E-Commerce

Facebook kauft sich jung

Mark Zuckerberg zahlt 13,8 Milliarden Euro für WhatsApp, weil der Kurznachrichten-Dienst dem sozialen Netzwerk gefährlich wurde

Für den größten Kauf in der Geschichte des sozialen Netzwerkes hat sich Facebook gerade einmal sieben Tage Zeit gelassen. Dann waren sich Facebook-Chef Mark Zuckerberg und WhatsApp-Gründer Jan Koum einig: Für 19 Milliarden Dollar (13,8 Mrd. Euro) schlüpft der Messaging-Dienst unter das Dach von Facebook. Damit hat der WhatsApp-Gründer eine erstaunliche Wendung vollzogen. Noch im Januar wurde Koum auf der DLD-Konferenz in München als unabhängiger Kopf gefeiert. Eine Rolle, die ihm sichtlich gefiel: „Wir wollen groß werden, wir wollen nicht verkaufen“, sagte er.

Vier Milliarden Dollar in bar, zwölf Milliarden Dollar in Facebook-Aktien und weitere drei Milliarden Dollar in Aktien, die in den kommenden vier Jahren auf die WhatsApp-Gründer und Mitarbeiter übertragen werden: Facebook hat sich den Kauf des Messaging-Dienstes mehr kosten lassen als jede Übernahme zuvor. Für den Fotodienst Instagram hatte das Online-Netzwerk 2012 eine Milliarde Dollar auf den Tisch gelegt. Mit den 19 Milliarden Dollar gibt Facebook auch mehr Geld aus, als es bei seinem eigenen Börsengang eingenommen hat. Die Amerikaner zahlen 42 Dollar pro WhatsApp-Nutzer, nochmal fast ein Drittel mehr als bei Instagram.

Damit schreibt WhatsApp eine der größten Erfolgsgeschichten der Technologie-Branche. Die Anwendung für Smartphones ermöglicht es Nutzern, Textnachrichten, Fotos und Videos oder Sprachaufnahmen zu verschicken. WhatsApp ist damit zum Totengräber der SMS geworden, mit der die Mobilfunknetzbetreiber immer weniger Umsatz machen. Schon bald werden weltweit mehr WhatsApp-Nachrichten als SMS verschickt.

Gemeinsam mit seinem Freund Brian Acton hatte Koum WhatsApp 2009 gegründet. Heute zählt der Dienst mehr als 450 Millionen Nutzer, von denen 70 Prozent täglich Nachrichten verschicken. In Deutschland läuft die Anwendung auf 30 Millionen Smartphones. Koum wuchs in einem Dorf in der Ukraine auf und kam Anfang der 90er Jahre als Teenager mit seiner Mutter in die USA. Dort waren sie zunächst auf Sozialhilfe angewiesen. Koum hat das nicht vergessen: Für die Unterzeichnung des Verkaufs an Facebook habe er das verlassene Behörden-Gebäude ausgesucht, in dem er einst für Lebensmittel-Marken anstand, schrieb das Magazin „Forbes“. Koums Anteil an WhatsApp mache ihn jetzt 6,8 Milliarden Dollar schwer, hieß es.

Die Erlebnisse seiner Jugendzeit hätten ihn und WhatsApp entscheidend geprägt, sagte Koum. Die Überwachung im Sowjet-Regime habe seinen Sinn für Datenschutz geschärft – so berührte ihn der Stasi-Film „Das Leben der Anderen“, den er vor kurzem sah. Und der einstige Wunsch, mit seinem Vater zu kommunizieren, der in der Ukraine geblieben war, habe ihm den Wert eines Dienstes wie WhatsApp gezeigt. „Wir wollten eine App entwickeln, die eine 60-jährige Oma ohne jegliche Computer-Kenntnisse nutzen könnte“, sagte er. „Unser Ziel ist, auf jedem Smartphone dieser Welt zu sein.“

Das hat Facebook-Chef Zuckerberg offenbar Angst gemacht. Während sich immer mehr Eltern, Lehrer oder Chefs ein Facebook-Profil zulegen, verbringen vor allem junge Nutzer viel Zeit in alternativen sozialen Netzen. Zeit, die Nutzer mit WhatsApp verbringen, können sie nicht für Facebook-Dienste verwenden. Nicht zuletzt aus diesem Grund hatte Facebook für den Fotodienst Instagram mit 13 Mitarbeitern eine Milliarde Dollar bezahlt. „WhatsApp ist auf dem Weg, eine Milliarde Leute miteinander zu verbinden", erklärte Facebook-Chef Zuckerberg. Die sollen nun im Facebook-Reich landen. Facebook hat selbst einen Messenger-Dienst aufgebaut und dafür eine eigenständige App für Smartphones entwickelt. Doch darüber würden Facebook-Freunde eher Nachrichten austauschen, die informellen E-Mails gleichen. In Gegensatz dazu sei WhatsApp ein Echtzeit-Chat, sagte Facebook-Chef Zuckerberg am Mittwoch.

WhatsApp soll eigenständig weitergeführt werden, auch die Marke bleibt den Angaben zufolge bestehen. WhatsApp-Gründer Koum zieht in den Facebook-Vorstand ein. Die Kartellbehörden müssen dem Kauf noch zustimmen, womit die Unternehmen im Laufe des Jahres rechnen. Sollte der Kauf nicht zustande kommen, muss Facebook zwei Milliarden Dollar als Kompensation an WhatsApp zahlen, eine Hälfte davon in bar, die andere in Aktien.

Messenger-Dienste erzielen derzeit hohe Preise. Zuletzt hatte der japanische E-Commerce-Konzern Rakuten den Messaging- und Internet-Telefonie-Anbieter Viber für 900 Millionen Dollar übernommen. Der Foto-Messenger Snapchat hatte Berichten zufolge ein drei Milliarden Dollar schweres Angebot von Facebook ausgeschlagen. Über die Finanzierung von WhatsApp ist nicht viel bekannt. Offenbar haben die Gründer nicht viel Geld eingesammelt. Nur der Risikofinanzierer Sequoia Capital hat es geschafft, 2011 mit acht Millionen Dollar einzusteigen.

In der Vergangenheit ist WhatsApp immer wieder in die Kritik geraten, unter anderem, weil Smartphone-Adressbücher ausgelesen wurden, Daten teilweise umverschlüsselt übertragen wurden und bei der Datensicherheit, vor allem beim Erstellen von Passwörtern, geschlampt wurde. Der Dienst hatte sich in der Folge mit niederländischen und kanadischen Datenschützern angelegt.

Die WhatsApp-Gründer selbst geben sich verschlossen. Auch Informationen jenseits von Nutzerzahlen sind rar. So ist nicht bekannt, wie hoch der Umsatz von WhatsApp ist. Seit Jahren steht Reichweite an erster Stelle, was bei Internetunternehmen nicht ungewöhnlich ist. Doch WhatsApp hat auch Einkünfte. Zwar ist der Dienst im ersten Jahr kostenlos, anschließend zahlen Nutzer jedoch knapp einen Dollar pro Jahr. Ob WhatsApp dieses Geschäftsmodell auch unter Facebook so fortführt, ist fraglich. Facebook finanziert sich über Werbeeinnahmen. Die WhatsApp-Gründer hingegen haben für Werbung nichts übrig und sich auch immer der Möglichkeit verschlossen, Nutzerdaten zu verkaufen.

Der Milliarden-Deal mit Facebook hat auch eine ironische Seite: Koum und Acton hatten sich auch beim weltgrößten Online-Netzwerk beworben, nachdem sie 2007 ihre Jobs beim Internet-Pionier Yahoo aufgaben. Facebook wollte sie damals nicht.