Umweltschutz

Kompostierbare Biotüten lösen sich nicht immer auf

Umweltverbände warnen vor neuen Produkten

Das Potenzial ist enorm. Wenn die Biotonne in Deutschland 2015 Pflicht wird, erwarten Experten eine deutliche Steigerung des gesammelten Bioabfalls. Neuartige Biokunststoff-Mülltüten sollen die Sammelbereitschaft der Deutschen ankurbeln. Ihre Hersteller versprechen Millionen Verbrauchern eine spürbare Erleichterung – und erhoffen sich selbst ein lukratives Millionengeschäft. Doch die Tüten sind umstritten zwischen Firmen wie BASF, der Entsorgungsbranche und Umweltexperten.

Das Umweltbundesamt etwa sieht den geplanten Masseneinsatz von kompostierbaren Öko-Tüten kritisch. „Biologisch abbaubare Kunststoffe für Verpackungen, die aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden, haben keinen ökologischen Vorteil“, sagt der Leiter des Fachbereiches für Kreislaufwirtschaft, Michael Angrick. So versauerten Böden durch Anbau und Verarbeitung von Pflanzen für diese Verpackungen stärker als durch die Herstellung herkömmlicher Kunststoffverpackungen.

Bisher werden etwa 111 Kilo Bioabfall pro Einwohner im Jahr gesammelt. Die Tonnenpflicht soll das Volumen erhöhen. Das Witzenhausen-Institut für Abfall, Umwelt und Energie hat ermittelt, dass noch 70 Kilo Gemüse-, Obst- und Essensresten pro Einwohner und Jahr im Hausmüll landen. Die neuen Tüten sollen bei der unkomplizierten Entsorgung helfen. Zudem verhinderten sie Geruch oder Schimmelbildung, heißt es. Branchenkenner schätzen das Marktvolumen für die Biobeutel in Deutschland auf rund 10.000 Tonnen im Jahr.

Als positiver Nebeneffekt landen keine Plastikbeutel mehr in der Biotonne, die mühsam rausgesucht werden müssen. In Berlin wurden solche Beutel bei einem Modellversuch an 21.000 Haushalte verteilt. In der Folge seien 20 Prozent mehr Bioabfälle eingesammelt worden, betont Jens Hamprecht von BASF, einem der größten Hersteller in Deutschland. In Prenzlauer Berg soll der Plastiktütenanteil in der Biotonne dank der Ökobeutel von 19 auf sieben Prozent gesunken sein.

Die EU-Norm EN 13432 legt fest, wie weit Öko-Mülltüten sich zersetzen und kompostierbar sein müssen. Für ihre Herstellung wird biologisch abbaubarer Polyester verwandt, gemischt mit Maisstärke, Zellulose und Polymilchsäure. Die EU-Norm fordert eine Zersetzung von 90 Prozent der Tüte in Bestandteile, die kleiner als zwei Millimeter sind, binnen zwölf Wochen.

Die Umwelthilfe kritisiert, dass die überteuerten Tüten mit gängigen Verfahren nicht kompostierbar seien. Zudem wird vor neuen Mais-Einöden wegen des Stärkebedarfs gewarnt. Helge Wendenburg vom Bundesumweltministerium betont mit Blick auf Biokunststoff-Müllbeutel, dass sich die Stoffe ohnehin nur bei einer bestimmten Wärmeentwicklung in Kompostieranlagen und einer längeren Verweildauer zersetzen. „Wenn Sie die Tüte in den Wald oder ins Meer schmeißen, passiert gar nichts“, sagt er. „Das verrottet nicht.“