Lohnsteigerungen

Tarifbeschäftigte erhalten deutlich mehr Geld

Experten erwarten künftig kräftige Zuwächse. Gewerkschaften fordern bis zu sieben Prozent

Gute Nachricht für Beschäftigte, die nach Tarif bezahlt werden: Ihre Einkommen sind im vergangenen Jahr abermals stärker gestiegen als die Verbraucherpreise. Einschließlich Sonderzahlungen legten die Verdienste um 2,4 Prozent zu, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden berichtete. Die Verbraucherpreise sind im selben Zeitraum um 1,5 Prozent gestiegen. Allerdings sind nach Angaben des Bundesamtes nur rund die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland tarifgebunden.

2012 waren die Tarifverdienste sogar um 2,7 Prozent gestiegen, mit 2,0 Prozent war allerdings auch die Inflation höher. Experten rechnen damit, dass die Tariflohnsteigerungen künftig sogar noch kräftiger ausfallen könnten. Sie verweisen auf die hohen Lohnforderungen der Gewerkschaften in den bereits laufenden Tarifrunden in diesem Jahr und auf den einheitlichen Mindestlohn, der 2015 eingeführt werden soll. „Die Ära niedriger oder moderater Lohnabschlüsse nähert sich in Deutschland dem Ende“, sagt Eckart Tuchtfeld von der Commerzbank voraus.

Der Anstieg 2013 fiel nach den Zahlen des Bundesamtes in der Privatwirtschaft mit 2,5 Prozent etwas stärker aus als im Öffentlichen Dienst und im Gesundheitswesen mit 2,3 Prozent. Auch zwischen den einzelnen Wirtschaftszweigen bestehen große Unterschiede. An der Spitze liegt das Verarbeitende Gewerbe mit einem Plus von 2,9 Prozent, gefolgt von der Energieversorgung mit 2,7 Prozent und dem Baugewerbe mit 2,5 Prozent. Deutlich geringere Tariflohnsteigerungen verzeichnen das Gastgewerbe (1,7 Prozent) und Niedriglohnbranchen im Dienstleistungssektor wie die Zeitarbeit, Wach- und Sicherheitsdienste oder Gebäudereinigung, deren Plus zusammen nur 1,5 Prozent beträgt.

Für 2014 erwarten Experten noch kräftigere Lohnsteigerungen als 2013. Die Dekabank geht von einem Plus von 2,8 Prozent aus. „Deutschland geht es konjunkturell gut“, begründet Andreas Scheuerle, Volkswirt der Dekabank. Nach einem eher schwachen Wirtschaftswachstum von 0,4 Prozent 2013 erwarten die Ökonomen in diesem Jahr ein Wachstum von bis zu zwei Prozent. „Davon wollen auch die Arbeitnehmer proftieren“, sagte Scheuerle. „Das wird ein herausforderndes Tarifjahr.“

Darauf weist auch der erste große Tarifabschluss des Jahres hin . In der Chemieindustrie vereinbarten die Tarifpartner ein Plus von 3,7 Prozent. „Mit jedem hohen Abschluss wird die Messlatte für die kommenden Tarifabschlüsse noch höher gelegt“, warnt Scheuerle. Deutschland habe zwar an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen, doch die Gewerkschaften dürften jetzt nicht überziehen.

Sorgen bereiten den Ökonomen die hohen Forderungen im Öffentlichen Dienst und in der Bauindustrie. Die IG BAU verlangt sieben Prozent mehr Lohn, Ver.di gar mehr als sieben Prozent. „Einige Gewerkschaften wollen offensichtlich den Kurs niedriger und moderater Lohnabschlüsse verlassen, dem sie mehr als 15 Jahre gefolgt sind“, fürchtet Tuchtfeld von der Commerzbank. „Entgeltsteigerungen, wie sie sich jetzt ab spätestens 2015 andeuten, gab es zuletzt in der zweiten Hälfte der 90er Jahre.“

Doch nicht alle Branchen steuern auf hohe Abschlüsse zu. „Die Geschäft laufen nicht überall so gut wie in der chemischen Industrie“, sagt Tuchtfeld von der Commerzbank. Die Druckindustrie und Hotels und Gaststätten dürften wohl kaum ähnlich hohe Lohnanstiege vereinbaren. Alles in allem dürfte das Lohnplus der neuen Tarifverträge aber dennoch oberhalb von drei Prozent liegen, schätzt Tuchtfeld. Allerdings bleiben die effektiv gezahlten Entgeltsteigerungen hinter den tariflichen zurück, weil die Unternehmen außertarifliche Sonderzahlungen einschränken.

Im kommenden Jahr dürften die Lohnkosten der Unternehmen dann noch stärker zunehmen als 2014, schätzt Tuchtfeld. Grund ist der flächendeckende Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde, der zum 1. Januar 2015 eingeführt wird. Allein dieser Effekt werde die Lohnkosten in den nächsten zwei Jahren um zwei Prozent erhöhen. Hinzu kommen Mehrkosten der Unternehmen durch die geplante Verschärfung der Arbeitsmarktregulierung durch die große Koalition. So soll das Equal-Pay-Prinzip in der Zeitarbeit ausgeweitet und Werkverträge eingeschränkt werden. Künftig sollen Tarifverträge leichter für allgemeinverbindlich erklärt werden. Unternehmen können so schwerer von Tarifregelungen abweichen oder Tarifverträgen ausweichen. Die Lohnstückkosten werden dadurch steigen und die Wettbewerbsfähigkeit leiden, warnt Tuchtfeld.