Interview

„Ich habe meine Buße getan“

Der Gastronom Jürgen Gosch über Steuerhinterziehung, gierige Unternehmer und – das Wetter

Jürgen Gosch kann nicht anders. Er sitzt in seinem Fischrestaurant in Wenningstedt auf Sylt und spricht jeden Gast an, der an ihm vorbeigeht. Der 72-Jährige kommt jeden Tag. Bevor er am Vormittag losfährt, schaut er sich in in Braderup noch die Wetterdaten an. Wetter ist sein einziges Hobby. Mit Gosch sprach Birger Nicolai.

Berliner Morgenpost:

Die rote Plane unter den Spanngurten flattert bedenklich. Wird sie den Sturm heute Nacht aushalten?

Jürgen Gosch:

Dass Ihnen die hässlichen Gurte aufgefallen sind! Das sieht überhaupt nicht schön aus, eher wie auf dem Jahrmarkt als bei Gosch. Ich muss mich gleich morgen darum kümmern. Den Sturm halten die Planen aus.

War das Tief Xaver der schlimmste Sturm oder war es Christian?

Christian war vier Stunden lang sehr heftig. Wenn ein Sturm nur über Schleswig-Holstein hinwegweht, ist das problematisch. Er muss sich verteilen können, möglichst von Deutschland bis nach Skandinavien. Aber solche Stürme sind normal, dass müssen wir überstehen. Es gab früher noch viel schlimmere Wetterlagen.

Haben Sie sich immer schon für das Wetter interessiert?

Als Kind mochte ich Schnee sehr gerne. Deshalb habe ich angefangen, jeden Tag die Temperatur und den Niederschlag aufzuschreiben. Dann wusste ich, wann in den Vorjahren der erste Schnee gekommen war. Wenn dann nachts die erste Flocke gefallen ist, konnte ich nicht schlafen. Meine Mutter hat das dann immer daran gesehen, dass am Fenster an einer Stelle keine Eisblumen auf dem Glas waren, weil ich dort gestanden und rausgeschaut hatte. Heute höre ich jeden Tag drei oder vier Wetterberichte, bevor ich aus dem Haus gehe.

Die Vorhersagen stimmen doch nur selten.

Wetterberichte aus Dänemark sind schon ganz zuverlässig. Die Dänen können das besser als wir, das liegt vielleicht daran, dass sie für ihre vielen Schiffe und Bauern genaue Vorhersagen brauchen.

Verstehen Sie Dänisch?

Ja, ich spreche Dänisch. Das habe ich als Kind gelernt. In den 40er-Jahren bekamen wir in Tönning sogenannte Speckpakete von den Dänen, die mussten wir uns aus den dänischen Schulen abholen. Da habe ich es gelernt. Heute spreche ich jeden Tag Dänisch, zum Beispiel wenn ich Fisch bei unseren dänischen Großhändlern bestelle.

Können Sie Ihrer Familie noch mit dem Wetterhobby kommen, oder drehen die sich nur um?

Meinen Sohn Björn habe ich mit der Begeisterung für das Wetter angesteckt. Wir waren schon zusammen in Grönland oder am Südpol und haben Wettermessungen gemacht und Wassertemperaturen aufgezeichnet. Mein Sohn lebt in Australien, wenn wir telefonieren, schnacken wir manchmal nur über das Wetter. Aber das ist einmal klar: Bei gutem Wetter ist Sylt weltweit unschlagbar.

Was macht Ihr Sohn in Australien?

Björn studiert dort Meeresbiologie. Er forscht an Algen, die auf Fischfarmen zur Ernährung genutzt werden sollen. Im Mai bekommt er seinen Doktortitel, dann fliegen wir hin. Wenigstens aus einem in der Familie ist etwas geworden.

War die Übernahme der Familienfirma für ihn nie ein Thema?

Doch, das war sie. Björn hat zuerst ein Wirtschaftsstudium gemacht und in der Firma gearbeitet. Aber das war nichts für ihn, er wollte sich hier auf Sylt nicht einsperren lassen. Das war schade für mich, aber ich habe es verstanden. Obwohl er das nicht schlecht gemacht hat. Ich bin vielleicht schlauer als er, aber er ist klüger als ich.

Sie haben Ihre Tochter Anja nicht angesprochen. Sie soll doch die Firma eines Tages übernehmen, oder?

Meine Tochter hat in Dubai das Hotelfach gelernt und fünf Jahre dort gearbeitet. Heute führt sie zusammen mit meinem Schwiegersohn drei Gosch-Restaurants in Westerland, und das machen sie gut. Seit sie die Verantwortung dort hat, bin ich nicht mehr in den Geschäften gewesen. Ich will nichts kontrollieren, ich vertraue den beiden. Vielleicht wird daraus eines Tages mehr.

Sie sind 72. Wie lange wollen Sie die Verantwortung noch tragen?

Der liebe Gott soll das entscheiden. Wenn ich keine Kraft mehr habe, höre ich auf. Dann werden wir mehrere Geschäftsführer für die Restaurants einsetzen. Ich wüsste gar nicht, was ich ohne meine Arbeit machen sollte. Ich habe wenige Freunde, weil ich immer im Geschäft bin. Ich würde dann gerne mehr Zeit mit meiner Enkeltochter Linda verbringen.

Was waren Schlechtwetterperioden in Ihrem Leben?

Als ich das Geschäft aufgebaut habe, waren einige Dinge riskant. Wenn ich für eine Fischbude in List oder ein Geschäft in Westerland Ablöse bezahlt hatte, wusste ich nicht, ob das am Ende alles gut ausgehen würde. Die eigene Fabrik war anfangs ebenfalls ein Risiko. Na ja, und meine erste Ehe, die nicht lange hielt, war auch nicht gerade die beste Zeit.

Die Steueraffäre zählt nicht dazu? Angeblich ging es um sieben Millionen D-Mark Schwarzgeld?

Das war ein dummer Fehler. Ich hatte Geld in Luxemburg angelegt und Zinsen nicht in Deutschland versteuert. Ich habe mich 1997 selber beim Finanzamt angezeigt und die Sache bezahlt. Ich habe meine Buße getan. Ich wollte nie viel Putz davon machen.

Haben Sie Uli Hoeneß schon einmal Fisch serviert?

Ich kenne Uli, und ich kann nur sagen, dass auch er einen Fehler gemacht hat. Aber immerhin ist er nicht ins Ausland abgehauen, sondern stellt sich der Sache.

Ist Gier bei manchem vermögenden Menschen ein Problem?

Ein Unternehmer, der keine Gier hat, ist ein schlechter Unternehmer. Als Unternehmer fühle ich mich wie auf einer Autofahrt in einer Einbahnstraße. Ich kann nirgends abbiegen, ich kann nicht umkehren, ich kann nur geradeaus weiterfahren. So empfinde ich mich manchmal. Ich mache mir nicht viel aus Geld, aber es macht mich glücklich, wenn ich viel davon habe.