Unternehmen

Die Lückenschließer

Point Nines Berliner Start-up-Fonds hat seit dem Start in zehn Gründungen investiert. Zehn weitere sollen dieses Jahr folgen

Drei Monate ist her, dass Point Nine Capital neue Räume in der Jägerstraße in Mitte bezogen hat. Trotzdem wirkt in der Etage alles noch unfertig, karg. „Es war einfach viel zu tun“, sagt Pawel Chudzinski wie zur Entschuldigung: „Und ich denke, wir werden auch in diesem Jahr weiter viel zu tun haben.“

Chudzinski ist Co-Chef des Wagnisfinanzierers Point Nine Capital, der vor einem Jahr den ersten und bislang einzigen originären Berliner Venture-Capital-Fonds (Point Nine Capital II) für Start-ups aufgelegt hat. 40 Millionen Euro schwer, investieren Chudzinski und sein Partner Christoph Janz vor allem in junge Unternehmen, die sich mit Softwaredienstleistungen (SaaS) beschäftigen.

Point Nine versteht sich dabei als sogenannter Frühphaseninvestor für Unternehmen, die schon auf eigenen Beinen stehen. Investiert werden in der ersten Phase bis zu 750.000 Euro, in der zweiten Phase auch mehr.

An zehn Unternehmen hat sich Point Nine seit dem Start des Fonds beteiligt, darunter die Supermarkt-App Scondoo und der Kleinkredite-Vermittler Mambu aus Berlin, der Kreditvermittler und -scorer Kreditech aus Hamburg oder das Nachhilfe-Netzwerk Brainly aus Krakau (siehe Kasten). Zwölf Millionen Euro wurden investiert. Weitere zehn Start-ups sollen in diesem Jahr folgen. „Wir planen mit einem pro Monat“, sagt Chudzinski. Das Kapital des Fonds stammt vor allem von institutionellen Anlegern wie Horseley Bridge aus San Francisco, der polnischen RTA Venture und dem Wagnisfinanzierer des Softwarekonzerns SAP.

Geografisch konzentriert sich der Wagnisfinanzierer auf Europa, hat sich aber auch jeweils an einem Start-up in den USA und Canada beteiligt. „Wir sind in erster Linie ein europäischer Investor“, sagt Chudzinski, der neben Deutschland Polen und die baltischen Staaten als Kernmärkte definiert. „Aber Kanada ist für uns interessant: rührige Gründerszene, europäisch geprägt und lange nicht so überlaufen wie die USA.“

Europäische Wagnisfinanzierer werden derweil dringend benötigt: Point Nine schließt mit dem Fonds eine Lücke in der Finanzierung von Start-ups, die von Gründern immer wieder beklagt wird. Anschubfinanzierungen für erste Ideen gibt es auch in Berlin von zahlreichen Investoren oder der wachsenden Zahl von Acceleratoren. Die dabei investierten Summen sind in der Regel aber selten höher als 100.000 Euro.

Die Anschlussfinanzierung ist dann umso schwerer. „Deutschland, eigentlich ganz Kontinentaleuropa, sind unterfinanziert“, sagt Chudzinski. „Dass die amerikanischen VCs hier einfliegen, ihr Investment machen und dann wieder verschwinden, ist noch die Regel. Aber langsam verändert sich das.“ Mit dem Fokus auf Dienstleistungs-Software setzt Point Nine auf langfristige Investments. Solche Anwendungen brauchen länger bis zur Geschäftsreife, sie versprechen aber auf lange Sicht eine höhere Rendite für Investoren.

Damit unterscheidet sich der Fonds vom Vorgänger. Der wurde 2010 noch unter dem Dach des Inkubators Team Europe aufgelegt, aus dem sich Point Nine 2011 ausgründete. Der sechs Millionen Euro schwere Fonds beteiligte sich – dem damaligen Trend entsprechend – vorrangig an e-Commerce-Unternehmen, an denen sich auch Team Europe beteiligte. So hat Point Nine I unter anderem das frühe Wachstum des Lieferdienstportals Lieferheld (Delivery Hero) oder des Online-Brillenversenders Mister Spex mitfinanziert. An 22 Unternehmen hatte sich der erste Fonds beteiligt, 16 der Beteiligungen werden noch gehalten. Von den Mister Spex-Anteilen hat sich Point Nine im Sommer getrennt.

Mit dem zweiten Fonds haben Chudzinski und Janz auch ihre Unabhängigkeit von Team Europe gestärkt. Dessen Gründer Lukasz Gadowski und Kolja Hebenstreit sind mit eigenen Geld im Fonds investiert. „Und wir sind nach wie vor befreundet, aber jeder von uns macht sein eigenes Ding“, sagte Chudzinski. An den letzten Team-Europe-Gründungen vor dem Radikal-Umbau im Herbst hatte sich Point Nine schon nicht mehr beteiligt.

Seit dem Auszug aus der Team Europe-Zentrale in der Mohrenstraße im Oktober sucht Point Nine auch seine eigene Identität, mit eigenem Klingelschild und Empfang. Insgesamt sieben Menschen arbeiten mittlerweile für den Investor inklusive der beiden Partner.