Internet

Suche nach dem digitalen Gold

Open-Data-Projekte sollen Berliner Bürgern im Internet künftig Informationen über ihren Kiez geben

In den öffentlichen Verwaltungen Berlins liegt Gold herum – digitales Gold in Form von statistischen Daten. Nicolas Zimmer, Chef der Technologiestiftung Berlin, beziffert den volkswirtschaftlichen Wert dieser Daten mit 32 Millionen Euro pro Jahr. Diese Summe könnte erwirtschaftet werden, wenn Unternehmen diese Daten aufarbeiten und verwerten – zum Beispiel so wie Erica und Lewis Tandy das in Großbritannien getan haben. Sie waren auf der Suche nach der idealen Schule für ihre Kinder und einer bezahlbaren Wohnung in ihrem Einzugsgebiet. Sie entwickelten eine Web-App, auf der Eltern den gewünschten Wohnort, die Qualität einer Schule und ihr Budget für eine Wohnung eingeben können. Sekundenschnell zeigt ihre Web-Seite LocRating geeignete Schulen auf einem Stadtplan an. Immobilienmakler können die Seite gegen eine Gebühr auf ihren Web-Seiten einbinden. Die Daten stellen öffentliche Verwaltungen kostenfrei zur Verfügung – so erklärt sich die Bezeichnung „Open Data“ für Internet-Anwendungen dieser Art.

Ein Vorreiter für Open-Data-Anwendungen ist die US-Metropole Chicago. Bürger können auf der Web-Seite der Stadt Karten über geflickte Schlaglöcher, Verbrechensorte seit 2001, Busrouten, eine Live-Ansicht der Schneepflüge sowie Dokumente mit den Namen und Einkünften aller Verwaltungsangestellten und Lobbyisten und den Stand von Baugenehmigungen bekommen. „Dort hat man eine andere Auffassung von Transparenz, in Deutschland würde man nicht so weit gehen“, sagt Michael Hörz, Experte für Datenjournalismus.

Doch Berlin bewegt sich in diese Richtung: 305 Datensätze aus 21 Fachbereichen der Verwaltungen sind im Open-Data-Portal der Stadt frei zugänglich, wie Wolfgang Both, Open-Data-Referent der Senatswirtschaftsverwaltung, sagt. Das ist nur ein Bruchteil des in Behörden angesammelten Wissens. Denn viele Ämter entscheiden selbst, welche Daten sie erheben und welche sie zugänglich machen. Daher appelliert Nicolas Zimmer daran, in Behörden ein anderes Verständnis für Daten zu entwickeln und einen gesetzlichen Rahmen zu schaffen.

Allein die Gesundheits- und Sozialverwaltung verfügt über 10.000 Datensätze, die versteckt im Internet schlummern. Sie enthalten Informationen über vermeidbare Todesfälle, die Lebenserwartung, den Gesundheitszustand von Kinder zur Einschulung und vieles mehr – und das für jeden „lebensweltlich orientierten Raum“ in Berlin, wie Kieze auf Verwaltungsdeutsch heißen.

Die wichtigsten sollen jetzt in das Open-Data-Portal überführt werden, wie Julia Kloiber, Projektmanagerin der Open Knowledge Foundation sagt. Sie und ihr Team haben einen Programmierwettbewerb (im Fachjargon: Hackathon) vorbereitet, bei dem Softwareentwickler mit diesen Daten interaktive Web-Seiten und Apps bauen werden. Angesichts dieser Datenbasis gerät Michael Hörz ins Schwärmen. „Man könnte auf einer Karte im Internet alle Dienste und Daten bündeln – Wer ist für mich zuständig? Welche Umweltdaten wie die Feinstaubbelastung gibt es für meinen Kiez? Welche Kita und welcher Polizeiabschnitt sind für mich zuständig?“, beschreibt er eine mögliche Berlin-App. Zimmer sieht bei Open-Data-Projekten eine wichtige Funktion der Technologiestiftung: „Wir wollen nicht nur Studien präsentieren, sondern auch Prozesse begleiten, daraus Rückschlüsse ziehen und Handlungsempfehlungen für das Land ableiten.“

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