Versicherungen

Üppige Erstattung

17 Krankenversicherer schütten mehr als eine Milliarde Euro an ihre Mitglieder aus. So wollen sie andere Kunden zum Wechseln bewegen

Millionen Kassenpatienten können sich freuen: Sie bekommen erstmals in großem Stil Geld zurück. Einfach so, als Belohnung fürs Dabeisein. Wer 2013 zu bestimmten Stichtagen zahlendes Mitglied war, bekommt bis zu 125 Euro Treueprämie. Voraussichtlich bis Ende März verschicken 17 bundesweit offene gesetzliche Krankenkassen Schecks an ihre Versicherten – insgesamt geht es um weit mehr als eine Milliarde Euro. Der harte Wettbewerb unter den gesetzlichen Versicherern macht es möglich. Auch für dieses Jahr haben sieben solvente Kassen bereits angekündigt, Prämien zu zahlen. Sie gehen so auf Jagd nach Neukunden. 120 Euro und mehr sind ausgelobt.

Momentan sei die Situation für die Sozialsysteme offensichtlich sehr komfortabel, sagt Ann Marini, Sprecherin des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenversicherung in Berlin. Erwirtschaften gesetzliche Versicherer ein Plus aus den Zuweisungen des Gesundheitsfonds und haben sie ihre Pflicht zur Auffüllung der gesetzlichen Rücklagen erfüllt, ist der Weg frei für werbewirksame Prämien.

Dass sich die Geld-zurück-Aktion rentiert, zeigt das Beispiel der Techniker Krankenkasse (TK). Der Versicherer hat der Barmer GEK zum Jahreswechsel den Rang als größte gesetzliche Kasse abgelaufen. Der neue Marktführer konnte im vergangenen Jahr 420.000 Neukunden dazugewinnen und liegt jetzt bei 8,68 Millionen Versicherten. „Das bislang stärkste Wachstum innerhalb eines Jahres“, sagt TK-Sprecher Michael Schmitz. Das liegt auch daran, dass die TK für 2013 eine Dividende von 80 Euro auslobte. Für das Geldgeschenk mussten die 6,3 Millionen selbst zahlenden Mitglieder nichts weiter tun, als zum Stichtag dort versichert zu sein.

Werben mit Fernsehspots

Für 2014 packt die TK gleich nochmal 80 Euro drauf. Seit einiger Zeit gehen Dankeschön-Schecks im Wert von insgesamt einer Milliarde Euro raus: 500 Millionen für 2013 und die gleiche Summe schon im Voraus für dieses Jahr. „Gibt es zwei selbst zahlende Mitglieder in einer Familie, haben sie 320 Euro auf einen Schlag in der Post“, sagt Schmitz. Wer es sich im Lauf des Jahres anders überlegt und der TK den Rücken kehrt, muss keinen Cent zurückzahlen. Die Versicherten müssen die Erstattungen aber in den jeweiligen Steuererklärungen für 2013 und 2014 angegeben werden.

Von der großangelegten Prämienaktion im vergangenen Jahr profitieren jetzt auch die selbst zahlenden Mitglieder unter anderem von BKK Firmus, hkk, Big direkt gesund, BKK Akzo Nobel-Bayern oder IKK gesund plus. Ihnen gehen gerade jeweils Schecks über 75 oder 120 Euro zu, manchmal auch über 30 oder 60 Euro, je nach Anbieter und Stichtagsregelung. „Jetzt herrscht wieder Wettbewerb, der war durch den Einheitsbeitrag von 15,5 Prozent total eingeschlafen“, sagt Stefan Nuding, Versicherungsexperte der Verbraucherzentrale Bayern.

Für das laufende Jahr halten sich viele der solventen Kassen allerdings etwas zurück. Neben der TK wollen nur noch die BKK ATU (30 Euro Prämie), die BKK firmus (120), die BKK Akzo Nobel (90), die hkk (100), die BIG direkt (100) sowie die BKK Mobil Oil (120) Geld überweisen – für alle selbst zahlenden Mitglieder und die, die es noch werden wollen. Das Geldgeschenk wird sogar oft noch locker gemacht, wenn Verbraucher erst zum 1. Dezember Mitglied werden. Am stärksten wirbt bislang die BKK Mobil Oil und macht momentan sogar in TV-Werbespots auf ihre 120-Euro-Prämie aufmerksam. Fürs „Fit-Halten“ in diesem Jahr stellt die Betriebskrankenkasse obendrein noch Extra-„Cash“ von 200 Euro in Aussicht. Mehr Geld lässt sich bei keiner anderen Kasse holen.

„Prämien sind natürlich ein starkes Argument für den Krankenkassenwechsel, aber nicht alles“, sagt Marini vom Spitzenverband der Kassen. Beim Umstieg sollten Bürger auf das gesamte Leistungspaket achten, rät auch Nuding. Viele Kassen bieten neuerdings spürbar mehr für den gleichen Beitrag als andere. Angefangen bei Zuschüssen für Brillen, Zahnreinigung, Osteopathie, alternative Medikamente über Gratis-Abnehmkurse und -Impfungen bis zu schnelleren Arztterminen. Unterstützung bei der Kassensuche bietet der Produktfinder von Stiftung Warentest (gegen drei Euro Gebühr) unter www.test.de/krankenkassen.

Wer zu einer der spendablen Kassen wechseln will, kann jederzeit kündigen – wenn er mindestens 18 Monate lang Mitglied eines gesetzlichen Versicherers war. Die Wechselfrist beträgt zwei Monate zum Monatsende. Wer zu Ende März kündigt, kann von 1. Juni an in der neuen Kasse sein. Die alte Kasse ist verpflichtet, die Bestätigung spätestens 14 Tage nach Erhalt der Kündigung zu verschicken. Für die Wahl der neuen Kasse bleibt dann jede Menge Zeit. Wichtig: Keine Kasse darf Versicherte ablehnen. Auch dann nicht, wenn sie krank sind oder schon betagt.

Betrüger greifen nach Kontodaten

Die Prämien-Orgie weckt nicht nur Begehrlichkeiten bei enttäuschten Mitgliedern finanzschwacher Kassen. Auch Betrüger fühlen sich bei solchen finanziellen Massenereignissen stets angesprochen. So kursieren offenbar Phishing-Mails, in denen Kunden der Techniker Krankenkasse aufgefordert werden, ihre Kontoverbindung anzugeben, um die Prämie zu erhalten. Dahinter steckt jedoch Betrug. Die Kasse warnt auf ihrer Facebook-Seite: „Bitte gebt niemals Kontodaten per E-Mail an die TK weiter! E-Mails, die nach Eurer Bankverbindung zur Ausschüttung der TK Dividende fragen, sind nicht von der TK, sondern der Versuch Dritter, an Eure Kontodaten zu gelangen! Die TK würde niemals Eure Kontodaten per E-Mail abfragen.“

Möglicherweise aber wird es gar nicht mehr häufig zu solchen Problemen kommen. Denn Union und SPD haben sich im Koalitionsvertrag darauf geeinigt, die Rückzahlungen abzuschaffen. Stattdessen sollen die Krankenkassen wieder stärker beim Beitrag variieren können, um neuen Kunden zu locken. Je nach Finanzlage können sie diesen Beitrag absenken oder anheben. So bleibt immerhin ein wenig Wettbewerb übrig.