Panne

Spott und Frust nach WhatsApp-Ausfall

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Carolin Brühl

Kaum hat der Kurznachrichtendienst seinen Besitzer gewechselt, da bricht er zusammen. Peinlich auch für Facebook

Die Community war „down“, weil WhatsApp „down“ war. Die Hilferufe, die nach dem plötzlichen Ausfall des Kurznachrichtendienstes am Samstagabend im Netz kursierten, schwankten zwischen Verzweiflung, Ratlosigkeit, Frustration und Spott. Meine fast 80-jährige Mutter, eine der hingebungsvollsten „Simserinnen“, die ich kenne, griff zum Telefon: „Kind, ich wollte Dir ein Foto schicken, aber WhatsApp geht nicht. Kann das denn sein?“ Ich konnte nicht weiterhelfen. Auch ich starrte ratlos auf den Schirm meines Smartphones, auf dem sich völlig ungewohnt seit dem Abend niemand mehr gemeldet hatte. Das plötzliche Fehlen des Netzes zwischen Familie und Freunden aus aller Welt traf viele der Whatsapper schlimmer als ein Stromausfall und schlimmer als schwarze Fernsehmattscheibe.

Der Ausfall begann am Sonnabendabend gegen 19.30 Uhr deutscher Zeit. Um kurz nach 21 Uhr erst teilte WhatsApp schließlich über den Kurznachrichtendienst Twitter mit, es gebe „Server-Probleme“, ohne indes nähere Details zu nennen. Die technische Panne traf jedoch nicht nur die deutschen Nutzer, sondern stoppte den Mitteilungsdrang weltweit. Erst kurz vor Mitternacht kam schließlich die erlösende Nachricht, der Dienst funktioniere wieder. Die Entschuldigung war lapidar: „Der Ausfall tut uns leid.“ Die Gründe bleiben aus.

Weltweite Panne

Witze kursierten über den Nachrichtendienst Twitter und andere Chatplattformen: „Keinen Stress, weil WhatsApp nicht funktioniert. Mark macht nur gerade ein Backup Eurer WhatsApp-Gespräche“. Dass es zu dem Ausfall des Dienstes just wenige Tage nach dem überraschende milliardenschweren Verkauf an Facebook kam, ließ die Spekulationen munter ins Kraut schießen. Selbst der Universal-Sündenbock, der US-Geheimdienst NSA, musste als Verursacher der Störung herhalten. „Jetzt fällt es mir wie Schuppen aus dem Haaren“, ulkte ein Nutzer auf Twitter. Facebook habe die Milliarden nur gezahlt, um WhatsApp abzuschalten. Ein Nutzer scherzte: „WhatsApp ist zusammengebrochen, weil zu viele Nachrichten mit Alternativen verschickt wurden.“

Erst am Mittwoch hatte Facebook den Kauf des Rivalen WhatsApp für insgesamt 19 Milliarden Dollar verkündet, umgerechnet fast 14 Milliarden Euro. Vor allem Jugendlichen ist die eher behäbige Kommunikation via Facebook zu langsam geworden, vielen ist das soziale Netzwerk auch einfach zu neugierig geworden. Der Verkauf von WhatsApp hat deshalb insbesondere in Deutschland Bedenken um den Datenschutz ausgelöst. Zwar hat Facebook bereits angekündigt, dass die Dienste vorerst getrennt bleiben und WhatsApp eigenständig erhalten bleibt. Doch dass die Daten der Whatsapper nicht ausgewertet werden, kann selbst Gründer Jan Koum nicht garantieren. Viele Nutzer sind deshalb auf der Suche nach Alternativen oder bereits auf einen anderen Mitteilungsdienst übergeschwenkt, dem zumindest bislang nich weniger das Rüchlein anhafet, mit den Daten der Nutzer Geschäfte zu machen. Die Branche ist sensibel. Ein Windhauch kann schnell einen Sturm auslösen.

Doch schon vor dem Verkauf an Facebook gab es immer wieder Ausfälle von WhatsApp. Das Unternehmen führt auf seinem offiziellen Status-Account auf Twitter sieben Pannen alleine für das vergangene Jahr auf. Die Expertenwebsite techcrunch.com vermutet, dass WhatsApp am Sonnabend Opfer seines eigenen Erfolgs geworden sein könnte: Die Server könnten wegen eines „Anstiegs von Neuanmeldungen“ bei dem Dienst überlastet gewesen sein. WhatsApp war nach dem Milliardendeal mit Facebook auch in Regionen der Welt bekannt geworden, die bislang eher andere Dienste nutzten.

WhatsApp wächst rasant und kam zuletzt auf mehr als 450 Millionen Nutzer. Facebook-Chef Mark Zuckerberg hofft, dass der Dienst bald die Milliardenmarke durchbricht – womit er auch den hohen Kaufpreis begründet hatte.

Laut Unterlagen, die der Analysedienst „VC Expert“ veröffentlichte, wurde WhatsApp bei der letzten Finanzierungsrunde im vergangenen August erst mit rund 1,5 Milliarden Dollar bewertet. WhatsApp hatte demnach damals 52 Millionen Dollar bei Investoren eingesammelt. Das Unternehmen war 2009 gegründet worden und bekam drei Mal frisches Geld von Investoren. Auf eine Start-Investition von 250.000 Dollar folgte eine zweite Geldspritze von acht Millionen Dollar 2011. Damals bekamen die Investoren im Gegenzug Firmenanteile zu einer Gesamtbewertung von 80 Millionen Dollar, wie das „TechCrunch“ berichtete. Den frühen WhatsApp-Investoren bringt der Facebook-Deal damit eine sagenhafte Geldvermehrung. Allerdings müssen die Wettbewerbshüter der Übernahme noch zustimmen. Mit dem Abschluss des Kaufs rechnet Facebook später im Jahr.

Für die meisten WhatsApp-Nutzer ist die Welt aber am Sonntag vorerst wieder in Ordnung. Mutter schickt Fotos von den ersten Krokussen im Garten, Freund Tim protzt mit einem Teller seines selbstgekochten Mittagessens, und meine Nichte kündigt ein längeres Telefonat wegen akuten Liebeskummers für den Abend an. Manchmal reicht schnelles Tippen bei WhatsApp dann doch nicht.