Musikmarkt

Der Spotify-Effekt

Wie Streamingdienste die Musikwirtschaft ankurbeln – Erstes Plus nach 15 Jahren Flaute

Der deutsche Musikmarkt hat 2013 zum ersten Mal seit 15 rückläufigen Jahren mit einem Plus abgeschlossen. Grund ist das schnelle Wachstum bei Streamingdiensten und anderen digitalen Tonträgern, wo ein Anstieg von zwölf Prozent verzeichnet wurde. So kletterte der Umsatz aus dem Verkauf physischer Tonträger und Downloads sowie den Einnahmen aus dem Musikstreaming nach ersten Einschätzungen um rund ein Prozent auf etwa 1,45 Milliarden Euro. Das teilte der Bundesverband Musikindustrie mit, der detaillierte Zahlen im März vorlegen wird.

Damit ist die These der traditionellen Musikwirtschaft widerlegt, wonach das Internet ihr Totengräber sei. Das Gegenteil ist der Fall – wie schon in den 70er-Jahren, als der Boom des Fernsehens für die Krise der Tonträgerbranche verantwortlich gemacht wurde und der Song „Video killed the Radio Star“ zur Hymne der Traditionalisten wurde.

Für Stefan Zilch kommt dieser Trend nicht überraschend. „Die digitale Musikwirtschaft ist global die zweitgrößte Einnahmequelle der Musikindustrie geworden“, sagt der Geschäftsführer des Musikstreamingservice Spotify. Sein Unternehmen habe seit seinem Marktstart im Jahr 2008 mehr als eine Milliarde Dollar an Rechteinhaber ausgezahlt – die Hälfte davon im vergangenen Jahr. 70 Prozent der Einnahmen aus Abonnementverkäufen und Werbung gingen an Rechteinhaber wie die Labels, ihre Interpreten und Verwertungsgesellschaften. Nationale Zahlen will er aber nicht nennen. Dienste wie Spotify bieten im Netz Musik an, die nicht heruntergeladen werden muss, sondern direkt zum Anhören bereitsteht.

Streamingdienste haben den Musikkonsum revolutioniert. Zwei Stunden pro Tag hört der durchschnittliche Spotify-Nutzer, was in der Maßeinheit der alten Zeit zwei Alben entspricht. Eine wichtige Quelle der Inspiration ist das Internet. „In sozialen Netzwerken finden Menschen zu neuer Musik“, sagt Zilch. „Sie erfahren, was ihren Freunden gefällt und hören sich neue Stücke an.“

In Schweden, dem Heimatland des Streamingdienstes, werden bereits 80 Prozent aller Musiktitel über das Internet verkauft. In Großbritannien hat das Musikangebot im Netz das analoge im Jahr 2013 zum ersten Mal übertroffen. Deutschland ist noch nicht so weit: 70 Prozent des Umsatzes wird hier noch mit CDs, DVDs und Platten gemacht.

Spotify bezeichnet sich selbst als „Soundtrack des Lebens“ und integriert wie kaum ein anderer Mitbewerber soziale Netzwerke. Nutzer teilen ihre Tracks direkt auf Spotify, über Facebook, Twitter, einem Blog oder per E-Mail. Umgekehrt können Nutzer das Gehörte anderer Personen mitverfolgen. Wenn sie etwas Neues entdecken, dann entdeckt man es selbst automatisch auch.

„Die typischen Nutzer von Spotify sind mit Filesharing und YouTube groß geworden. Sie haben noch nie Musik gekauft“, sagt Zilch. Der Durchschnittsnutzer ist gerade einmal 25 Jahre alt. Viele steigen über die werbefinanzierten Gratisangebote ein und schließen dann irgendwann ein Abonnement ab.

Das Wachstum der Streamingdienste hat einen positiven Nebeneffekt. Der illegale Tausch von Musikdateien (Filesharing) geht zurück. Stefan Zilch: „Die Piraterie sinkt in allen Ländern, in denen Spotify wächst.“ Immer weniger Musikinteressierte gehen offenbar den umständlichen Weg, um Alben von Servern herunterzuladen und auf die einzelnen Abspielgeräte zu verteilen.

Die Analyse von Nutzerdaten auf Streamingsdiensten ist besonders für Musiker interessant. „Früher wusste kein Künstler, wer genau ihre Stücke hört“, sagt Zilch. Heute lässt sich dagegen einfach ermitteln, wer welche Tracks wo hört. „Bands können Tourpläne und Marketingaktionen darauf abstellen“, sagt der Musikmanager.

Die digitale Musikwirtschaft und ihre neuen Vermarktungswege verändern auch die Arbeit der Künstler. In der alten Welt zogen sich Bands zurück, um ein Album zu produzieren, das sie dann als Ganzes veröffentlichten. „Heute veröffentlichen viele Künstler einzelne Stücke. Die Fans werden über Facebook und Twitter informiert und können sich die Musik anhören“, sagt Zilch.

Die Musikstadt Berlin mit Labels wie Universal und den zahllosen Bühnen ist für Spotify ein guter Standort. Hier betreibt der Dienst seit März 2012 ein Büro mit 16 Angestellten. Auch Mitbewerber wie Ampya, Simfy oder Wimp haben sich hier niedergelassen. TapeTV, Vevo bieten Musikvideos. Neuerdings hat auch der Social-TV-Sender Joiz Studios in Berlin eröffnet. Und nicht zu vergessen SoundCloud. – „In zwei Jahren wollen wir jeden Nutzer auf jedem Gerät erreichen“, sagt Zilch, nach seinen Zukunftsvisionen gefragt. „Streamingdienste werden ins Wohnzimmer kommen, auf den Internetfernseher und ins Auto.“