind, waren Abschreibungen in Höhe von 4,8 Milliarden Euro im Segment „Konventionelle Stromerzeugung“ fällig. Unter dem Strich blieb für den Konzern ein Nettoverlust von 2,8 Milliarden Euro.

Auch jenseits der einmaligen Abschreibungen auf den entwerteten Kraftwerkspark leidet die Ertragskraft des einstigen Energieriesen dramatisch: Das betriebliche Ergebnis in der konventionellen Stromerzeugung brach um 58 Prozent auf 1,4 Milliarden Euro ein.

„Konkret ist es so, dass bei 20 bis 30 Prozent unserer Kraftwerke die Erlöse nicht einmal mehr die laufenden Kosten decken“, sagte Terium. Und dieser Trend werde sich in den nächsten Jahren fortsetzen, er sei „unumkehrbar“, betonte der RWE-Chef: Wenn sich die Marktstrukturen nicht änderten, „wird die konventionelle Stromerzeugung innerhalb des Konzerns wirtschaftlich fast bedeutungslos“.

Um die Finanzlage des mit 31 Milliarden Euro hoch verschuldeten Konzerns wieder zu stabilisieren, werden Mitarbeiter und Aktionäre, vor allem die kommunalen Anteilseigner in Nordrhein-Westfalen Opfer bringen müssen, kündigte Terium an. „Unglaublich schwer gefallen“ sei die Entscheidung, die Dividende auf nun einen Euro zu halbieren: „Wir wissen, was das für die betroffenen Städte und Gemeinden bedeutet“, sagte Terium: „Das sind Kommunen, denen an allen Ecken und Enden zum Beispiel das Geld für Kindergärten fehlt.“

Die Zahl der Mitarbeiter von derzeit rund 66.000 werde sinken müssen, so der Konzernchef. Leitenden Angestellten wird in diesem Jahr eine Nullrunde verordnet, der auf vier Personen reduzierte Vorstand habe sich zu einer freiwilligen Kürzung der Vergütung um eine halbe Million Euro bereit erklärt. Laut Geschäftsbericht erhielt Terium im vergangenen Jahr eine Gesamtvergütung von 3,2 Millionen Euro, sein Stellvertreter Rolf Martin Schmitz 2,6 Millionen Euro.

Der Finanzmarkt hatte die schlechten Nachrichten bereits verdaut, nachdem der Verlust in der vergangenen Woche durchgesickert war. Die RWE-Aktie notierte zeitweise fast ein Prozent im Plus.