Autohandel

Das Geheimnis der Neuwagenpreise

Autos kosten heute nicht unbedingt mehr als vor zehn Jahren, sagen Experten. Gestiegen sind dafür andere Ausgaben rund ums Fahrzeug

All die verlockenden, auf Hochglanz polierten neuen Modelle, die die Autohersteller von Donnerstag an auf dem Genfer Autosalon zeigen, haben für viele einen entscheidenden Haken: Man muss sie sich leisten können. Und das fällt Otto Normalautofahrer hierzulande angeblich immer schwerer. Kaum etwas – von Energie vielleicht abgesehen – sei in den vergangenen Jahren so teuer geworden wie ein Neuwagen, lautet eine häufige Klage. Gefühlt mag das so sein, richtig ist es aber nicht. Dass sich Autofahrer über steigende Kosten ärgern, hat einen anderen Grund.

Das Statistische Bundesamt regelmäßig neue Zahlen zum Anstieg der Neuwagenpreise, und Wirtschaftsexperten liefern dazu manche Hintergründe, die aufhorchen lassen. Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) hat errechnet, dass die Deutschen 1991 für einen Neuwagen hierzulande durchschnittlich 16.310 Euro bezahlt haben. Der Durchschnittspreis sei bis 2008 auf 25.500 Euro gestiegen, also um 56 Prozent. „Stellt man die nominale Entwicklung der durchschnittlichen Pkw-Neuwagenpreise dem allgemeinen Verbraucherpreisindex gegenüber, lässt sich die überproportionale Steigerung der Neuwagenpreise ablesen“, schreibt das HWWI.

Alles fauler Zahlenzauber, meint Willi Diez, Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen. Neuwagenpreise seien im Verhältnis zu den allgemeinen Verbraucherpreisen geringer gestiegen, schreibt er in einer Studie. Das Geheimnis seriöser Ergebnisse sei das richtige Rechenmodell.

Dass die Deutschen in absoluten Zahlen gesehen heute deutlich mehr für einen Wagen als vor zehn oder 20 Jahren bezahlen müssen, ist unbestritten. Experten vom CAR-Center Automotive Research errechneten, dass ein durchschnittlicher Pkw in Deutschland 1980 umgerechnet 8420 Euro gekostet hat. 2011 sei man bei knapp 26.000 Euro angekommen. Gemessen an Durchschnittslöhnen im Land, habe der Neuwagenkäufer 1980 exakt 9,4 Monate auf den Wagen sparen müssen, 2011 seien es 15,7 Monate gewesen. „Den Deutschen laufen die Neuwagenpreise davon“, schließt das CAR-Institut. Das mag so sein, hat aber einen einfachen Grund: Die Autos, die sich die Deutschen gönnen, sind immer besser, schneller, sicherer und komfortabler ausgestattet.

Das Rechenmodell von Diez ist im Grunde einfach: Nimmt man drei Kategorien von Neuwagen, A (billig), B (mittelpreisig) und C (teuer), und errechnet aus allen drei Gruppen den gesamten Durchschnittspreis für den Vergleich bestimmter Zeiträume, bekommt man ein falsches Bild. „Denn wenn auf einmal deutlich mehr Autos der teuren Klasse C gekauft werden und weniger günstige A-Modelle, könnte man von einem allgemeinen Preisanstieg ausgehen, weil dadurch der Durchschnittspreis aller gekauften Autos steigt“, sagt Diez. „Tatsächlich entpuppt sich aber der vermeintliche Preisanstieg als Nachfrageverlagerung zu höherpreisigen Modellen.“

Mit einem Antiblockiersystem waren 2000 nur 89 Prozent der Pkw hierzulande versehen. Inzwischen hat praktisch jeder Neuwagen ABS. Klimaanlage oder ein Elektronisches Stabilitätsprogramm hatten vor 14 Jahren nur 57 beziehungsweise 20 Prozent der Autos, inzwischen sind es mehr als 93 beziehungsweise 86 Prozent. Elektrische Fensterheber gab es damals bei rund drei Vierteln aller Pkw, heute muss man schon lange suchen, bis man ein Modell ohne findet. All die technischen Finessen haben ihren Preis. Doch nicht mal wenn man berücksichtigt, dass Autos immer besser und damit teurer werden, will Diez eine überproportionale Preissteigerung gelten lassen. Zwischen 2000 und 2007 seien allgemeine Verbraucher- und Neuwagenpreise nahezu parallel angestiegen.

Seit 2008 sei ein deutliches Auseinanderdriften zu erkennen: „Während die Verbraucherpreise von 2007 bis 2012 um insgesamt 8,3 Prozent gestiegen sind, erhöhten sich die Neuwagenpreise im gleichen Zeitraum nur um 1,6 Prozent“, sagt Diez. Berücksichtige man zudem die Entwicklung der Durchschnittslöhne der Deutschen, habe sich „die Anschaffung eines Neu- und Gebrauchtwagens für die Arbeitnehmer tendenziell sogar verbilligt“, sagt Branchenexperte Diez. 2000 hätte ein Arbeitnehmer 1275 Stunden arbeiten müssen, um sich einen Neuwagen kaufen zu können. „2012 waren es nur noch 1181 Stunden.“ Er legt Durchschnittspreise von rund 23.500 Euro (2000) und 26.800 Euro (2012) zugrunde.

Teurer Kraftstoff

Dennoch hat man als Autofahrer zunehmend das Gefühl, dass die individuelle Mobilität immer kostspieliger wird. Und das liegt am sogenannten Kraftfahrer-Preisindex. Der erfasst alle Kosten, die der Besitz eines Autos mit sich bringt, von der Anschaffung, Steuer und Versicherung bis hin zur Garagenmiete. Der Kauf eines Pkw ist dabei einer der großen Kostenpunkte – aber eben nicht der größte. In Summe sind es all diese Ausgaben rund um das Fahrzeug, die das Autofahren immer teurer machen. Nach Berechnungen des Instituts für Automobilwirtschaft sind zwischen 2000 und 2013 die Verbraucherpreise im Schnitt pro Jahr um 1,6 Prozent gestiegen, der Kraftfahrer-Preisindex erhöhte sich um jährlich 2,5 Prozent – vor allem wegen der Kraftstoffpreise, Ersatzteilen und Reparaturkosten.