Medikamente

Kassen erleichtern chronisch Kranken das Leben

Arzneimittel mit besonderen Wirkstoffen sollen nicht mehr gegen Rabattarzneien getauscht werden

Chronisch Kranke, zumindest wenn sie gesetzlich versichert sind, kennen das nur zu gut: Über Jahre hinweg nehmen sie dieselben Medikamente ein, doch wenn ihre Krankenkasse die Rabattverträge mit den Herstellern ändert, müssen sie sich umstellen. Zwar ist der Wirkstoff innerhalb einer bestimmten Medikamentengruppe stets derselbe, doch sind die Trägerstoffe, mit denen ein Wirkstoff durch den Körper transportiert wird, je nach Hersteller unterschiedlich zusammengesetzt. Für manche chronisch Kranke, wie etwa Schmerzpatienten, Epileptiker, Schilddrüsen-Patienten oder Parkinson-Erkrankte, bei denen schon die kleinste Veränderung in der Medikation unerwünschte Wirkungen haben kann, kann genau das zu einem Problem werden.

Seit Langem ringen Apotheken, Patienten, Hersteller und Krankenkassen daher darum, welche Arzneien vom Austauschzwang bei Rabattverträgen ausgenommen werden sollen. In diesem Streit haben Apotheken und Kassen sich nun überraschend geeinigt. Für einige besonders heikle Wirkstoffe soll künftig ein Austauschverbot gelten, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind. Dazu zählen etwa die nur geringe therapeutische Breite eines Wirkstoffs und die bestehende Verordnungspraxis von Ärzten und Apothekern.

Ab April soll das Austauschverbot zunächst für die Wirkstoffe Ciclosporin und Phenytoin gelten. Ciclosporin wird zur Dämpfung des Immunsystems etwa nach Organtransplantationen eingesetzt, Phenytoin kommt bei der Behandlung von Epilepsie zum Einsatz. Über die Aufnahme weiterer Arzneien will die Schiedsstelle, die die Einigung begleitete, mit Hilfe von Gutachtern in den nächsten Monaten entscheiden.

„Für viele chronisch Kranke sind das gute Nachrichten“, sagte Rainer Bienfait, Verhandlungsführer des Deutschen Apothekerverbandes. Auch Hersteller- und Patientenverbände begrüßten die Einigung. „Damit wird endlich einem ungehinderten, ausufernden Austausch von Medikamenten ein Riegel vorgeschoben. Denn in der bisher von einigen Kassen gelebten Form gefährdet der Austausch die Gesundheit von chronisch kranken Menschen“, sagte Henning Fahrenkamp, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie. Harry Kletzko, Vizepräsident der Deutschen Schmerzliga, sprach von einem ersten Schritt in die richtige Richtung, um unnötige Belastungen für Patienten zu vermeiden.

Die Patientenvereinigung hatte das Thema ursprünglich 2011 mit einer Petition losgetreten. Während Apotheken, Patienten und Hersteller darauf setzen, dass im Verlauf des Schiedsverfahrens weitere Wirkstoffe auf der Austauschverbotsliste landen, geben sich die Krankenkassen deutlich zurückhaltender. Der Beschluss sei allenfalls eine „akzeptable Zwischenlösung“, hieß es beim Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen. Die Kassen sehen bei dem Thema eher die Politik am Zug. Im Koalitionsvertrag haben Union und SPD vereinbart, dass der Gemeinsame Bundesausschuss eine Austauschverbotsliste erstellen soll. Gelingt auch das nicht, soll Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) entscheiden.

Die Zurückhaltung der Kassen dürfte auch darin begründet sein, dass es bei dem Thema um viel Geld geht. Ursprünglich hatten die Apotheker 2013 eine Liste mit 20 Wirkstoffen vorgeschlagen, darunter zum Beispiel solche zur Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder von chronischen Schmerzen. Die Kassen hatten diesen Vorschlag allerdings abgelehnt. „Die jetzt ausgewählten zwei Wirkstoffe bilden so etwas wie den kleinsten gemeinsamen Nenner“, hieß es dazu von Experten.

Auf Basis der Hersteller-Listenpreise (Informationen der Gesundheitsberatungsfirma IMS Health) liegt der Jahresumsatz des Wirkstoffs Ciclosporin in Deutschland bei rund 45 Millionen Euro. Davon entfallen sechs Prozent auf Präparate, für die ein Rabattvertrag bestand. Bei Phenytoin beträgt der Jahresumsatz 719.000 Euro, bei einem Anteil von 22 Prozent von Präparaten unter Rabattvertrag. Größere finanzielle Einbußen müssen die Kassen nach der überraschenden Zwischenlösung wohl nicht befürchten.