Südostasien

Berliner Start-ups starten in Südkorea durch

In Seoul herrscht ein Gründer-Boom. Die Menschen im Land sind große Freunde von mobilen Services und Spielen. Deutsche Firmen nutzen das

Wenn die roten, quadratischen Diamanten explodieren und zusammenfallen, machen sie Platz für die grünen sechseckigen Diamanten, bis die auch zerplatzen. Es gibt noch gelbe und und blaue Diamanten. Doch als die Stimme aus dem Lautsprecher die Haltestelle „Noksapyeong“ ankündigt, schaltet die ältere Dame ihr Samsung-Handy aus und läuft gebückt aus der U-Bahn.

Ältere Frauen, die ganz selbstverständlich Mobiltelefon-Spiele spielen, zwischendurch mit ihren Freundinnen im Netz chatten oder lautstark telefonieren – das sind sichtbare Zeichen dafür, dass Südkorea das Land ist, in dem die digitale Revolution am rasantesten voranschreitet. In den vergangenen 60 Jahren hat es das kleine asiatische Land zur achtwichtigsten Wirtschaftsmacht des Planeten geschafft. Seoul, die Hauptstadt, hat sich von der kompletten Zerstörung nach dem Ende des Korea-Krieges im Jahr 1953 zur zweitgrößten Weltmetropole entwickelt. Große Firmen wie Samsung, LG und Hyundai haben daran ihren Anteil. Doch Südkorea versucht aktiv, nun auch mit Start-ups mitzuspielen und gegen das Silicon Valley und Berlin anzutreten.

Ludolf Ebner-Chung hat lange in Berlin beim Existenzgründerzentrum (Inkubator) Rocket Internet gearbeitet und kam vor drei Jahren nach Seoul. Als Halbkoreaner kann er die Kultur schneller erfassen und wollte schlicht von der Schnelligkeit in Korea profitieren. „Wenn ich hier einen W-Lan-Anschluss bestelle, klingelt nur drei Stunden später ein Techniker an der Tür“, sagt er.

Jeder hat Breitband-Internet

Bei der Durchdringung mit Apps ist diese Schnelligkeit genauso von Vorteil: „Wenn jemand eine neue App gut findet, verbreitet sich das hier sehr schnell, weil fast alle ein Smartphone besitzen.“ Den Satz „Mir reicht ein Telefon zum Telefonieren“ habe er in Seoul noch nie gehört. Ebner-Chung hat in dem Inkubator Seoul Space das Start-up Yogiyo aufgebaut, eine Tochter der Berliner Essens-Lieferservice Lieferheld.

Laut koreanischer Internetexperten sind die Veränderungen der vergangenen drei Jahre größer, als jene der zwölf Jahre davor. In dieser Zeit sind aus einem Inkubator in Seoul mehr als 2000 geworden, aus 3000 Start-ups seien 12.000 geworden. Zudem sind in diesem Zeitraum 103 Prozent der Haushalte mit Breitband-Internet ausgestattet worden – mehr Anschlüsse als es Haushalte gibt. Die Infrastruktur für mobile Applikationen ist wegen des flächendeckenden W-Lan in Großstädten zudem ebenfalls perfekt geeignet. Korea will genau das gern sein: hyperschnell, hypertrendy und hyperkompetitiv.

Diese Stimmung war nur einer der Gründe, warum die Berliner Spielefirma HitFox neben San Francisco ein Büro in Seoul eröffnet hat. „Peking, Shanghai und Tokio sind nur ein bis zwei Stunden entfernt“, sagt Tim Koschella von HitFox, „aber man hat aber bessere Bedingungen als in den genannten Städten, eine Firma aufzubauen.“ Zudem fand Koschella es praktisch, als Deutscher ohne große Formalien die Firma gründen und einen Mietvertrag unterschreiben zu können. Nur an Englisch-Sprachkenntnissen mangelt es vielen Menschen vor Ort noch. Deshalb habe er ausschließlich Muttersprachler in Seoul eingestellt.

In Südkorea wird der Wettbewerb nicht, wie im Rest der Welt, von kleinen Start-ups angekurbelt, also „von unten“, sondern von der Regierung. Nach dem Beispiel etwa von Australien hat die 2013 gewählte Regierung in Südkorea ein sogenanntes Zukunftsministerium eingerichtet. Es kümmert sich nur um Technologien wie App-Entwickler und andere Start-ups, soll diese fördern. Erklärtes Ziel ist es, Südkorea zu einem Land zu machen, das auch in der Kreativität welthöchstes Niveau erreicht. Dafür will es mehrere Wettbewerbe im Land ausloben – um so das nächste Google oder Facebook selbst zu schaffen.

Experten wie Ludolf Ebner-Chung sieht hier einige Veränderungen. „Noch vor fünf Jahren“, sagt er, „war es für junge Uni-Absolventen unmöglich, ihren Eltern zu sagen, dass sie eine eigene Firma gründen wollen.“ Viel wichtiger sei es für Mütter und Väter gewesen, für ihren Sohn oder die Tochter einen Job in einem der großen Unternehmen zu bekommen. „Inzwischen verändert sich der Ruf von Start-ups“, sagt er, „es wird langsam so cool wie in den USA.“ Gründer sitzen den ganzen Tag in den zahlreichen W-Lan-Cafés oder mieten tageweise ein Büro an. Die Lebenshaltungskosten seien in Seoul nicht viel höher als in Berlin und die Infrastruktur durch die vielen anderen Start-ups und den vielen Inkubatoren vielleicht sogar besser.

Für ausländische Investoren stellt Südkorea noch immer eine Ausnahme dar, die zum Beispiel dazu führte, dass sich Nokia, Blackberry und Motorola wegen der Vormachtstellung von Samsung komplett aus dem Land zurückgezogen haben. Weder Google, noch Ebay, noch Amazon konnten sich hier signifikante Anteile sichern. Immer gibt es südkoreanische Firmen, die schneller sind, und die von Koreanern eher genutzt werden, einfach, weil es von Koreanern entwickelt wurde. Statt „Whats-App“ nutzen 100 Prozent aller Smartphone-Besitzer „Kakao-Talk“, einen ähnlichen Kurznachrichtendienst, der auch kostenloses Telefonieren ermöglicht. Die Suchmaschinen-Nummer-Eins heißt „Naver“, das von 77 Prozent der Internetnutzer bevorzugt wird. Statt Facebook haben viele „Cyworld“ genutzt, und wechseln nur, wenn sie auch mit Menschen aus dem Ausland befreundet sein wollen.

Anpassungen an das Publikum

Die beiden Riesen „Naver“ und „Line“ gehören beide zur Firma NHN, einem der größten koreanischen Internet-Konzerne. Mit ihm arbeitet jetzt auch die deutsche Firma Bigpoint zusammen, die erste Spielefirma aus Westeuropa in Korea. Sie hat dort im Sommer das Online-Abenteuerspiel „Drakensang“ erfolgreich eingeführt.

„Zusammen mit NHN haben wir intensiv daran gearbeitet“, sagt Manager Khaled Helioui, „die Sprache und auch die Geschichte an das koreanische Publikum anzupassen.“ Dafür wurden nicht nur die Befehle in koreanische Schriftzeichen übersetzt. „Zunächst mussten wir den Schwierigkeitsgrad erhöhen“, sagt Heloui, „da koreanische Spieler mehr Spielerfahrung haben und viel schneller durchs Spiel kommen.“ Zudem hat Bigpoint für die Spielfiguren ein virtuelles Haustier programmiert, das dem Nationaltier „Jindo“, einer koreanischen Hunderasse, ähnelt. „Eine spezielle Live-Veranstaltung im Onlinespiel“, sagt er, „greift als Thema den nationalen Feiertag Chuseok auf.“ Hier spielen wieder die alten Damen mit den zerplatzenden Diamanten in der U-Bahn eine Rolle: Nur in Japan werden mehr mobile Spiele gespielt, auch gegeneinander. Experten sprechen von einer „weltweit größten Marktdurchdringung“ mit Onlinespielen – das gleiche gilt für den Kaufwillen im Netz. Zudem ist Südkorea die Geburtsstätte von „Core-Spielern“, also jenen, die auf regelrechten Meisterschaften gegeneinander antreten. All diese Dinge müssen ausländische Unternehmen verstehen, bevor sie sich auf den koreanischen Markt wagen.

Worauf es jetzt für Südkorea ankommt, ist, dass ein Unternehmen es von Seoul aus in die Welt schafft. „Kakao Talk“ wird gerade auch auf ersten Telefonen in Europa benutzt. Eine Möglichkeit könnte in „Fashion-Tech“ liegen, also der Verbindung von Mode und Technik, auf beide Industrien sind Koreaner stolz. Ein Fashion-Tech-Gründerprogramm hat gerade seine Büros in Seoul bezogen. Ob es von dort in die Welt geht, werden die kommenden Monate zeigen, nicht: Jahre. Ein weiterer Standort-Vorteil in Korea ist, dass sich alles ganz schnell entscheidet, bei bunten Diamanten in der U-Bahn oder bei Start-ups. Auf Koreanisch: palipali.