Medien

Chinesischer Millionär greift nach der „New York Times“

Recycling-Unternehmer will den Blick des Westens auf China verändern

In China ist er eine Berühmtheit, außerhalb des Landes kennt ihn kaum jemand. Jetzt greift der exzentrische chinesische Unternehmer Chen Guangbiao nach einer der berühmtesten Zeitungen der Welt: Er will die „New York Times“ kaufen. „Es gibt nichts, was man nicht für den richtigen Preis erwerben kann“, sagte Chen. Und kündigte an, am 5. Januar einen „Großaktionär“ der Zeitung in New York zu treffen, um seine Übernahmepläne zu besprechen.

Beobachter rätseln über die Motive für den Vorstoß. Bisher ist Chen nicht als Verleger oder Medien-Unternehmer in Erscheinung getreten. Sein Vermögen, das er im Reich der Mitte mit Recycling-Firmen verdiente, wird mit 740 Millionen Dollar (rund 540 Millionen Euro) angegeben. Den Gesamtwert der Zeitung bezifferte Chen auf eine Milliarde Dollar.

Er würde nicht zögern, einen Großteil seines Vermögens zu veräußern, um die „New York Times“ zu kaufen, erklärte der Chinese. Chen führte an, einen nicht namentlich genannten Hongkonger Milliardär gewonnen zu haben, die fehlenden 600 Millionen Dollar für die Übernahme beizusteuern. Dabei scheint es Chen weniger ums Geschäft zu gehen als um politischen Einfluss. Auf die „Times“ aufmerksam wurde Chen nach eigenem Bekunden im August 2012. Damals schaltete er eine halbseitige Anzeige in der Zeitung, um die Position seines Heimatlandes im Konflikt um die Inselkette im Südchinesischen Meer zu unterstützen.

China und Japan erheben beide Anspruch auf die Inseln. Nach Auffassung von Chen wird in den westlichen Medien die chinesische Sicht der Dinge zu wenig berücksichtigt. „Damals merkte ich, dass der Einfluss der ‚Times‘ auf der ganzen Welt unglaublich groß ist“, sagte Chen. Jede Regierung und jede Botschaft rund um den Globus achte darauf, was in dieser Zeitung stehe.

Die Übernahmeabsichten haben eine pikante Note. Die Webseite der „New York Times“ ist in der Volksrepublik seit 2012 gesperrt. Damals zog die Zeitung den Zorn der chinesischen Führung auf sich, weil sie einen Bericht über den Reichtum des ehemaligen Premier Wen Jiabao gebracht hatte. Chen rechtfertigte die Handlung seiner Regierung. Der Bericht über Wen sei voreingenommen gewesen und habe unüberprüfte Aussagen enthalten: „Wenn ich die Zeitung erwerbe, wird sie nur die Wahrheit berichten und muss alle Informationen checken“, sagte der Unternehmer. Und fügte hinzu: Ginge es nach ihm, sollte jeder chinesische Haushalt die Zeitung abonnieren.

Beobachter halten es nicht für sehr wahrscheinlich, dass Chen den Zuschlag für die „Times“ tatsächlich bekommt. Kontrolliert wird die „New York Times“ von der Familie Ochs-Sulzberger. Dem Vernehmen nach hat die Familie, die seit mehr als 100 Jahren mit der Zeitung verbunden ist, kein Interesse, an Chen zu verkaufen.

Unternehmer Chen ficht das nicht an. Sollte sein Angebot scheitern, werde er es bei anderen amerikanischen Medienmarken probieren. Er nannte den Nachrichtensender CNN und die Zeitungen „Washington Post“ oder „Wall Street Journal“ als mögliche Objekte seines Interesses. Chen gilt als Philanthrop, aber auch als Exzentriker. Er macht sich stark für den Kampf gegen Umweltverschmutzung und bedient sich dabei auch spektakulärer Aktionen. In einer davon verkaufte der unermüdliche Selbstdarsteller in smogeplagten Peking Frischluft in Dosen.