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Der Nächste, bitte!

Nach Nicolas Berggruen ist René Benko dran: Der Schulabbrecher und Millionär aus Wien soll Karstadt übernehmen

Für Liebhaber barocken Prunks ist Schloss Harrach bei Wien ein Traum. Treppen aus weißem und rotem Marmor, goldverzierte Doppelflügeltüren und dunkles Parkett, so weit das Auge reicht. Der richtige Rahmen für einen repräsentativen Empfang mit illustren Gästen wie Pop-Ikone Tina Turner. Im Trubel eines Empfangs dort schwärmt sie: „Freundschaft, Party, Vorweihnachtszeit, beste Stimmung. Das sind gute Zeiten.“ Neben ihr ein junger Mann im offenen Businesshemd: René Benko, Hausherr und Gastgeber auf Harrach.

Von dem 36-jährigen Investor hängt das Schicksal Dutzender deutscher Innenstädte ab. Benko ist der Mann, der sich die besten Stücke des Kaufhauskonzerns Karstadt gesichert hat und der über eine Option auf den großen Rest zugreifen kann, das Stammgeschäft in weiteren 83 Warenhäusern. Ihm traut man es auch zu, noch einen Schritt weiterzugehen und Karstadt mit dem Rivalen Galeria Kaufhof zusammenzuschweißen. Zur Deutschen Warenhaus AG. Wie rasch Benko die interne Umwälzung bei Karstadt vorantreibt, zeigte sich vergangene Woche an Spitzenpersonalien. Erstmals sind das lahmende Stammgeschäft, die gut laufenden Sporthäuser und drei Edelfilialen um das Berliner KaDeWe nicht nur rechtlich, sondern auch personell getrennt worden.

Der Jungmillionär bewegt sich zwischen Party und Profit, seit er mit 17 die Schule abgebrochen hat. Das schnelle Wachstum und die mangelnde Transparenz seiner Signa-Immobiliengruppe lassen jedoch immer wieder Zweifel an deren finanzieller Stabilität aufkommen. Bisher hat Benko die Skeptiker Lügen gestraft.

Benkos größtes Kapital ist seine Fähigkeit, vermögende und mächtige Menschen von seinen Plänen zu überzeugen. Hans-Peter Haselsteiner etwa, Großaktionär des Baukonzerns Strabag und in den 90er-Jahren Abgeordneter im österreichischen Parlament, ist kürzlich als Anteilseigner beim Benko-Ableger Signa Prime Selection eingestiegen. Bei Karstadt paktiert Benko mit dem Großinvestor Beny Steinmetz. Benkos Signa Prime und Steinmetz teilen sich über Gemeinschaftsfirmen sowohl die Immobilien als auch den Betrieb der Sporthäuser und der drei Edelwarenhäuser in Berlin, Hamburg und München.

Illustre Anteilseigner

Der Israeli sitzt dadurch indirekt mit Arabern im Boot: Zweitgrößter Aktionär von Signa Prime ist nach Benko die Falcon Private Bank aus Zürich, die wiederum einem Staatsfonds aus Abu Dhabi gehört. Aktionär Nummer drei mit zehn Prozent Anteil ist seit November der deutsche Tierfutter-Tycoon Torsten Toeller („Fressnapf“). Auch der ehemalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking ist eingestiegen, ebenso wie Berater-Legende Roland Berger und Ernst Tanner, der Chef des Schokoladenherstellers Lindt & Sprüngli. Berger und Wiedeking sitzen außerdem neben dem ehemaligen österreichischen Bundeskanzler Alfred Gusenbauer im zehnköpfigen Beirat der Dachgesellschaft Signa Holding, den Benko selbst leitet.

Den Grundstock seines auf mehr als 500 Millionen Euro geschätzten Vermögens legte der Sohn eines Innsbrucker Kommunalbeamten und einer Kindergärtnerin aber im Alleingang: Mit vernachlässigten Dachgeschossen in Wiener Mietskasernen, die er gegen die Zusicherung, Aufzüge in die Häuser einzubauen, billig übernahm, ausbaute und teuer weiterverkaufte. Einer der Wohnungskäufer, der Tankstellen-Erbe Karl Kovaric, glaubte an das geschäftliche Geschick des Tirolers. 2001 investierte er 26 Millionen Euro in gemeinsame Immobiliengeschäfte. Später traf Benko den griechischen Großreeder George Economou. Der wurde sein wichtigster Geschäftspartner. Seit gut vier Jahren gehört Economou knapp die Hälfte der Anteile an der Dachgesellschaft Signa Holding.

Auch heute, an der Schwelle zum Durchbruch auf dem deutschen Markt, hat Benko zu kämpfen. Da ist der Vorwurf der Korruption. Im August bestätigte das Oberlandesgericht Wien ein Urteil der Vorinstanz, die Benko zu zwölf Monaten Haft auf Bewährung verurteilt hatte. Eine Tochterfirma, Signa 03, soll dem ehemaligen kroatischen Ministerpräsidenten Ivo Sanader vertraglich 150.000 Euro zugesichert haben, wenn dieser in einem Steuerverfahren in Italien seine Kontakte zum damaligen Regierungschef Silvio Berlusconi zugunsten der Firma spielen lassen würde.

Zwar kam es nach einem Bericht des „Manager Magazin“ weder zur Kontaktaufnahme noch zur Zahlung des Honorars – doch weil Sanader auf den Vertrag pochte, wurden Wiener Wirtschaftsstaatsanwälte auf den Fall aufmerksam. Die Richterin der ersten Instanz sprach von einem „Musterbeispiel für Korruption“. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, Benko weist alle Vorwürfe zurück.

Partner Steinmetz hat ebenfalls Ärger mit der Justiz. Steinmetz, laut „Forbes“-Liste mit 4,1 Milliarden Dollar Vermögen reichster Israeli, hat sein Geld mit Rohstoffen und Diamanten gemacht. Die Regierung des afrikanischen Guinea wirft seiner Holding BSG Resources Bestechung bei der Vergabe von Schürfrechten für das Erzvorkommen Simandou 2008 vor. Der Investor bestreitet jegliches Fehlverhalten.

Die Negativschlagzeilen könnten für beide Magnaten kaum zu einer ungünstigeren Zeit kommen. Eine umfassende Neuordnung des deutschen Warenhausmarkts wäre der ganz große Coup. Doch Kommunen sind nach den Enttäuschungen mit dem vermeintlichen Karstadt-Erlöser Nicolas Berggruen misstrauisch gegenüber neuen Versprechungen von Investoren. Mitarbeiter und Gewerkschaften fordern einen Ausgleich für den Lohnverzicht der vergangenen Jahre.

Zwar heißt es unisono bei den Unternehmen, zu einer Übernahme gebe es derzeit keinerlei Gespräche, doch das könnte sich ändern, sobald bei Karstadt Klarheit herrscht. Dann könnte Benko die Ära der alten Warenhäuser beenden. Die Ketten würden in drei Teile zerlegt: Top-Standorten wie dem Berliner KaDeWe winkt eine Zukunft in einer Gruppe internationaler Edelwarenhäuser. Bei zweitklassigen Lagen in Mittelstädten läuft das Konzept auf Einkaufszentren hinaus, in denen Textilfirmen, aber auch Supermärkte oder Fitnessstudios Flächen mieten können. Spezialisten wie Karstadt Sport wären Verkaufskandidaten. Die Umsetzung des Konzepts ist bei Karstadt in vollem Gange.

Vorbild Harrod’s

Als Vorbilder in der Premiumgruppe dienen Harrod’s in London, Rinascente in Mailand oder Jelmoli in Zürich. Der neue Chef der Sparte, der Schweizer André Maeder, hat Berufserfahrung bei Karstadt und Harrod’s gesammelt. Die veredelte Premiumgruppe könnte selbstständig und unter neuem Namen antreten, spekuliert die Branche.

Blaupause der Umbauten der klassischen Karstadt-Häuser ist Benkos Gesellenstück, das Kaufhaus Tyrol in Innsbruck. Es galt als veraltet und ohne rechte Perspektive. Benko machte daraus ein Einkaufszentrum mit mehr als 50 Mietern von Deichmann bis WMF. „Wir verzeichnen eine Besucherfrequenz monatlich, die die Einwohnerzahl von Tirol übersteigt“, sagt ein Projektbeteiligter stolz. „Wir schaffen Magnete, die die Innenstädte wieder zum Leben bringen.“ Ob dieses Rezept bei Karstadt wirkt, ist offen.

Der Umbau des Stammgeschäfts sei eine „große Herausforderung“, gibt man im Benko-Umfeld zu. Dabei liegt die Bewirtschaftung der klassischen Warenhäuser offiziell noch bei Berggruen, solange Benko und Steinmetz ihre Option auf die Übernahme nicht genutzt haben. Tatsächlich ist ihr Einfluss jedoch schon groß. So wollen sie bis 2015 rund 300 Millionen Euro in die Karstadt-Häuser investieren.

Die Hälfte davon fließt in die Veredelung der Sport- und Premiumhäuser, die Signa bereits gehören. Mit den übrigen 150 Millionen Euro sollen die 83 traditionellen Kaufhäuser reanimiert werden. Neue Rolltreppen, eine effiziente Beleuchtung, moderne Ladentheken und Kurse für Mitarbeiter stehen in einem Investitionsplan. Mieterhöhungen bei bestimmten Häusern sollen das investierte Geld wieder einspielen.

Die Probleme mit der Justiz dagegen könnten Benkos Image belasten. Immerhin bliebe ihm, sollte er in der letzten Instanz unterliegen, die Rache des Immobilien-Tycoons. Seine Signa Holding könnte einem Mieter in Wiener Toplage kündigen: dem Verfassungsgerichtshof der Republik Österreich.