Automobilclub

ADAC manipuliert seit Jahren

Prüfer legen Ergebnisse ihrer Untersuchungen vor. Die Stimmenzahl und Reihenfolge bei Autowahlen verändert

Der folgende Satz wurde in einer früheren Kirche ausgesprochen, doch er dürfte als dreisteste Lüge in die Geschichte des ADAC-Automobilpreises „Gelber Engel“ eingehen: „Bei der Wahl zum Lieblingsautos der Deutschen zählt nur eines: Die Stimme des Volkes“, sagte Michael Ramstetter, Ex-Kommunikationschef des ADAC im Januar 2010.

Vor ihm saß die Elite der deutschen Automobilindustrie in der Hofkapelle der Münchener Residenz. „Mit großem Abstand“, erklärt Ramstetter der Runde, habe sich die Mercedes E-Klasse bei der Wahl zum „Lieblingsauto der Deutschen“ durchgesetzt. Applaus.

Diese Szene dürfte allen Beteiligten heute sehr peinlich sein. Denn wie jetzt bekannt wurde, ist der eigentliche Gewinner der Leserumfrage im Jahr 2010 gar nicht die Mercedes E-Klasse. Eigentlicher Gewinner der Leserumfrage zum „Lieblingsauto der Deutschen“ wäre der Audi A5 Cabriolet gewesen, berichtet der ADAC unter Berufung auf einen Bericht des Prüfunternehmens Deloitte.

Die Fälschung im Jahr 2010 ist besonders gravierend. Es ist der erste Fall, in dem der ADAC ein Auto bewusst auf den ersten Platz hob. Der Leserumfrage zufolge hätte die Mercedes E-Klasse nur den vierten Rang erreicht. Den eigentlich erstplatzierten Audi A5 Cabriolet hingegen setzte der ADAC auf Platz vier.

Autokonzerne sind empört

Die Enthüllung ist Teil einer Untersuchung, mit der der ADAC die Prüfgesellschaft Deloitte beauftragte. Schon in der vergangenen Woche waren als Teilergebnis Manipulationen bei der Wahl des „Gelben Engels 2014“ bekannt geworden. Der nun veröffentlichte Bericht deckt den Zeitraum 2009 bis 2013 ab.

Es zeigt sich, dass der ADAC über Jahre hinweg scheinbar willkürlich die Rangliste der Gewinnerautos veränderte. So setzte der ADAC im Jahr 2012 etwa den VW Up auf Platz fünf in der Rangliste der Lieblingsautos der Deutschen. Dabei hätte der Kleinwagen eigentlich nur Rang zwölf erreicht. Im Jahr 2009 hievte der Verein zudem den Mercedes SLK um sechs Plätze nach vorn. Auch bei der Zahl der abgegebenen Stimmen wurde den Prüfern zufolge kräftig geschummelt. So waren 2009 den Untersuchungen zufolge insgesamt 80.211 Stimmen für die Wahl zum Lieblingsauto abgegeben worden. In der Presseerklärung sah das anders aus: Rechnete man die Stimmen allein für die ersten zehn Plätze zusammen, kam man bereits auf 220.898.

Die Autokonzerne reagierten empört. „Die Untersuchungsergebnisse des ADAC zeigen: Hersteller und Öffentlichkeit wurden getäuscht. Damit haben die Platzierungen beim „Gelben Engel“ keinen Wert“, kommentierte ein Opel-Sprecher. VW schickte direkt seine Trophäen zurück. „Die 19 ersten Plätze sind alle in einem einzigen Paket auf dem Weg“, meldete der Wolfsburger Konzern. Auch andere Hersteller hatten eine Rückgabe der Preise angekündigt, hatten sie dem ADAC doch immer vertraut. „Wir hatten in den vergangenen Jahren keinerlei Grund, an der Ehrlichkeit des ADAC zu zweifeln“, hieß es etwa bei VW.

Wie wenig die vom ADAC gewählten Lieblingsautos mit den tatsächlichen Verkaufsschlagern zu tun haben, zeigt eine Untersuchung des Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer. Zwar lag der 2014 zum ADAC-Sieger gekürte VW Golf auch in der Zulassungsstatistik auf Rang eins. Der 2012 gewählte Audi Q3 kam allerdings nur auf Platz 168. Der im Jahr 2007 gewählte Audi TT lag auf Platz 111. Die E-Klasse, die 2010 fälschlicherweise zum Sieger gekürt worden war, kam in der Zulassungsstatistik auf Platz 23.

Die jahrelangen Manipulationen beim Autopreis „Gelber Engel“ dienten nach Ansicht Dudenhöffers dem „Machtausbau“ des ADAC. „Man wollte zeigen, wie eng man mit den Autobauern verbunden ist. Da liegt die Vermutung nahe, dass davon auch das Werbeanzeigengeschäft des ADAC profitieren sollte“, sagte er. Der ADAC selbst spricht davon, dass die Veränderungen darauf abzielten, „eine größere Markenvielfalt in den Top 5-Ergebnissen“ zu erreichen.

Der ADAC kündigte nun an, gegen den früheren Kommunikationschef Ramstetter, der Manipulationen bereits eingeräumt hatte, „weitere rechtliche Schritte“ einzuleiten. „Die Ergebnisse lassen vermuten, dass einzelne Personen offenbar bereits seit Jahren bei der Preisverleihung die Hersteller und die Öffentlichkeit systematisch getäuscht haben“, sagte Karl Obermair, Vorsitzender der ADAC-Geschäftsführung.

Der ADAC kündigte zudem weitere Untersuchungen an. „Wenn wir unsere Glaubwürdigkeit wiederherstellen wollen, müssen wir für die vergangenen Jahre alle Preiskategorien so umfassend wie möglich auf Manipulationen untersuchen und die Ergebnisse veröffentlichen“, sagte Obermair. Deloitte nimmt derzeit noch die Ergebnisse der anderen Kategorien, in denen der „Gelbe Engel“ vergeben worden ist, unter die Lupe. Anfang kommender Wochen wollen die Prüfer dann ihre Resultate vorlegen.

Weitere personelle Konsequenzen scheinen beim ADAC indes nicht gezogen zu werden. In der vergangenen Woche hatte ADAC-Präsident Peter Meyer auf Druck des Präsidiums seinen Rücktritt erklärt. In einer Mitteilung forderte der Ex-Vereinschef führende Funktionäre sowie Hauptamtliche auf, seinem Beispiel zu folgen.

Der ADAC arbeitet derzeit an einer Reform der Strukturen, um wieder neues Vertrauen zu gewinnen. Der Verwaltungsrat des ADAC beschloss bereits die Grundzüge eines Zehn-Punkte-Programms, dessen Einzelheiten in den kommenden Monaten ausgearbeitet werden sollen.

Aus der Politik, die der ADAC zuletzt mit seinem Widerstand gegen die Pkw-Maut gegen sich aufgebracht hatte, kam erneut Kritik. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt fordert nun eine Beteiligung der ADAC-Mitglieder an der Neubesetzung der Vereinsspitze. „Das Renommee des ADAC ist nach wie vor im freien Fall. Deshalb erwarte ich, dass der ADAC eine Form findet, seine Mitglieder umfassend an der Neuaufstellung der Führungsmannschaft zu beteiligen“, sagte der CSU-Politiker der „Bild“-Zeitung.

„Auch einem Verein dieser Größe schadet etwas mehr Demokratie nicht.“ Um den ADAC-Skandal aufzuarbeiten, reiche der Rücktritt von Präsident und Pressesprecher nicht: „Beim ADAC muss klar Schiff gemacht werden“, forderte Dobrindt. Ein Konzern dieser Größenordnung dürfe sich nicht als Verein tarnen – auch an dieser Stelle müsse es eine klare Neuausrichtung geben. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer schlug in die gleiche Kerbe. Der ADAC brauche „eine Reform an Haupt und Gliedern“, sagte der CSU-Chef.

Ein ADAC-Sprecher sagte: „Die Äußerungen des Verkehrsministers zeigen, dass wir mit unserem Zehn-Punkte-Reformplan, der neben mehr Transparenz und Kontrolle vor allem eine stärkere Einbindung der ADAC-Mitglieder vorsieht, auf dem richtigen Weg sind.“

Unverbindliches Programm

Auto-Professor Ferdinand Dudenhöffer attackierte indes ADAC-Geschäftsführer Obermair. Der sei seiner Verantwortung nicht gerecht geworden, urteilt der Wissenschaftler der Universität Duisburg-Essen. „Da der Vorsitzende der Geschäftsführung des ADAC Obermair auch zukünftig die operativen Geschicke des ADAC lenken soll, stellt sich schon die Frage, wie neu tatsächlich die Neuausrichtung des ADAC ist“, sagte der Experte weiter.. Das Zehn-Punkte-Programm zur Erneuerung des 19 Millionen Mitglieder zählenden Vereins sei unverbindlich formuliert.