Brillenfachmesse

Das perfekte Brillengestell aus dem 3D-Drucker

Ist das der Umbruch in der Optikerbranche? Nach dem individuell geschliffenen Brillenglas bieten Berliner Unternehmer nun die persönliche Fassung

Der Besuch beim Optiker könnte in Zukunft anders verlaufen. Es werden nicht nur die Augen getestet und ausgemessen, sondern der Kopf samt Augenpartie eingescannt. Wie breit ist der Schädel, wie dick ist die Nase? Die Daten sind nötig, um den möglicherweise größten Umbruch der Augenoptikbranche auszulösen: die komplett maßgeschneiderte, individuelle Brille für Sehstärke und Gesicht. Hergestellt mit Computerhilfe in einem 3D-Druckverfahren, bei dem aus Pulver die persönliche Brille entsteht.

Für Moritz Krueger ist das keine Zukunftsmusik. Der 34-jährige ist Mitgründer und Geschäftsführer des Berliner Brillenunternehmens MyKita. Das Unternehmen mit inzwischen 300 Beschäftigten gilt als technologischer Vorreiter sehr hochwertiger Brillenfassungen, die in einem High-Tech-Verfahren hergestellt werden. Dabei wird Kunststoffpulver mit einem Laser zu dreidimensionalen Formen verschmolzen.

Noch sind die 2011 erstmals angebotenen Brillen der Kollektion Mylon nicht speziell für jeden Kopf angepasst. Doch das ändert sich. „Binnen zwei Jahren wollen wir mit individuellen Fassungen auf dem Markt sein“, sagt Krueger auf der derzeit stattfindenden Münchner Brillenfachmesse Opti.

Derzeit präsentieren auf der Messe nur wenige Anbieter Brillenfassungen, die aus Pulver produziert werden. Das dürfte sich in Zukunft ändern. In Kalifornien, den Niederlanden und anderswo entstehen Firmen, die maßgefertigte Brillen zur Selbstverständlichkeit machen wollen und dafür Investoren suchen. Das US-Unternehmen Protos will beispielsweise aus zwei Fotos die genauen Kopfdaten für die individuelle Brille errechnen. Dem niederländischen Unternehmen Luxexcel ist es angeblich bereits gelungen, nicht nur die Fassung, sondern auch Gläser einer Brille zu drucken. Der belgische Brillenhersteller Patrick Hoet druckt in Zusammenarbeit mit dem Technologiespezialisten Melotte sogar individuelle Brillenfassungen aus Titan.

50 bis 60 Prozent sind fehlsichtig

Der deutsche MyKita-Chef spricht auch von jahrelangen Versuchen, bis die Brillen aus dem Kunststoff Polyamid 12 ihre heutige glatte Oberfläche und Farbbeständigkeit bekamen. „Die heute schon hochpräzise gefertigten Brillengläser werden in Zukunft in Kombination mit einem ebenso exakt gefertigten individuellen Rahmen zu einem besseren Seherlebnis führen“, prognostiziert Krueger. Endlich gebe es jetzt Technologien für die kundenindividuelle Produktion großer Stückzahlen.

Dabei positioniert sich MyKita im oberen, edlen Hochpreissektor als Brillenmanufaktur „Made in Germany“. Geliefert wird in über 70 Länder. 2013 lag der Umsatz bei gut 20 Millionen Euro. Verkauft werden auch Brillen aus Metall oder üblichem Brillen-Kunststoff. Von den Mylon-Fassungen mit dem speziellen Herstellungsverfahren wurden 2013 allein 20.000 Stück abgesetzt. Derzeit kosten die Mylon-Fassungen 400 bis 600 Euro.

Für die Branche könnte der Verkauf maßgeschneiderter Brillen ein neues Zusatzgeschäft bedeuten. Der Umsatz der deutschen augenoptischen Industrie legte 2013 leicht um gut zwei Prozent auf 4,04 Milliarden Euro zu. Aber es fehlen Impulse für die Industrie, die etwa die Hälfte ihres Umsatzes in Deutschland erzielt. Alle Bemühungen um mehr Absatz, sei es durch Sonnenbrillen, modische Zweitbrillen oder spezielle Gläser für den Blick auf Computer und Smartphones, haben bislang keinen echten Umsatzschub gebracht. Seit Jahren dümpelt die Zahl der verkauften Sehhilfen in Deutschland bei jährlich elf Millionen. Dabei sind 50 bis 60 Prozent der Bevölkerung fehlsichtig und brauchen eine Brille.

Daher blickt der Industrie-Fachverband Spectaris mit großem Interesse auch auf Neuentwicklungen wie Brillen aus dem 3D-Drucker oder die Datenbrille Google Glass. „Das sind sehr spannende Entwicklungen, die für die Branche riesige Chancen bietet“, sagt Sprecher Peter Frankenstein. Auch Krueger sieht in Zukunft in der Brille mehr als nur eine Sehhilfe. „Das Produkt der Zukunft verbindet aber Technologie mit Ästhetik. Wir wären der richtige Partner“, sagt Krueger und schmunzelt dabei. Das klingt wie eine Einladung an Google.