ADAC

Pannenstatistik schöngerechnet

Viele Schadensfälle tauchen gar nicht auf. ADAC kündigt Konzentration auf Kerngeschäft an

Der skandalgeschüttelte ADAC will sich nach den Worten seines Präsidenten künftig wieder mehr seinen Kernkompetenzen zuwenden und damit sein beschädigtes Image aufpolieren. „Was sind unsere Stärken? Die wollen wir sauber und ordentlich für das Mitglied einsetzen. Sperenzchen lassen wir jetzt grundsätzlich bleiben“, sagte ADAC-Präsident Peter Meyer der „Automobilwoche“. Künftig wolle der Club bei jedem Test und jedem Index prüfen, ob dieser zum Markenkern gehöre.

Auch bei politischen Diskussionen wolle der ADAC künftig vorsichtiger agieren, so Meyer. Wenn der Club künftig zu politischen Fragen Position beziehe, sollten zunächst die Mitglieder durch ein anerkanntes Institut befragt werden. „Das Ergebnis dieser Umfrage, zertifiziert und bestätigt – das ist dann die Position des ADAC, weil sie eine Mehrheitsposition ist“, betonte Meyer.

Die Frage, wie der Verein zu seinen Beurteilungen kommt, stellt sich inzwischen auch im Bereich der Pannenstatistik, eine komplizierte Berechnung aus Pannenkennzahlen, linearen Notenzuordnungen und Korrekturfaktoren. Das Forschungsergebnis aus 2,6 Millionen erhobenen Einsätzen seiner Pannenhelfer stellt der ADAC dennoch hübsch und einfach dar. Seit 1978 gibt der Club die Rangliste mit farbig unterlegten Symbolen heraus, die angeblich Aufschluss darüber gibt, welche Autos besonders zuverlässig und welche störanfällig sind. Die prestigeträchtige Liste wird von Neuwagenkunden als Kauforientierung geschätzt und ist ein anerkannter Indikator, um den Restwert eines Gebrauchtwagens zu taxieren. Nicht zuletzt kann sie Autobauern als wertvolles PR-Instrument dienen – falls deren Erzeugnisse Spitzenplätze belegen. Dann ist sie für die Hersteller willkommene Werbung. Doch blind vertrauen kann man der Pannenstatistik nicht.

In der aktuellen Rangliste von 2013 bewertet der Automobilclub insgesamt 93 Fahrzeugtypen, vom zweisitzigen Winzling Smart Fortwo bis zum großen Audi A6. Eine Panne wird immer dann gezählt, wenn die Gelben Engel ausrücken, um einen Wagen wieder flottzumachen. Häufigste Pannenursache waren leere oder defekte Batterien. Damit populäre Autos wie VW Golf und Opel Astra in der Wertung nicht automatisch schlechter abschneiden, weil sie aufgrund ihrer weiten Verbreitung öfter liegen bleiben als seltenere Modelle, notieren die ADAC-Helfer von jedem Pannenfahrzeug das Zulassungsjahr. Daraus errechnen Statistiker mithilfe der offiziellen Zulassungszahlen am Jahresende, wie viele Pannen auf jeweils 1000 Autos eines Typs und Jahrgangs kamen.

Das Verfahren hat Tücken, denn beim ADAC ist Panne nicht gleich Panne. Wer zum Beispiel bei seinem Volvo V60 mit der in der Dachkonsole vorhandenen Notruftaste Hilfe holt, ruft zwar den gelben Pannendienstwagen des ADAC. Der Fahrer tritt aber als Dienstleister des schwedischen Herstellers auf. Die Tochtergesellschaft ADAC Service GmbH hat mit Volvo einen Vertrag über eine sogenannte Mobilitätsgarantie abgeschlossen.

140.000 Pannen nicht erfasst

Diese Pannen fließen nicht in die ADAC-Statistik ein. Ebenso haben Opel, Chevrolet, Cadillac, Citroën/Peugeot, Ford, Honda, Jaguar/Land Rover, Hyundai/Kia, Mercedes und Nissan entsprechende Abkommen mit dem ADAC geschlossen. Jenseits der Statistik haben die Pannenhelfer so 140.000 Fälle allein im Jahr 2012 abgearbeitet.

Da kann es nicht verwundern, dass ein Citroën C4 Picasso auf Platz zwei der Wertung in der unteren Mittelklasse liegt. „Wir haben diese Statistik schon immer kritisch gesehen, weil nicht jede Panne über den ADAC gemeldet wird“, sagt Wolfgang Meinig, Leiter der Forschungsstelle Automobilwirtschaft in Bamberg. „Eine wirklich aussagekräftige Pannenstatistik müsste über die Gesamtheit der deutschen Autohändler und Werkstätten erhoben werden.“

Ein Branchenkenner und Unternehmensberater, der nicht genannt werden will, vermutet gar ein abgekartetes Spiel: „Die Hersteller haben die Möglichkeit, ihre Ergebnisse völlig legal zu frisieren, und der ADAC unterstützt sie durch seine Assistance-Dienste, Zuverlässigkeit vorzutäuschen.“ Ein Interessenkonflikt liegt nahe. Der Mobilitätsservice fällt in den kommerziellen Bereich, die Hilfe der von ADAC-Mitgliedern verständigten Gelben Engel hingegen ist eine originäre Leistung des gemeinnützigen Vereins ADAC.

Noch aus einem anderen Grund bildet die Statistik die Zahl der Havarien verzerrt ab. Denn einige Hersteller gönnen sich den Luxus eines werkseigenen Notfalldienstes. So hat VW in Deutschland 1400 silbern lackierte und über eine kostenfreie 0800-Nummer anforderbare Pannenfahrzeuge im Einsatz.

Generell gilt: Je besser es gelingt, Kunden an die eigene Pannen-Hotline oder den eigenen Pannendienst zu binden, desto größer die Chance, beim ADAC-Ranking Top-Plätze zu erringen. Zumal Autobauer mal mehr, mal weniger unverblümt dazu animieren, nicht reflexartig den Autoklub aus München um Hilfe zu bitten.

Eine Broschüre im Handschuhfach oder ein Aufkleber mit der hauseigenen Notfallnummer an der Windschutzscheibe gehören noch zu den defensivsten Marketingmaßnahmen. Keiner der von der angefragten Hersteller wollte sich zur Aussagekraft der Pannenstatistik äußern. Wenn der ADAC im Zuge der Affäre um die geschönten Stimmen für den Leserpreis Gelber Engel nun mehr Transparenz ankündigt, „sollte er dies auch dringend bei den komplexen Bemessungsgrundlagen der ADAC-Pannenstatistik selbst tun“, rät Meinig.