Interview

Es kann auch zwei geben

Professorin Ann-Kristin Achleitner über den Wettstreit der Gründerzentren Berlin und München

Ann-Kristin Achleitner gehört zu den einflussreichsten Frauen der deutschen Wirtschaft. Ihr Wort hat nicht nur in der Wissenschaft sondern auch in der Praxis Gewicht. Die 47-Jährige ist Professorin für Entrepreneurial Finance an der TU München. Sie sitzt im Aufsichtsrat von Linde und der MunichRe sowie der französischen GDF Suez und der Metro-Gruppe. Die Gründer, sagt sie im Gespräch mit Inga Michler, werden in den kommenden Jahren auch die Arbeitswelt in Konzernen verändern.

Berliner Morgenpost:

Ihr Spezialgebiet sind Gründer. Sie selbst haben sich aber immer etablierte Arbeitgeber ausgesucht – eine Unternehmensberatung, die Universität. Kam Gründung für Sie persönlich nie in Frage?

Ann-Kristin Achleitner:

Doch – die Gründerwelt hat mich immer fasziniert. Anfang der 2000-er Jahre habe ich daher auch eine Venture-Capital-Gesellschaft mitgegründet – die GI Ventures AG. Damit haben wir Gründer aktiv unterstützt.

Wenn Sie heute am Anfang Ihrer Karriere stünden, könnten Sie sich vorstellen, ein Unternehmen zu gründen?

Das könnte ich mir absolut vorstellen. Aber ich bin eine Anhängerin von Team-Gründungen. Ich könnte betriebswirtschaftliches Know-how mitbringen, bräuchte aber einen Counterpart für die technische Seite. Nicht umsonst versuchen wir an der TU München zusammen mit unserem Gründerzentrum, der UnternehmerTUM, Gründer aus verschiedenen Fachgebieten zusammenzubringen.

Laut Global Entrepreneurship Monitor planen oder gründen hierzulande nur vier Prozent aller Erwachsenen ein eigenes Unternehmen – weniger als in den meisten anderen Industrieländern. Woran liegt das?

Nicht überall sind die Menschen noch so zögerlich. In den vergangenen zehn Jahren hat sich viel getan. Jetzt verlässt eine Generation die Hochschulen, die Spaß hat am Gründen und am selbstbestimmten Leben.

An deutschen Hochschulen jedenfalls gab es im Dezember 110 Gründerlehrstühle. Muss man unsere Entrepreneure denn zum Jagen tragen?

Der innere Impuls ist natürlich unerlässlich. Man muss viele Menschen aber auch erst aufrütteln. Sie müssen erleben können, dass Unternehmertum eine gute Idee sein könnte. Außerdem brauchen sie das Rüstzeug, um als Unternehmer erfolgreich zu sein. Das ist für mich wie bei der Musik. Erst einmal muss man darauf kommen, dass man Lust auf ein Instrument und die nötige Begabung hat. Die allein reicht aber auch nicht, um gut zu sein. Man braucht auch Unterricht. Daher ist es eine positive Entwicklung, dass Deutschland inzwischen im Verhältnis zur Einwohnerzahl genauso viele Gründerlehrstühle hat wie die USA.

Wichtig für Deutschland sind innovative Gründungen. Die brauchen oft besonders viel Kapital für Forschung und Entwicklung. Bis heute hat sich der Private-Equity-Markt aber nicht von der Krise 2008 erholt. Fehlt es an risikobereiten Investoren?

Wir haben eine andere Struktur der Risikoinvestoren als andere Länder, wie etwa die USA, in denen auch Universitätsstiftungen und Pensionsfonds eine große Rolle spielen. Aber die Debatte um das nötige Kapital allein springt zu kurz. Es müssen sehr viele Dinge zusammen kommen, damit ein Unternehmer erfolgreich sein kann. Das eine ist die finanzielle Unterstützung. Das andere sind zum Beispiel erste Kunden, die bereit sind, mit jungen Firmen zusammen zu arbeiten.

Wo fehlt es an dieser Bereitschaft?

Ich würde mir sowohl von Konzernen als auch von der staatlichen Seite noch mehr Interesse an jungen Geschäftspartnern wünschen. Im Markt konnten diese Unternehmen, da sie gerade erst gegründet wurden, ja noch kein großes Vertrauen aufbauen. Da sind einige Referenzkunden besonders wichtig.

Sagen Sie das auch den Konzernen, in denen Sie im Aufsichtsrat sitzen?

Ja, der Appell geht an alle Großunternehmen. Sie sollten versuchen, Ökosysteme zusammen mit jungen Firmen zu bilden. Es ist auch strategisch klug, junge Unternehmen in die eigene Innovationsstrategie mit einzubauen. Dabei sollte man ihnen die Gelegenheit geben, zu ernsthaften Marktspielern heranzuwachsen.

Um sie sich dann, wie es oft geschieht, selbst einzuverleiben?

Solange sie diese Unternehmen in einem fairen Prozess kaufen, muss das ja gar nicht schlecht sein. Ich kann mir ein Ökosystem vorstellen, in dem kleine Startups entstehen, die dann als Spinins in Großunternehmen aufgehen. Das kann für beide Seiten gut sein. Es gibt ja auch die Seriengründer, die gleich mit der nächsten guten Idee starten. Wichtig ist allerdings, dass die jungen Unternehmen nicht durch den Sparzwang von Konzerneinkäufern im Keim erdrückt oder ihre Ideen einfach nur kopiert werden.

Die Finanzierungsrunden werden kleiner. Gehen die Deutschen eher den Weg des „klein klein“ anstatt nach dem nächsten „Google“ oder „Facebook“ zu suchen?

Das neue SAP, die nächste große Wachstumsstory, die gibt es in Deutschland tatsächlich noch nicht. Warum, das ist eine interessante Frage. Interessant ist aber auch eine andere Stufe der Investitionen, über die wir bisher hierzulande zu wenig diskutiert haben: die sogenannte Validierungsstufe, bevor ein klassischer Risikokapitalgeber einsteigt. Da geht es um gute Ideen, die noch nicht in marktfähige Patente und fertige Unternehmen verpackt sind.

Die mit Abstand meisten Investitionen fließen nach Berlin, weit vor Bayern auf Platz zwei. Entsteht in der Hauptstadt ein deutsches Silicon-Valley?

Im E-Commerce ist absolut beeindruckend, was Berlin gestemmt hat. Da spielt die Life-Style-Komponente eine große Rolle. Es ist eine junge, frische Stadt, die junge Leute anzieht. Im Bereich der klassischen technologieorientierten Gründungen allerdings ist der Süden weiterhin ein sehr guter Nährboden. Er punktet mit seinem Zusammenspiel von Universitäten, großen außeruniversitären Forschungseinrichtungen und großen Unternehmen wie Siemens oder General Electric.

Ökonomen sprechen von Pfadabhängigkeiten und Cluster-Effekten. Kann es in einem Land wie Deutschland nur ein, mit Bayern maximal zwei Gründerzentren geben?

Es können auch mehr sein. Starke Universitäten und Forschungszentren haben Sie zum Beispiel auch im Rheinland. Unterschiedliche Industrien und Branchen können unterschiedliche Zentren haben.