Arbeitslosenzahl

Winter macht arbeitslos

Mehr Menschen ohne Job. Aber der Anstieg fällt auch in Berlin geringer aus als im Jahr 2012

Der Arbeitsmarkt in Deutschland hat trotz einer Zunahme der Arbeitslosenzahl auf über drei Millionen einen so guten Jahresauftakt erlebt wie lange nicht mehr. Erstmals seit 15 Monaten waren im Januar nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) wieder weniger Menschen arbeitslos gemeldet als ein Jahr zuvor. „Das bislang milde Wetter spielte dabei kaum eine Rolle“, sagte BA-Vorstandsmitglied Heinrich Alt in Nürnberg. Einen großen Anteil an dem für die Jahreszeit geringen Anstieg habe gehabt, dass mehr Menschen durch Teilnahme an Fördermaßnahmen aus der Statistik herausgefallen seien. Bei der Behörde waren im Januar 3,136 Millionen Arbeitslose registriert. Das seien 263.000 mehr gewesen als im Dezember, aber 2000 weniger als vor einem Jahr. Der saisonübliche Anstieg fiel schwächer aus als in den Vorjahren.

In Berlin ist die Entwicklung ähnlich. Die Zahl der Arbeitslosen in der Hauptstadt hat sich im Januar saisonbedingt um gut 13.000 auf rund 215.000 erhöht. Die Quote stieg verglichen mit Dezember um 0,7 Punkte auf 11,9 Prozent, wie die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit mitteilte. Das sind aber 0,5 Punkte weniger als vor einem Jahr. Direktionschef Dieter Wagon sprach vom niedrigsten Januar-Wert seit 1991. „Die wirtschaftliche Entwicklung in Berlin ist weiter gut.“

Die Quote stieg in Berlin vor allem, weil etwa auf dem Bau und in der Gastronomie im Winter weniger Personal gebraucht wird. Zudem melden sich im Januar viele arbeitslos, deren Verträge zum Jahresende ausgelaufen sind. Rechnen die Statistiker diesen Effekt heraus, ergibt sich eine etwas niedrigere Arbeitslosigkeit als im Dezember.

„Erstmals seit März 2009 belegt Berlin jetzt den drittletzten Platz in der gesamtdeutschen Arbeitsmarktstatistik und liegt vor Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Dieser hoffnungsvolle Start ins neue Jahr deutet darauf hin, dass Berlin auf einem guten Weg ist, die Rote Laterne dauerhaft abzugeben“, sagte Christian Wiesenhütter, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Berlin. Beim Aufbau sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung verbleibe Berlin im Ländervergleich wie auch in den Vormonaten auf dem Spitzenplatz.

Auch Brandenburg liegt im Trend. Die Zahl der Arbeitslosen im Land hat sich saisonbedingt um 14.000 auf gut 142.000 erhöht. Die Quote stieg um einen Punkt auf 10,6 Prozent, wie die Regionaldirektion mitteilte. Das waren allerdings noch 0,4 Prozentpunkte weniger als vor einem Jahr. Die Quote ist damit in Brandenburg so niedrig wie seit 1991 nicht.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) sieht den Arbeitsmarkt in guter Verfassung. Erfreulich sei, dass der Einsatz von arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen diese Entwicklung stützen konnte, heißt es in einer Stellungnahme. Für eine starke Wirtschaft und einen stabilen Arbeitsmarkt hat nach Nahles' Worten die Sicherung und Förderung von Fachkräften hohe Bedeutung.

Tatsächlich wird der Fachkräftemangel für immer mehr Unternehmen zur Wachstumsbremse. Mehr als jede dritte Firma (36 Prozent) sieht sich nach einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) durch fehlende Fachkräfte in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung gefährdet. Das war der höchste Wert seit Beginn der DIHK-Umfrage nach wirtschaftlichen Risiken vor vier Jahren. In der Bauwirtschaft fürchtet sogar jedes zweite Unternehmen (53 Prozent) den Fachkräftemangel als Wachstumsbremse, bei den Dienstleistern sind es 40 Prozent, in der Industrie 28 und im Handel 27 Prozent.

40 Prozent nehmen sich dem DIHK-Arbeitsmarktreport zufolge vor, ihre Attraktivität zu steigern. Neben dem Einkommen spielen dafür auch flexible Arbeitsbedingungen und Karrierechancen eine Rolle. „Auch mit einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf wollen immer mehr Unternehmen Mitarbeiter gewinnen und halten“, sagte der stellvertretende DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks der Berliner Morgenpost. Das gelte für jedes dritte Unternehmen – vor sechs Jahren waren es noch nicht einmal halb so viele.

Dabei hat sich die Nachfrage nach Fachkräften aktuell aus Sicht der Unternehmen etwas entspannt. Zwar klagt jedes vierte Unternehmen, dass es offene Stellen länger als zwei Monate nicht besetzen kann, weil passende Arbeitskräfte fehlen. Vor Jahresfrist hatten allerdings noch 29 Prozent der Unternehmen Stellenbesetzungsschwierigkeiten. Die langsamere konjunkturelle Gangart im Jahr 2013 hat die Fachkräftenachfrage gesenkt, erläuterte der DIHK. Auch die Zuwanderung habe Stellenbesetzungsprobleme gedämpft.

Schwierigkeiten bei der Stellenbesetzung haben vor allem Zeitarbeitsunternehmen (75 Prozent). Für Zeitarbeitsfirmen ist die Akquise neuer Mitarbeiter besonders schwer, weil in vielen anderen Branchen gute Beschäftigungsmöglichkeiten mit langfristiger Perspektive bestehen. Viele Unternehmen haben ihre Belegschaft ausgebaut und dabei auch Zeitarbeiter übernommen. Überdurchschnittlich häufig über Fachkräfteengpässe klagen auch Ingenieurbüros und IT-Dienstleister sowie das Gastgewerbe (59 Prozent).

Trotz zunehmender Anstrengungen steigt das Risiko Fachkräftemangel jedoch für die Unternehmen. „Anziehende Konjunktur sowie der demografische Wandel werfen ihren Schatten voraus“, meinte Dercks. An der Spitze der Maßnahmen zur Fachkräftesicherung steht die Aus- und Weiterbildung. Mehr als jedes zweite Unternehmen setzt auf den eigenen Nachwuchs und die Qualifikation der Mitarbeiter. 30 Prozent der Unternehmen setzen auf die Ausweitung der Beschäftigung älterer Mitarbeiter - vor zwei Jahren war es erst jedes vierte.

Stark an Bedeutung gewinnt auch die Einstellung ausländischer Fachkräfte. Für 18 Prozent gehört dies zu den Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel. Vor zwei Jahren waren es erst zwölf Prozent. Dercks warnte mit Blick auf die aktuelle Diskussion um „Armutszuwanderung“ und „Sozialtourismus“, eine pauschale Diskussion um soziale Probleme mit einigen Zuwanderern sei „gefährlich“. Im Ausland könne der Eindruck entstehen, Fachkräfte seien hierzulande nicht willkommen. Dabei brauche Deutschland künftig mehr, statt weniger qualifizierte Zuwanderung.