Elektrokonzern

Siemens-Dynastie bleibt im Geschäft

Ur-Ur-Enkelin des Gründers besetzt Leitungsposition in der Vermögensverwaltung

Einst hatte die Siemens-Gründerfamilie enorme Macht in dem Elektrokonzern. Sie hatten Vorzugsaktien mit Sechsfach-Stimmrecht auf der Hauptversammlung. Das machte eine feindliche Übernahme aussichtslos und sicherte Einfluss. Doch 1999, im Vorfeld des US-Börsengangs, wurde dieses Privileg gestrichen. Siemens wollte sich für Investoren unkompliziert präsentieren.

Inzwischen gibt es neue Prioritäten. Wie zuvor schon andere deutsche Konzerne, zieht sich Siemens in diesem Jahr wieder von der US-Börse zurück. Für die weit verästelte Siemens-Gründerfamilie mit schätzungsweise 150 Mitgliedern bleibt nur die Erinnerung an einstige Machtprivilegien. Selbst im Aufsichtsrat des fast 170 Jahre alten Technologiekonzerns sitzt seit Anfang 2008 kein Mitglied der Gründerfamilie, der den Namen Siemens trägt. Zuletzt war noch Peter C. von Siemens, ein Ur-Ur-Enkel des Konzerngründers Werner von Siemens vertreten. Seitdem vertritt sein Vetter Gerd von Brandenstein als Repräsentant der Familie die Interessen im Kontrollgremium. Das Mandat des inzwischen 71-jährigen läuft formal noch bis 2018.

Möglicherweise kommt es aber schon vor 2018 zu einem Wechsel im Aufsichtsrat. Seit längerem wird spekuliert, dass Nathalie von Siemens, eine Ur-Ur-Enkelin von Werner von Siemens, in das oberste Siemens-Gremium einziehen könnte. Sie baut derzeit konsequent ihre Einflusssphäre aus.

Nach Recherchen der Berliner Morgenpost ist die 42-jährige jetzt in die Geschäftsführung der von Siemens-Vermögensverwaltung GmbH in München eingezogen, in der auch Siemens-Aufsichtsratsmitglied Gerd von Brandenstein sitzt. Diese Gesellschaft mit acht Gesellschaftern ist eine Art Treuhänder- und Vermögensverwaltungsfirma für einen Teil der Siemens-Familienaktionäre, die zusammen noch rund sechs Prozent am Kapital halten. Damit gehört die Familie zu den wenigen bekannten Großaktionären neben dem US-Investor BlackRock, dem Staat Katar und der wachsenden Zahl der Mitarbeiter als Belegschaftsaktionäre. Für Nathalie von Siemens ist der Posten in der Familien-Vermögensverwaltung ein weiterer Baustein ihrer Siemens-Karriere. Nach dem Studium der Philosophie und ihrer Promotion, die sich mit der Ethik Aristoteles beschäftigte, trat sie 2005 bei Siemens ein.

Seit Anfang 2013 leitet sie im Rang einer Vorstandssprecherin die gemeinnützige Siemens Stiftung, die der Konzern mit knapp 400 Millionen Euro ausgestattet hat. Neben der Siemens Stiftung kommen für Nathalie von Siemens jetzt also auch die Aufgaben in der Siemens Vermögensverwaltung, kurz vSV, hinzu. Dort löst sie den 40-jährigen Ferdinand von Siemens ab. Er ist ein Ur-Ur-Ur-Enkel von Werner von Siemens.

Löschers Fürsprecherin

Ferdinand von Siemens ist seit eineinhalb Jahren Professor an der Goethe Universität Frankfurt. Wie er auf Anfrage mitteilte, ist es ihm aus zeitlichen Gründen nicht mehr möglich, sich weiter als Geschäftsführer zu engagieren. Ein Indiz, dass Nathalie von Siemens sich künftig auch in Konzern-Angelegenheiten einmischen könnte, lieferte sie 2013. In den turbulenten Tagen der Ablösung von Siemens-Vorstandschef Peter Löscher rief sie die Beteiligten zur Ordnung: „Uns als Familie liegt daran, dass wieder Ruhe einkehrt.“ Löscher blieb Vorsitzender des Stiftungsrates.