Kommentar

Nur nicht übertreiben

Stefan von Borstel zur wirtschaftlichen Lage und den Tarifforderungen der Gewerkschaften

Wenn Deutschland heute so gut dasteht, liegt das sicherlich auch an den moderaten Lohnabschlüssen der vergangenen Jahre. Lange blieben die Lohnerhöhungen hinter den Preissteigerungen zurück. Real wurden die Deutschen deshalb ärmer. Doch die Rosskur hat sich gelohnt. Der „kranke Mann Europas“ avancierte zum ökonomischen Superstar. Die Volkswirtschaft wächst, es entstehen Arbeitsplätze. 2014 wird ein gutes Jahr für die deutsche Wirtschaft – und für die Arbeitnehmer. Zurecht rufen die Gewerkschaften das Ende der Bescheidenheit aus. Die Arbeitnehmer haben ihren Anteil am Aufschwung hart erarbeitet – das zahlt sich jetzt aus. Die Gewerkschaften sollten allerdings nicht übertreiben, zumal den deutschen Firmen ohnehin einiges bevorsteht. Die große Koalition will ihnen viel von der Flexibilität am Arbeitsmarkt nehmen. Und mit dem Mindestlohn startet die Regierung ein Projekt mit ungewissem Ausgang, bei dem das Lohngefüge verschoben wird. Kein Beispiel sollten sich die Sozialpartner auch an der Rentenpolitik nehmen. Milliarden-Überschüsse werden ausgegeben, als ob es kein Morgen und keine Alterung der Gesellschaft gäbe. Gewerkschaften und Arbeitgeber haben in der Vergangenheit gezeigt, dass sie in der Lage sind, Maß und Mitte zu finden. Die Sozialpartnerschaft hat sich in schlechten Zeiten etabliert, sie wird sich in guten Zeiten bewähren müssen.