Jubiläum

Alte Tante Facebook

Zehn Jahre nach der Gründung ist das soziale Netz eine Alltäglichkeit. Aber ist es noch cool?

Im Jahr 2004 wählen die Amerikaner George W. Bush erneut zu ihrem Präsidenten. Palästinenserführer Jassir Arafat stirbt. Der aufstrebende Suchmaschinenbetreiber Google geht an die Börse. Und ein junger Mann namens Mark Zuckerberg bringt zusammen mit Freunden von seiner Studentenbude aus eine Website an den Start, über die sich seine Kommilitonen an der US-Eliteuni Harvard vernetzten können.

Als Zuckerberg am 4. Februar 2004 thefacebook.com startete, schwebte ihm zunächst eine Art digitales Jahrbuch der Eliteuni vor. Zehn Jahre später spannt sich das soziale Netzwerk mit seinen 1,2 Milliarden Nutzern über fünf Kontinente. Trotz immer wieder geäußerter Zweifel am Geschäftsmodell wächst das Unternehmen rasant und verbuchte im vergangenen Jahr einen Milliardengewinn.

Der Preis des Erfolgs ist, dass Facebook an Popularität bei jungen Nutzern einzubüßen scheint. Welcher Teenager findet ein Online-Netzwerk cool, auf dem sich auch seine Eltern tummeln? „Ich denke, es ist sogar nicht mehr nur die Mutter, sondern auch die Großmutter“, kommentiert Lou Kerner, US-Experte für soziale Medien, die alternde Nutzerschaft. Sogar Facebook-Finanzchef David Ebersman räumte vor einigen Monaten ein, dass das soziale Netzwerk einen Rückgang bei „jüngeren Teenagern“ verzeichne. Jugendliche bevorzugen offenbar Messenger-Dienste wie Snapchat oder WhatsApp, auch die Blogging-Plattform Tumblr und der Kurzbotschaftendienst Twitter sind beim Nachwuchs zunehmend beliebt.

Dem Marktforschungsunternehmen iStrategyLabs zufolge haben seit 2011 rund drei Millionen Teenager Facebook den Rücken gekehrt. Die Konkurrenz von der Firma Socialbakers hält die Berichte über eine Abwanderungswelle dagegen für übertrieben, zumal sich Jugendliche auf gleich mehreren sozialen Netzwerken tummeln. Für Aufsehen sorgte eine Studie der Universität Princeton, die Facebook mit einer Epidemie im Endstadium vergleicht und einen Massenexodus bis 2017 prophezeit. Facebook konterte mit einer Untersuchung, die mit der gleichen Methode den Niedergang von Princeton voraussagt.

Auch in Deutschland ist der Dienst mit Abstand die Nummer eins, obwohl die heimischen Wettbewerber deutlich strengere Datenschutzbestimmungen boten als das US-Unternehmen. Weltweit konnte nicht einmal der schwerreiche Suchmaschinen-Betreiber Google mit seinem sozialen Netzwerk Google+ etwas gegen den Siegeslauf ausrichten. Facebook knackte im 2012 die magische Marke von einer Milliarde Nutzern.

„Wir freuen uns auf unser nächstes Jahrzehnt“, erklärte Zuckerberg diese Woche bei der Bekanntgabe der Geschäftszahlen. „Wenn man sich die Größe unserer Gemeinschaft anschaut, bin ich sehr begeistert über die Geschwindigkeit des Wachstums“, sagte Zuckerberg. Alleine von Oktober bis Dezember vergangenen Jahres kamen 39 Millionen Nutzer hinzu. „Die Leute beteiligen sich auch mehr.“ Woran der Firmengründer das abliest? An der Zahl der „Gefällt mir“-Klicks oder „Likes“, wie es in der englischen Facebook-Version heißt. An einem normalen Tag im Dezember seien es mehr als sechs Milliarden gewesen nach 3,8 Milliarden ein Jahr zuvor.

Zuckerberg als Weltverbesserer

Künftig will Facebook dabei helfen, auch den „Rest der Welt“ miteinander zu vernetzen. Das wirtschaftliche Fundament für dieses Vorhaben könnte derzeit kaum besser sein: Im Schlussquartal 2013 konnte das Unternehmen nach eigenen Angaben seinen Gewinn im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf 523 Millionen Dollar (382 Millionen Euro) verachtfachen. Der Umsatz von Oktober bis Dezember betrug demnach 2,6 Milliarden Dollar, ein Plus von 63 Prozent.

Dabei ist es noch gar nicht lange her, dass sich Facebook-Kritiker in ihrer Skepsis bestätigt wähnten. Im Mai 2012 legte das soziale Netzwerk den größten Börsengang der Technologiebranche hin und wurde auf einen Schlag mit 104 Milliarden Dollar bewertet – mehr als der deutsche Elektronik-Riese Siemens.

Doch technische Pannen beim Börsendebüt und Fehleinschätzungen zur Nachfrage nach der Facebook-Aktie ließen den Kurs in den folgenden Monaten auf weniger als die Hälfte des Ausgabepreises von 38 Dollar abstürzen. Verunsichert fragten sich Investoren, ob der gewaltige Börsenwert für das junge Unternehmen gerechtfertigt sei. Facebook, das sich zu rund 90 Prozent über Werbung finanziert, fehlte zu diesem Zeitpunkt noch eine überzeugende Strategie für das wachsende Anzeigengeschäft auf Smartphones und Tabletcomputern. „Wir haben kräftig Schläge eingesteckt“, sagte Zuckerberg.

Inzwischen hat das Unternehmen seine Hausaufgaben gemacht. Fast 80 Prozent der Nutzer, 945 Millionen Menschen, greifen nach den jüngsten Zahlen mobil auf Facebook zu. Im vergangenen Quartal stammte erstmals mehr als die Hälfte der Werbeeinnahmen von Anzeigen auf Smartphones und Tablets. „2013 war das Jahr, in dem wir unser Geschäft in ein mobiles Geschäft verwandelt haben“, sagte Zuckerberg. An der Börse ist Facebook mittlerweile ein Liebling der Anleger: Der Aktienkurs knackte kürzlich die 60-Dollar-Marke.

Mit strategischen Zukäufen versucht Facebook, seine Spitzenposition unter den sozialen Netzwerken zu festigen. Im Frühjahr 2012 übernahm das Unternehmen das bei jungen Nutzern beliebte Foto-Netzwerk Instagram. Auch Snapchat erhielt vergangenes Jahr ein Kaufangebot, lehnte aber ab.

Die Versuche mit eigenen Produkten den Coolness-Faktor wiederzubeleben, waren zuletzt nicht von Erfolg gekrönt- Die mit viel Tamtam vorgestellte Interessensuche „Graph Search“ trifft nicht immer ins Schwarze, die Benutzeroberfläche Facebook Home für Android-Smartphones floppte völlig und die Foto-App Poke mit von alleine verschwindenden Bildern dümpelt vor sich hin.

Seinen Enthusiasmus haben diese Stolpersteine aber nicht gebremst. Zuckerbergs unbescheidenes Ziel lautet: „Jeden vernetzen und durch Teilen die Welt verbessern.“ Heutzutage habe erst ein Drittel der Weltbevölkerung überhaupt Zugang zum Internet. „Wenn die Leute erst einmal vernetzt sind, haben sie Zugang zu Dingen wie grundlegenden Finanzdienstleistungen, Gesundheitsinformationen und Bildung.“ Was Zuckerberg nicht sagt: Die Leute können sich dann auch bei Facebook anmelden.